Tag 33 der Ausgangssperre

🇫🇷🇩🇪Als ich gestern Morgen meine Haustür öffnete, schaute ich direkt in den wunderschönen Fliederbusch von Julie. Gerade steht er in Blüte und riecht so gut. Der HaselnussStrauch daneben, der mittlerweile ein Baum geworden ist, ist binnen weniger Tage völlig mit Laub zugewachsen. Julie hat schon moniert, sie könne nicht mehr aus ihrer Küche in unserem Garten sehen, sie würde nicht mehr sehen, wenn wir vor der Tür sind. Ich schaue zur Straße und sehe Madame Maurer herüberwinken.

Ihr gehört das Grundstück gegenüber. Sie ist eine sehr nette alte Dame und wenn man sie so ansieht, dann entspricht sie genau dem Klischee einer Stadtdame – immer sehr gut gekleidet, gepflegt, mit Schmuck behängt und vor allem in Frankreich ganz wichtig – schnellem Auto. Madame Maurer ist schon etwas älter, hatte einen deutschen Vater und freut sich immer, wenn sie mit mir Deutsch reden kann. Sie möchte keinen Dialekt mit mir sprechen, sondern Hochdeutsch, das gäbe ihr das Gefühl, ihrem Vater ein Stück näher zu sein. Ich glaube sie mag mich, und ich mag sie in ihrer schrulligen, manchmal auch verwirrten Art. Sie hat mir, durch das Angebot ihr Grundstück mit unseren Hunden nutzen zu können, vor ein paar Jahren schon gezeigt wie Nachbarschaft wirklich funktioniert. Sie ist begeistert von Bragi und Klara, fast genauso wie wir.

Die Sache mit der Sprache ist gerade hier in dieser Region etwas sehr besonderes. Madame Maurer freut sich mit mir deutsch zu reden, ich freue mich mit Julie und den anderen im Dialekt zu reden, mit Melodie spreche ich englisch und mit ganz vielen hier Französisch. Hätte mir das einer in der Schule gesagt, dass ich einmal so gerne französisch reden würde, ich hätte es ihm niemals geglaubt. Aber hier muss ich keine Angst haben vor schlechten Noten, hier wird gelacht, wenn ich als Deutsche mal wieder etwas unkonventionell im Ausdruck bin, und hier wird keinen Wert darauf gelegt, grammatisch perfekt und stilistisch vollendet zu sein. Hier sind wir in Lothringen, der Region, die von ihrer Mehrsprachigkeit lebt, und gerade wegen ihrer Mehrsprachigkeit so geliebt wird. Wir haben das Glück in unserer Straße eine Art kleines Europa zu leben. Es finden sich deutsche, Spanier, Briten, InnerFranzosen und nicht zu vergessen einheimische Lothringer zusammen.
Am Abend gib mir meine Freundin Verena ohne es zu wissen Recht. Sie schreibt mir, dass sie heute in SaarbrĂĽcken ein paar Leute französisch reden gehört hat und es ihr gut getan hat. Das hat nichts mit Politik zu tun, das ist ein GefĂĽhl der Gemeinsamkeit, dass Grenzen nicht aufhalten können. Das Saarland, Lothringen, Deutschland und Frankreich gehören zusammen. Auch wenn einer mal eine unglĂĽckliche Entscheidung trifft, muss das Problem zusammen ĂĽberwunden werden. Alten Vorurteilen darf kein Raum gegeben werden, weil wir hier die Mitte Europas bilden, den Kern aus dem die EU vor Jahrzehnten entstanden ist. Wir leben die Gemeinsamkeiten und sind gerade durch unsere Unterschiede so stark. 

Vive l’Allemagne! Vive la France! Vive le Lande de Sarre! Vive la Lorraine! Vive l’Europe! Bleibt gesund und habt einen schönen Sonntag!

2 Kommentare zu „Tag 33 der Ausgangssperre

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