Auf die Zukunft!

Vor 45 Jahren ging sie los, die Reise, die mich hier in meine neue Heimat gebracht hat. Ganz kurz war die erste Etappe, noch im Bauch meiner Mutter- von Kübelberg nach Ottweiler ins Marienkrankenhaus. Ich kenne die Uhrzeit nicht, aber es war Freitag, der 3. September 1976 als ich dort als Nadine Fried zur Welt kam und kurz darauf meinen Platz bei meinen Eltern und Großeltern auf der Siedlung in Kübelberg fand. 

Ich hadere mit meinen Geburtstagen, verfalle regelmäßig in Anbetracht des fortschreitenden Alters in geburtstagsdepressive Phasen, für die Sascha und meine Freunde oft nur ein „Du bist total verrückt!“ übrig haben. Gestern Abend, als ich die Hunde nach draußen führte- mein guter Sascha lag schon geschafft im wohlverdienten Feierabendschlaf- sah ich Julie, die sich gerade von den Anstrengungen des ersten Schultages erholte und bei einem Glas Cremant wohl auch feierte, dass ihre beiden Jungs nun im Bett schlummerten. Ich wollte sie in ihrer stoischen Pose nicht stören, da hatte sie mich schon gesehen und stand mit einem zweiten Glas Cremant zum Zaun. „Nadine, wir werden immer älter! Ich bin total kaputt von diesem ersten Schultag. Keiner der Jungs wollte seine Sachen ins Schließfach der Schule räumen. Da hab ich die Nerven verloren und gedroht sie selbst im Schließfach zu lassen, wenn sie sich nicht beeilen würden. Da ging’s auf einmal! Als ich mich umdrehte stand die neue Maitresse von Loic hinter mir und schüttelte ungläubig den Kopf! Was hat die Lehrerin jetzt für einen ersten Eindruck von mir? Rabenmutter? Ich bin einfach zu alt für das alles!“ Ich lachte und versuchte sie mit Worten zu trösten, aber es half nur ein zweites und drittes Glas Cremant. Während wir schlürften und erzählten, war die Sonne schon untergegangen, am Zaun war es dunkel geworden, die Sterne über uns leuchteten. Da sagte Julie: „Ach Nadine, ich hab ganz vergessen…. du hast ja gleich Geburtstag!“ Eine Träne rann mir über die Wange. „Geht’s dir gut? Noch drei Minuten! Wer wird denn da weinen? Ich komm vor den Zaun und wir stoßen richtig an!“ Sie öffnete das Tor ihrer Einfahrt und ich das Türchen unseres Vorgartens. Da standen wir nun, 45 Jahre nachdem alles begann, auf dem Gipfel des Blaubergs in Frankreich und lagen uns in den Armen. Sie drückte mich ganz fest. „Joyeux anniversaire, chere Nadine, chère amie!“  Da öffnet sich die Haustür, Sascha war von unserem Geschnatter aufgewacht. Plötzlich kam auch Eric- er war in Sorge wo Julie so lange blieb-  um die Ecke und so stießen wir an auf mein neues Lebensjahr und unsere Avenir en France. Meine geburtstagsdepressive Phase war wie weggeblasen und ich war wieder glücklich über das Glück, dass ich während der 45 Jahre gefunden habe und das, was noch auf uns alle wartet- in diesem großartigen Land mit unseren Freunden auf beiden Seiten der Grenze. 

Rollende Vögel und der Hasengott

Als wir vor vielen Jahren auf den Blauberg gezogen sind, hat uns unser Haus gleich verzaubert. Welches Zimmer das Meine werden sollte, war sofort klar. Die Gaube nach vorne heraus, direkt unterm Dach mit Blick auf unsere kleine Straße hatte es mir sofort angetan. Saschas Plattenzimmer grenzt an unser Wohnzimmer und ich arbeite direkt darüber mit Blick auf alles, was sich in der Rue der Camelias so tut. Mittlerweile steht in meiner Gaube ein grünes Sofa, das mein Arbeitszimmer zu meinem Schul-Zoom-Zimmer oder Facetime- Kontakt-nach- außen- Zimmer werden ließ. Gemütlich lässt es sich hier sitzen, lesen, schreiben und telefonieren. So war es auch letzte Woche, während des großen Regens.

Mein Fenster stand offen, ich saß auf dem Sofa und zoomte gerade mit einer meiner Cousinen, als von draußen Julie nach mir rief. Ich hatte sie früh morgens schon schreien gehört, aber ich dachte, Loic oder Theo hätten Unfug getrieben und maß ihrer lauten Stimme keine große Bedeutung zu. Ich musste sogar schmunzeln, weil die beiden Jungs zu richtigen Lausbuben im besten Sinn herangewachsen sind. „Nadine! Nadiiiiiiiine!“ Ihre Stimme klang jetzt anders und ich wunderte mich, dass sie bei strömendem Regen draußen war. Ich streckte meinen Kopf durch mein Gaubenfenster und sah Julie die Kapuze über den Kopf gezogen, in Gummistiefeln, völlig durchnässt in strömendem Regen vor dem Haus stehen. „Hast du unsere Hasen gesehen? Wir suchen sie schon den ganzen Morgen! Du hörst mich bestimmt schon die ganze Zeit rufen!“ Darum hatte sie also herumgeschrieen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. „Warum hast du mir das nicht schon früher gesagt? Wir hätten dir suchen helfen können!“ „Ich hab überall gesucht und der kleine, der ängstliche Schoko ist nicht zu finden! Es ist wie letztes Jahr! Weißt du noch während des Confinements? Nur dieses Mal hat Loic das Hasengatter aufstehen lassen! Lapidou, der große Hase ist wieder da, aber Schokooooooooo ist unauffindbar!“ „Ich komme sofort runter! Sascha ist zuhause und kann auch suchen helfen. Vielleicht sitzt er bei uns hinter dem Haus!“ „Ja, das wäre super! Aber ihr müsst euch zuerst noch um euren Vogel kümmern!“ Unseren Vogel? Schoss es mir durch den Kopf. „Wir haben keinen Vogel, Julie!“ „Doch, auf eurer Treppe sitzt ein kleiner Vogel!“ Als hätte ich es geahnt, zwei Tage vorher hatte ich mich mit Sascha noch unterhalten, was wir machen würden, wenn einer der kleinen Mauersegler, die unter unserem Hausdach nisten aus dem Nest fallen würde. Das Gespräch mit meiner Cousine musste ich jäh abbrechen und rannte die Treppe hinunter, um den kleinen Nestling vor den Fängen der Nachbarskatzen zu retten. Als Sascha und ich dann auf unserer Treppe standen, da saß da völlig durchnässt und hilflos wirklich ein kleiner Mauersegler. Ihr müsst wissen, ich hab Angst vor kleinen Tieren und so war Sascha sein Retter in größter Not. Schnell eine alte Kiste und ein Handtuch- Sascha setzte den Kleinen behutsam in die Notbehausung und nahm ihn mit herein, während Julie und die Kinder weiter den verlorenen Hasen suchten. Was tun? Da war guter Rat teuer. Auf Facebook in einer entsprechenden Gruppe um Hilfe gefragt und direkt erhalten. Es war zu spät den Kleinen noch in die Wildvogelauffangstation zu bringen, aber am nächsten Morgen um Acht stand die Kiste mit dem kleinen Mauersegler, in der er sich es schon ganz gemütlich gemacht hatte, auf dem Tisch der Wildvogelauffangstation in Püttlingen. Eine deutsch- französische Rettungsaktion war gelungen, der Mauersegler wieder in Sicherheit. Mission geglückt.

Zurück in unserer Straße, war ich verwundert, was am Place des Fleurs geparkt war: eine ganze Reihe Elektroroller war anscheinend in der Stadt verteilt aufgestellt worden. Auf ihnen steht der Name der Verleihfirma „Bird“, zu deutsch Vogel. Ich musste schmunzeln und an den kleinen Mauersegler denken. Noch mehr musste ich allerdings schmunzeln, als ich mir vorstellte, wie Sascha und ich sicherlich in nächster Zeit die rollenden Vögel ausprobieren und uns zur Lachnummer der Straße machen würden. Wieder die zwei verrückten Deutschen, da vorne. Ich stieg aus meinem Auto und kaum hatte ich die Tür zugeschlagen, kam Theo auf mich zu. „Nadine, Nadine!“ Ich dachte gerade schon darüber nach, wie ich ihn über den Hasenverlust trösten könnte, da schoss es schon aus ihm heraus: „Er ist wieder da! Schoko ist wieder da! Ich hatte solche Angst, dass er nicht mehr kommt und konnte nicht schlafen. Da bin ich zu Loic hinüber in sein Zimmer geschlüpft und wir haben beide zum Hasengott gebetet, dass er Schoko zurückbringt. Jetzt ist er wieder da!“ Das Kinderlachen schallte über den Berg und auch ich war dankbar, dass der Hasengott einsichtig gewesen war. Abends sah ich zu Julie, Eric und den Kindern hinüber, als Loic gerade die Hasen fütterte. Er prüfte gefühlte 100mal, ob das Gatter wirklich geschlossen war und ging dann zufrieden zum Abendbrot. 

Ich sitze jetzt wieder in meiner Gaube und wähle die Nummer meiner Kusine. Sie lacht ins Telefon, als ich ihr die tierische Geschichte vom MauerseglerNestling und Schoko erzähle. „Siehst du,“ sagt sie, „das ist wirkliche deutsch-französische Zusammenarbeit!“ Draußen höre ich die Jungs toben und die Mauersegler pfeifen- wieder alles im Lot auf dem Blauberg. Bleibt gesund da draußen und denkt dran, der Piks tut nicht weh!

Ferienanfang

Der erste Ferientag in Frankreich. Anders als in Deutschland bemerkt man den Beginn der Ferien direkt am Verkehr und der abnehmenden Geschäftigkeit. Die Sommerpause dauert in Frankreich zwei Monate und ist wirklich eine Pause. Sie beginnt mit Saschas Geburtstag und endet immer an meinem. Bis dahin schläft die Republik und träumt von unbeschwertem Leben, Urlaub im Süden- nicht in Spanien, sondern zumeist in Südfrankreich oder Korsika, einem Inlandsflug nach La Reunion oder französisch karibischer Unbeschwertheit.  

Alles neu macht der Mai sagt ein Sprichwort- bei mir ist es dieses Jahr eher der Juli. Das Ende des Schuljahres bietet sich an auszumisten. Nachdem ich nun seit einigen Tagen die Neugestaltung meines Büros vorangetrieben habe und für kurze Zeit Stammkunde bei Ikea in Saarlouis und Metz wurde, durfte unser alter Berlingo gestern die letzten Kartons und Ordner zur örtlichen Decheterie, der Saargemünder Sperrmüllentsorgung bringen. 

Die Männer dort gehen beim Ausladen und Containerfüllen freundlich zur Hand. Normalerweise geht es in der Decheterie recht gesittet zu- nur wenn einer meiner französischen Mitbürger versucht einen schwarzen, mit Haushaltsmüll gefüllten Sack in den „Da kommt Restmüll rein“- Container zu werfen, kann es sein, dass dem sonst so netten Entsorgungsmitarbeiter die Hutschnur hochgeht und er einen lauten Schrei abgibt. Bei genauerem Hinhören ist es eher ein lauter Jammerschrei- fast immer auf Französisch, aber auch im Saargemünder Platt. „O lala! Was machen dann ihr do?“….ein „och nee… nicht schon wieder!“  Daraus schallt die fast schon kollektive Erkenntnis über den, meinen Franzosen fast schon angeboren scheinenden Willen, sich nicht allen Regeln beugen zu wollen- und natürlich die „Einmal ist doch nicht so schlimm!“ Regel. Einmal die Regeln übertreten, selbst wenn es bei der Dechetterie ist- einmal ist doch nicht so schlimm. 

Dazu gesellt sich die „Ich zahl das ja auch!“-Regel. Manchmal erwartet man beim Beobachten der ganzen Diskussionen, dass der Regelverletzer gleich seinen Zahlbescheid für die Müllgebühren herauszieht und ihn dem kommunalen Mitarbeiter als Rechtfertigung unter die Nase hält. Am französischsten finde ich die „Ich war es nicht!“ Regel. Dabei wirft jemand einen besagten schwarzen Sack in den Restmüll- in den Container, in den normalerweise nur Plastik gehört, der Sack klirrt , platzt auf und Hausmüll, Weinflaschen, HundefutterDosen und normaler Küchenabfall verteilt sich auf das bereits von anderen richtig entsorgtem Plastik. Nicht, dass es für jeden Müll einen eigenen Entsorgungscontainer gäbe?! Besser ist es alles in einen Sack zu packen und ihn auf der Dechterie in irgendeinem Container zu entsorgen. 

Ich durfte das auch schon beobachten: Der ‚Täter‘ fuhr rückwärts zum Container mit der Aufschrift „Tout venant“ (PlastikRestmüll, kleiner Sperrmüll), schaute sich um, ob ein DecheterieMitarbeiter zusieht, öffnete die Heckklappe seines französischen Kastenwagens und warf vier Tüten voll mit Hausmüll in den Container. Alle zerbarsten laut hörbar auf dem Boden des Containers. Mit ihm zusammen warfen noch drei andere Leute Sachen in den Container. Der Mitarbeiter kam hinzugelaufen und als er fragte, von wem das wäre, zuckte jeder nur die Schultern- auch der Mann, der die Säcke hineingeworfen hatte. 

Ich stand fassungslos auf der gegenüberliegenden Seite der Decheterie als der ‚Schuldige‘ breit grinsend an mir vorbeifuhr, die „ich-war-es-nicht“ und die „wir-verpfeifen-keinen“ – Regel griff mal wieder. Den Mitarbeitern der Decheterie muss ich ein dickes Lob aussprechen. Ganz ehrlich- ich würde da oben die Nerven verlieren. Da passieren die unglaublichsten Dinge. 

Ich bin nicht so oft da, aber was ich da schon gesehen habe: 

Es gibt nur eine Einfahrt mit Schranke. Die Schranke öffnet sich nur mit persönlicher CodeKarte- da war ein Mann in den 40ern, der hatte die Karte vergessen, kurzerhand fuhr er falsch rum in die Anlage. Jeder hupte und den ohne Karte interessierte es nicht. Unbeirrt fuhr er weiter und wir alle mussten ihm Platz machen. Es gab Deutsche, die dachten, sie könnten ihren Müll ohne Berechtigung kostenlos in Sarreguemines entsorgen und dann über Europa und gleiches Recht für alle mit den Kommunalarbeitern disputieren. 

Viele kleine AutoRempler hab ich beobachtet, aber keiner regte sich auf, weil gefühlt sowieso jeder ein „Extra-Auto“ hat, um solche schmutzigen Sachen wie die Decheterie zu erledigen. 

Alles in allem sind meine Helden da oben die Mitarbeiter, die trotz all dem Durcheinander den Überblick behalten und für die Deutsche mit dem blauen Berlingo ein Lächeln und ‚ne helfende Hand‘ übrig haben. Die Decheterie ist wie ein Miniaturfrankreich: viel Verkehr, viele Leute, viel Palaver und irgendwie gibt es immer etwas zu schmunzeln.

Ob die Träume für die Decheterie-Mitarbeiter auf diszipliniertere Kunden in Erfüllung gehen, ob das „Hexagone“ wie unser liebes Frankreich auch genannt wird, endlich aus diesem Covid-Albtraum erwacht und seine Lebensfreude wieder so richtig aufflammt, das bleibt weiter abzuwarten. Wir tun alles dafür. 

Bleibt gesund! Ein schönes Wochenende 🙂 

Der MatheGrieche

Der MatheGrieche

Die Zeiten sind sonnig- zumindest draußen. Wir befinden uns etwa eine Woche vor dem geplanten Ende des Confinements und sind gespannt, ob sich auch das Couvre-Feu auflöst. Nach langen Monaten ohne abendlichen Ausgang, sei es nur einfach so zur Lichtmalerei oder anderen Freizeitaktivitäten, hörten wir gestern gespannt die Pressekonferenz unseres Premierministers Castex und wussten nicht, ob wir uns ob der angekündigten Öffnungsschritte wirklich freuen sollten. Es ist schon sehr verwunderlich, dass Frankreich einen so „ganz“ anderen Weg einschlägt- aber wie so oft- so nah beide Länder in anderen Dingen auch beieinander stehen, bewahrheitet sich mal wieder der Grundsatz: andere Länder- andere Sitten.
Im Moment befinde ich mich zwar in den französischen verordneten Ferien, aber meine deutschen Nachhilfeschützlinge wollen weiter gefordert und gefördert werden. Abiturvorbereitung reiht sich hinter RealschulabschlussPrüfungen, Studienarbeiten und täglichen Nachhilfe-ZoomKonferenzen ein- da Französisch, Englisch, Deutsch und da Mathe. So auch gestern. Da hatte ein junger Mann eine ganz eigene Theorie zum Thema andere Länder andere Sitten. Als ich mit ihm zusammen die griechischen Winkelbezeichnungen lernte und er erfuhr, dass die von den alten Griechen stammen, ging er kurz in sich, schaute mich ernst an und sagte: „ Nadine, ich war bestimmt auch mal ein Grieche. Also so einer von früher.“ Ich konnte das nicht ganz einordnen und fragte natürlich nach. „Wie kommst du denn darauf?“ „Also, in Religion haben wir über die verschiedenen Weltreligionen und über die Wiedergeburt gesprochen. Also ich war definitiv mal ein Grieche! Ich bin nämlich ein Gyrosfanatiker!!“ Ich hatte LachTränen in den Augen und konnte kaum weitermachen. Wir beide mussten so lachen und es tat so gut- gerade in diesen Zeiten. Mit diesem Lachen im Gesicht bewältigte er hinterher alle restlichen Aufgaben. Und ich? Mich ließ er nach der tollen Mathestunde zurück mit einem Lächeln und dem Bewusstsein, dass es auf beiden Seiten der Grenze mit Humor zurück in die vor-Covid-Normalität gehen wird.
Der Blauberg und damit auch ich in meinem Lehrer-Elfenbeinturm, wartet also genau wie ihr auf das Ende von Covid. Geimpft sind schon einige Bewohner, die anderen werden regelmäßig getestet und wir halten Abstand- soweit alles Corona-Normalität. Passt auf euch auf und haltet die Regeln ein, dann habt ihr da drüben die Notbremse bestimmt bald nicht mehr nötig.

Bleibt Gesund!

Kaltwarme Feiertage

Nun hat es uns wieder, das Confinement. Nach einer Woche erneuter Ausgangsbeschränkung auf 10 km Umkreis von unserem Haus, dem Verbot die Regionsgrenzen ohne triftigen Grund zu überqueren, Sperrstunde zwischen 7 Uhr abends und 6 Uhr morgens, hat sich das Confinement-Gefühl wieder halbwegs eingestellt. Die französische Schule hat geschlossen und die Ferien wurden vorgezogen. Für die Eltern, die im Gesundheitsbereich arbeiten gibt es eine Notbetreuung in der Schule. Unser kleiner Nachbar Loic zieht es eher vor bei mir in die „Schule“ zu gehen- in meinem Büro, neben meinem Schreibtisch, den ich zum Homeschooling nutze, habe ich ihm einen kleinen Tisch frei gemacht und wollte mit ihm zusammen in eine neue Arbeitswoche starten. Wie es der Teufel so wollte, es kam wie immer anders. Am Mittwoch vor Ostern fiel unsere Heizung aus- nicht, dass sie erst ein DreiviertelJahr alt wäre. Unerwartet schnell kam unser Heizungsmonteur vorbei und ich hoffte die Kaltwasserperiode wäre schnell vorüber, denn das Wetter wurde wie ihr wisst nicht unbedingt besser. Ok, also unser guter Chauffagiste kam, sah und schien zu siegen. Ersatzteil wurde schnellstens besorgt und nachdem es eingebaut war, festgestellt, dass es doch nicht die Zündung war. Alles klar, das Haus kühlte mehr aus, aber der liebe Heizungsinstallateur meinte, er würde das richtige Ersatzteil schnell- also bis Donnerstag besorgen – eine Nacht und einen Tag- wir sind ja keine Jammerlappen- das überleben wir. Gesagt, getan- Gründonnerstag, pünktlich zum Osterfest, rief der Heizungsmann an, sagte, das Teil sei da, er komme gleich vorbei. Prima- alles geklappt. Ein paar Minuten später stand er vor der Tür und verschwand mit meinem Mann im Keller, um die Reparatur voranzubringen. Böses schwante mir, als mein Sascha mit gesenktem Kopf aus dem Keller wieder nach oben kam. „Das Ersatzteil ist eingebaut,“ sagte er, „aber die Heizung läuft immer noch nicht! Wir wissen jetzt aber woran es hängt- ein gebrochenes Kabel!“ „Hat er das auf Lager?“ Fragte ich etwas verzweifelt. „Leider nein. Er muss es bestellen und er schaut, dass er es am Dienstag hat und kommt dann sofort zum Einbau!“ Ich erstarrte angesichts des kalten Duschwassers und der kalten Heizung. „Die ganzen Ostern kaltes Wasser?“ Sascha lächelte mich fast schon schadenfroh an und meinte nur kurz :“Geht ja alles auf Garantie!“ Ich dachte an Julien – meine Pläne mit ihm in meinem Büro zu arbeiten wurden über den Haufen geworfen. Wir hatten uns irgendwann ein Öfchen zum campen gekauft und das musste nun das Wohn- und Esszimmer heizen und alles geben, damit jeder von uns etwas davon hatte. Alles also nur eine Frage der Organisation. Über Ostern trugen wir also das Öfchen von Zimmer zu Zimmer- vor allem ins Bad. Meine Haare freuten sich über die Kaltwasserkur und so überlebten wir von der ganzen Situation etwas belustigt und mit Vorfreude auf den Reparaturdienstag die Osterfeiertage. 

Ich glaube jedem ist klar, dass die Ersatzteillieferung am Tag nach den Feiertagen nicht um 8 Uhr morgens von statten geht und daher der Heizungsfuzzi nicht um 9 vor der Tür stehen kann- man wünscht es sich trotzdem. Loic kam um 9.30 Uhr  und setzte sich zu mir an den Esstisch, in die Nähe des Heizöfchens, dass unser Wohn- und Esszimmer wohlig wärmte. Wir legten los- ich mit meinen Videokonferenzen und Julien mit seinem hart durchgeplanten „Ecole direct“- Unterrichtsplan- Respekt, da hat sich seine Lehrerin wirklich viel Mühe gegeben. Zwischendurch schaute ich aus dem Fenster in festen Hoffnung, das Auto des Mechanikers den Blauberg herauffahren zu sehen. Ich malte mir aus, wie es endlich wieder „ordentlich“ warm sein würde und wie ich wahrscheinlich das warme Wasser in der Dusche ordentlich ausnutzen würde. Zu meinem Unmut kam kein ‚Pöscho partner‘ herangefahren und nicht nur die Dusche blieb wieder kalt- Ersatzteil war noch nicht angekommen. Als ich Sascha fragte, was der Heizungsmonteur denn genau gesagt habe, da sagte er: „Naja, ich stand nebendran, als der Monteur mit dem Hersteller der Heizung telefoniert hat. Und ich meine verstanden zu haben, dass der Herstellermitarbeiter „mercredi“ als Liefertag gesagt hat. Der Monsieur schaute mich dann an und sagte, das Teil käme am Dienstag!“ Da wurde mich schlagartig klar, w as passiert war. Wir waren echtem „Freutsch“ (so nennen wir hier die deutsch-französischen Wortvermengungen) aufgesessen. Ich musste lachen- ein Übersetzungsfehler. Mercredi, das ist der Mittwoch und nicht der Dienstag. In all seiner Bemühung hatte der Heizungsbauer sich bei der Übersetzung des Tages geirrt und so wurde aus Mercredi anstatt Mittwoch, der Dienstag. Und was soll ich sagen, Mittwoch um 10 stand der nette Mann vor unserer Tür, winkte mit dem Kabelersatz und binnen Minuten wurde das Haus wieder aufgeheizt. So ist das im Lothringer Sprachengewirr.

Unser Wasser ist wieder warm und wenn jemand mal einen Heizungsmonteur hier braucht- ich kann unseren „wärmstens“ empfehlen. Schönen Sonntag euch drüben wie hüben 🙂 Passt auf euch auf und bleibt gesund! 

Sperrstunde und verwaistes Gleis

Wenn der Wind vom Saartal herauf weht, dann kann man ihn auf dem Blauberg am intensivsten wahrnehmen. Manchmal trägt er den Geruch der großen Reifenfabrik herauf zu uns, manchmal transportiert er- mitten in der Ausgangssperre Geräusche nach oben. Die einfahrende Saarbahn mitten in der Nacht, klappern in der Ferne, quietschen der Bremsen, ankommen, verbinden. Die Sache mit dem Verbinden ist in diesen Zeiten nicht so einfach. Die Saarbahn höre ich seit ein paar Wochen nicht mehr. Die Verbindung, die für mehr als nur eine Bahnlinie steht, die Verbindung, die für die Enge der Region Moselle an das Saarland steht, ist gekappt. Züge passieren Saargemünd nur noch in Richtung Metz oder Direction Strasbourg. Gleis 1 bleibt verwaist und keiner weiß, wann das Symbol der Verbundenheit wieder fahren kann. Für viele Menschen wirft das hier bei uns enorme Probleme auf, denn die Saarbahn wird normalerweise rege genutzt- auch von uns. Ein Termin in Saarbrücken steht an oder einfach nur ein Bummel in der Stadt- die Saarbahn ist ein tolles Verkehrsmittel. Seit ihrer Einführung bietet sie nicht nur Gelegenheitsnutzern wie Sascha und mir die Möglichkeit ohne Parkstress zwischen den Saarmetropole und unserer Perle hin und her zufahren. Schüler nutzen die Saarbahn zum Schulbesuch in den umliegenden deutsch-französischen Schulen, Arbeitnehmer kennen die Vorzüge des Saarbahnverkehrs, Touristen genießen die Fahrt durch den Saar- und Bliesgau bis sie in Sarreguemines ankommen. Die Saarbahn ist also mehr als nur ein Zug, der zugegebenermaßen manchmal etwas verspätet, die Regionen GrandEst und das Saarland zusammenbringt. Die Saarbahn kann mit noch einer Besonderheit aufwarten: Sie wird aus der Saarbahn auf unserer GrenzSeite zur französischen „Tram“. Steigt man in Saargemünd aus dem Zug, dann sieht man die Leute, wie sie die Billetts für die Tram ziehen wollen.

Und jetzt? Stillstand mal wieder.. wie im letzten Jahr. Ressentiments kommen wieder hoch. Proteste werden in der saarländischen Öffentlichkeit auf die Testfrequenz reduziert- andere Themen der Kundgebungen nicht wahrgenommen,doppelte Steuerlast beim Kurzarbeitergeld oder die Belastung der Familien beim Grenzübertritt sind kaum ein Thema. Schade, denn sonst hätten die deutschen Zeitungsleser und Nachrichtenseher vielleicht mehr Verständnis für ihre französischen Nachbarn- und das sind wir Nachbarn. Da mag der eine den anderen nicht immer leiden, aber im Grunde genommen sitzen alle im selben Boot, wenn es um die Stimmung in unserer aller Heimatregion geht. Bei uns hier oben auf dem Berg ist sie trotz allem gut. Sie ist nicht für alle rosig.

Aber was wir uns bewahrt haben, das ist die positive Einstellung. Die Tatsache, dass man Covid überleben kann, das Bewusstsein, dass man sich glücklich schätzen kann, von lieben Menschen umgeben zu sein, das gegenseitige Aufmuntern, wenn es mal nicht so läuft und die für uns spürbare französische Solidarität- das macht das Leben trotz allem lebenswert. Nicht zu vergessen, wir leben hier in einem der schönsten Länder der Welt und dürfen teilhaben an dieser Gesellschaft, die uns dazu bewegte Wahl-Franzosen zu werden. Sie hilft uns den Kopf hoch zu halten. Wenn er auch manchmal schwer zu tragen ist, die Menschen hier auf dem Blauberg sind unser liebstes Frankreich- der Beweis, dass Europa gelebt werden kann….. In einer halben Stunde, um 19 Uhr, ist es wieder soweit: Couvre-feu, Sperrstunde- Sascha muss sich mit dem Kärcher sputen. Und dann um 20 Uhr sitzt ganz Frankreich wieder vor dem TV und wartet sorgenvoll auf die Rede unseres Präsidenten Macron. Wir rechnen mit einem harten Confinement. On croise les doigts- wir hoffen, dass es nicht so kommt… Mal sehen. Bleibt gesund da draußen- ob Grenzgänger, Deutscher oder Franzose….

Der Blauberg verändert sich

Unweit des Wasserturms, der den Gipfel des Blaubergs markiert, am Ende unserer Straße, da steht das Haus des alten Mannes, der mich früher immer so grimmig angeschaut hat. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Zaungeschichte vom letzten Jahr, in der ich euch erzählt habe, wie wir durch ein spontanes Aufeinanderstoßen zu guten Nachbarn geworden sind. Er ist leider nicht mehr da und sein Haus wurde an Lillliana verkauft. Liliana ist also der neueste Zuwachs hier oben. Ich hatte vor ein paar Jahren schon Kontakt zu ihr geknüpft. Sie ist leidenschaftliche Hundehalterin und hatte uns voller Enthusiasmus in den Saargemünder Hundeverein eingeführt. Wie haben wir damals alle Vorurteile über „die Deutschen“ erfüllt. Zwei große Deutsche, damals noch in einem Auto mit deutscher Zulassung, ohne Kinder und mit zwei deutschen Schäferhunden. Die Sache mit dem Hundeplatz für unseren jüngeren schwarzen Rabauken war nach etwa 3mal sitzenbleiben in der Welpenklasse für uns erledigt. Ich bin noch nie sitzen geblieben, aber mit Bragi durfte ich das also nicht nur ein Mal erleben. „Der wird noch ruhiger!“ hatte der französische, alte, höchsterfahrene Hundetrainer mir mitleidig immer wieder zugerufen. Wenn ich unseren Schwarzen heute bei Hundebegegnungen herumbellen höre, dann klingen mir die Worte des alten Mannes droben vom „Club Canin“ immer noch in den Ohren und ich hoffe, dass er irgendwann Recht behält.

In den Ohren klingen mir leider zur Zeit noch andere Dinge. Wir müssen uns dreimal pro Woche auf Covid-19 testen lassen, da die Moselle vor Kurzem zum VirusvariantenGebiet erklärt wurde. Sascha wurde dabei schon zum Testopfer. Die Dame beim Test war nicht gerade zimperlich mit ihm- Nasenscheidewand und Polypen verletzt- Nasenbluten ohne Ende. So blieb er erstmal eine Woche auf der französischen Seite der Grenze und hat seitdem von Hausarzt bis HNO alle durch. Testen kann man sich in Frankreich völlig kostenlos, so oft man will. Meistens muss man sich testen lassen. Das bekommen neben Sascha und den anderen 16000 Grenzgängern auch Julie und Eric zu spüren. Wir sehen sie im Moment kaum- sie sind quasi rund um die Uhr in der Apotheke. Wahnsinn, wie viele Tests gemacht werden und wie wenig positive entdeckt werden. Aber die Tests geben uns allen eben auch ein Stück Sicherheit nicht betroffen zu sein und das ist gut so. An der deutsch- französischen Grenze spielen sich derweil gewöhnungsbedürftige Szenen ab. Die Lage ist angespannt wie in der Zeit der Grenzschließung letztes Jahr. Die Grenzgänger, also die Franzosen, die in Deutschland arbeiten, haben gestern am Grenzübergang Sarreguemines demonstriert: gegen die 48h-Testpflicht und mit der durchaus berechtigten Frage der Test-Gleichbehandlung der deutschen und französischen Arbeitnehmern in den Betrieben. Es brodelt gewaltig und es ist für uns nicht einfach, uns ständig für die Position der deutschen Regierung rechtfertigen zu müssen, obwohl wir wie die anderen Grenzgänger gleichermaßen von den umkommoden Maßnahmen tangiert sind. Eine Sache hat mich bei der Zeitungslektüre heute früh besonders betroffen gemacht. An der offiziell nicht geschlossenen Grenze standen etwa 30 deutsche Polizeibeamte, die deutsche Seite war abgeriegelt, jederzeit bereit, Demonstranten zurück zu drängen. Es waren Grenzgänger, also Leute mit gültige Covid-Test, die da auf französischer Seite auf dem Platz des EU- Vaters Schumann ihrem Unmut Luft machten. Wenn der Grenzübergang mit Covid 19 Test und digitaler Einreiseanmeldung möglich ist, warum dieses Aufgebot der Polizei? Das waren Menschen, die auch in Covid-Zeiten die deutsche Wirtschaft mit am Laufen halten- solche Symbole sind gefährlich. Deeskalierend sah das nicht aus, eher als Machtdemonstration des Nachbarlandes- Europa gefühlt ganz weit weg.

Wir haben heute die Gelegenheit zum Testen wieder genutzt- zum Teil freiwillig und natürlich auch gezwungenermaßen im deutsch-französischen Testzentrum „Goldene Bremm“ genutzt. Mit Termin, Fahr- und Wartezeit alles in allem 1 Stunde, die uns das gekostet hat. Und was hat es uns gebracht? Die Gewissheit das Virus nicht in uns zu tragen und niemand anderen zu gefährden. Beim Ausfahren aus dem Testgelände -wieder Richtung Stiring-Wendel, da haben wir kurz angehalten, an unserer Bäckerei von damals vor 13 Jahren, als wir im Frankreichurlaub mit Baguette und Rotwein beschlossen nach Frankreich zu ziehen. Genauso wie damals haben wir direkt in das Knäußchen gebissen und da wussten wir auf unserem Weg zurück nach Sarreguemines, zu den Boucles de la Sarre, sofort wieder, dass wir hier trotz der momentanen Situation immer noch ganz richtig sind: unter unseren Freunden auf dem Blauberg- mitten in Europa. Bleibt gesund da draußen!

Mitten im Confinement

Mitten im Confinemt… www.zaungeschichten.com

Heute gibt es bei Beckers was zu feiern. Schon um 5.30 Uhr stand mein Mann mit Rosen vor mir. Er vergisst ihn nie- unseren Hochzeitstag. Die Blumen sind seine Tradition. Es ist nicht so, dass ich sonst keine bekäme, aber – ihr wisst das sicher selbst- an solchen Tagen und gerade während einer so ungewöhnlichen Zeit, sind sie Balsam für die Seele. Ich denke an unsere Hochzeit zurück und ich muss lachen. Gerade gestern Abend hat meine englische Nachbarin Melody dazu noch gemeint: You are a nut 🙂 Du bist verrückt. Bei der Hunderunde im Oktober vor vielen Jahren entschieden zu heiraten, dann auf dem Standesamt angerufen und wann war noch ein Termin frei? 14 Tage später- am 11.11. – fuhren wir nach Saarburg, die Ringe mussten noch schnell abgeholt werden und dann, ein paar Stunden später, waren wir Herr und Frau Becker. So schnell ging es 🙂

Zurück auf den Blauberg- es ist heute ungewöhnlich still hier auf dem Berg. Auf der Hunderunde kommt mir niemand entgegen, obwohl ich für meine Verhältnisse doch recht spät dran bin- Bragi, Klara und ich haben uns schon daran gewöhnt, dass die Runden seit dem Confinement etwas kürzer sind, aber so ganz ohne Begegnung mit anderen… komisches Gefühl. Der Himmel scheint mir fast auf den Kopf zu fallen, so schwer hängen die tiefen Wolken daran. Als ich durch den Stadtpark spaziere, wird die Eselin – ich nenne sie mal Lola- und Bert das Lama gerade gefüttert. Hansi, der Widder, schaut uns schon von weitem missgünstig an und hat Angst, dass ihm Bragi das Futter stiehlt. Aber der steht nur auf die hübschen Schafsmädchen, die auf den Wiesen des Stadtparks als ökologische Rasenmäher dienen und auf dem Weihnachtsmarkt hinter Lola die zweitwichtigste Nebenrolle beim Krippenspiel besetzen. Und genau bei diesem Gedanken denke ich an die vielen abgesagten Weihnachtsmärkte und wie es auch da still sein wird in unseren Städten. Der Tierpfleger holt mich mit einem höchst freundlichen „Bonjour, Madame!“ aus den Gedanken. „Bonjour Monsieur! Heute ist wirklich kein schönes Wetter- macht das der Eselin etwas aus?“ „Ach Madame, pas de soucis! Keine Sorge, der macht das nichts aus. Die hat ein dickes Fell – genau wie ich!“ Er lacht und säubert mit seiner Mistgabel weiter das Eselgehege „Ei dann ist es gut- ich mach mich mal auf den Heimweg! Bonne journée! Einen schönen Tag noch!“ Er schaut auf, lächelt „Ihnen auch einen schönen Feiertag!“

Und da fällt es mir wieder ein- der 11.11. ist in Frankreich ein Feiertag. Armistice- der Tag des Waffenstillstands – das Ende des ersten Weltkrieges. Hier hat diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts noch einen anderen Namen „La Grande Guerre“- der große Krieg. Die Erinnerung an ihn wird hochgehalten- immerhin hatte fast jede Familie Gefallene zu betrauern. Als ich den Berg hinauflaufe, muss ich am alten, verlassenen Hospital vorbei. Bevor ich hierher gezogen war, wusste ich nicht, dass Alfred Döblin (Autor von „Berlin Alexanderplatz“) hier Militärarzt gewesen war. Genau hier hatte er in den Wirren des Krieges praktiziert- und es hat ihm gar nicht gefallen. Er vermisste die Großstadt- mit dem Charme einer Kleinstadt des damaligen Reichslandes Elsaß-Lothringen und der ländlich geprägten Umgebung konnte er nichts anfangen. Schlimme Zeiten damals 14/18— ein schreckliches Kapitel in der wechselleidenden Geschichte dieser Region. Und heute? Militärparaden und Gedenkveranstaltungen übers ganze Land- auch in Sarreguemines vor dem Gericht- natürlich ohne Zuschauer. Die Erinnerung an diesen Krieg ist wach und manchmal auch ambivalent für mich. Auf der einen Seite die Erinnerung an ein Ereignis, bei dem die Deutschen so viel Leid über meine Region gebracht haben- und der Appell an alle Generationen, dass das nicht mehr passieren darf. Auf der anderen Seite das Erinnern an alte Wunden, an alte Ressentiments, die sich während der Grenzschließung im Frühjahr als schrecklich existent erwiesen. Alles nicht so einfach. Vergessen darf man nie- die Form der Erinnerung in Frankreich unterscheidet sich vehement von der in Deutschland, wo man diesen Tag in der Schule nur am äußersten Rande behandelt- wenn überhaupt.

„Meine Adresse ist : Saargemünd“- so schrieb es Alexander Döblin in einem seiner Briefe an Herwart Walden am 3.1.15. Ich schreibe heute: „Meine Adresse ist: Sarreguemines“- am Jahrestag eines der schönsten Ereignisse meines Lebens- in sorgenvollen Zeiten von Covid19 und Corona-Confinement- aber im Gegensatz zu Döblin 1915 in einer Zeit von Frieden und Freiheit.

Ich schicke euch die liebsten Grüße vom Blauberg und wünsche uns allen, dass wir keine Kriegszeiten hier im Herzen Europas mehr erleben müssen. Allen Corona-Infizierten auf beiden Seiten der Grenze eine gute Besserung und allen anderen hüben wie drüben: Bleibt gesund!

Jour +6 des Confinements

Babylonisch auf dem Blauberg

Das Confinement hat seine nächste Phase erreicht. Noch am Wochenende habe ich über die  rebellierenden Bürgermeister geschrieben- jetzt hat Castex reagiert und hat den großen Einkaufszentren verboten Waren, die nicht in den Bereich des täglichen Bedarfs fallen zu verkaufen. Spielzeugregale findet man seitdem abgehängt und Bücherregale kauern unter großen Planen bei Coa und wie sie sonst noch alle heißen. Anstatt also die kleinen Geschäfte wieder öffnen zu lassen, ist nun jeder Vor-ort-Verkauf nicht notwendiger Güter eingestellt. Man mag über die Sinnhaftig- oder Sinnlosigkeit streiten- in die Arme der Versandgiganten treibt es die Kundschaft allemal. Dem entgegen steht die Initiative „Click-et-Collect“ der Sarregueminner Einzelhändler. Ganz einfach auf den FacebookSeiten oder den Homepages der Geschäfte unkompliziert Bestellungen aufgeben und so trudeln auch die nicht so ganz notwendigen Dinge ins Haus. 

So wie sich die Einkaufswege online kreuzen, so kreuzen sich auf dem Blauberg hier bei uns immer wieder die sprachlichen Wege in Realität. Natürlich immer in gebührendem Abstand- aus dem Fenster heraus, bei der Hunderunde über die Straße hinüber, per WhatsApp von Haus zu Haus oder Telefon – ja, das soll es auch noch geben- den guten alten Anruf. Melody brauchte Hilfe beim Zahnarztbesuch. Sie sollte eine Weisheitszahnbehandlung bekommen. „Hi Love! Hast du morgen früh Zeit? Ich brauche jemanden, der mich zum Zahnarzt bringt!“ Zu ihren unsäglichen Zahnschmerzen kam die Angst von einem Gendarm kontrolliert zu werden und dann nicht die richtigen Worte zu finden. An die Attestation haben wir uns schon wieder gewöhnt und fast alle hier oben nutzen die Handy-Version- sehr praktisch und spart Zeit und Papier. Die neue Version speichert die Formulareingabe für’s nächste Mal ab und so müssen wir beim nächsten Ausgang nur noch die Uhrzeit eingeben. Die Bescheinigung wird dann kreiert und es kann losgehen, auf unseren Kilometer, für eine Stunde oder zum Einkauf oder wenn man jemanden zu einem Arztbesuch begleiten muss. Ganz wie ich heute. Den Abschluss fand unsere Arztfahrt in Erics Apotheke- und dort fand sich doch tatsächlich ein junges Mädchen, etwas schüchtern, aber auf Zack, das mit Melodie Englisch sprechen konnte. Es kann sehr interessant werden, wenn eine Engländerin mit einer deutschen in eine französische Apotheke geht und dort – für französische Verhältnisse- unverhofft auf eine junge französische PTA trifft, die englisch besser als deutsch spricht. Letztendlich war es für Mel eine Erleichterung und als wir wieder im Auto saßen, schaute sie mich ganz erstaunt an und sagte: „Hast du das gehört? Ich geb dich Hoffnung nicht auf, dass Englisch mal zur Standard-Zweitsprache hier wird!“ Klar hab ich mich für die gefreut, aber ein bisschen nachdenklich hat mich das dann schon gemacht. Immerhin ist das Deutsch hier in der Region von bei weitem größerer Bedeutung. 

Das hab ich im Übrigen gemerkt, als ich wieder zuhause war. Kaum hatte ich die Tür aufgesperrt und auf mein Handy gesehen, da hatte mir die liebe Bernadette eine Nachricht von größter Dringlichkeit, Urgence geschrieben. Kein medizinischer Notfall, sondern ein besonders dringender Fall von Sprachenwirrwarr und NachbarschaftsÜbersetzungsnotwendigkeit. Da war es wieder, das Gefühl, dass hier in unserem kleinen Universum jeder seinen Platz hat und die gegenseitige Hilfe großgeschrieben wird. Und wenn wir Melodys Idee des „Cookie-Exchange“ umsetzen, dann kann uns nix mehr passieren. Schokoladencookies sind gut für die Nerven, und die brauchen wir alle hier oben, dort unten und bei euch da drüben. Bleibt gesund!

Gestern habe ich von CoronaInfektionen in meiner alten Heimat erfahren- auf diesem Weg schicke ich natürlich die besten Wünsche über die Grenze! Passt auf euch auf!