Tag 34 der Ausgangssperre

Hier im Confinement stellt sich so langsam eine Art ständiges ‚SamstagsGefühl‘ ein. Samstagsgefühl, weil es wenig Verkehr gibt, aber die Leute ums Haus herum arbeiten. Da wird gemäht, gehakt, aufgebaut, eingepflanzt, gegossen, um gegraben, der Hasenstall umgesetzt, und am Ende des Tages gegrillt, gekocht oder einfach nur entspannt. 
Aus dem Haus schräg gegenüber tönt Klaviermusik. Jean, den kleinen alten Mann sieht man nur selten. Er scheint etwas menschenscheu zu sein. Ich glaube wir haben ihn die ersten Jahre -wirklich Jahre- gar nicht gesehen. Und dann stand er irgendwann da, am Zaun, als wir die Hunde auf dem Grundstück gegenüber laufen ließen. Er sprach mit leiser, trotzdem klarer Stimme in einem Deutsch, bei dem man hört, dass er es in einer anderen Zeit gelernt hat. Mir gefällt sowas sehr gut, da wird nicht vom Auto sondern von dem Wagen gesprochen, da wird das Wort nett in ganz anderen Zusammenhang benutzt. Er ist wirklich ein ganz lieber Mann, ein alter Lehrer, der jetzt in der Rente zu Hause Musikstücke komponiert. Ganze Messen entwirft er für die Kirchengemeinde und manchmal haben auch wir das Vergnügen, ihm abends zu zu hören, wenn er für sich alleine in seinem der Straße zu gewandten Zimmer sitzt und Klavier spielt- wie gestern Abend. Monsieur Jean spielt und ich lausche. 
Irgendwann herrscht kurz Stille- dann höre ich seinen Schallplattenspieler, auf dem er eine Aufnahme von Peer Gynt des Norwegers Edvard Grieg abspielte. Er weiß nicht, wie dankbar ich ihm bin. Kurz dem Confinement in Gedanken entfliehen nach Norwegen- unserem Sehnsuchtsland. Ich tauche ab in die schroffen Fjorde, die schneebedeckten Berge, die unfassbare Stille, die unendliche Weite und Einsamkeit des Nordlandes. Ich sehe das Nordlicht vor mir- überwältigend. Wie gerne wären wir dieses Jahr wieder gen Norden gefahren, hätten die Akkus nördlich des Polarkreises wieder aufgeladen. Aber Corona, das Confinement und die Einreiseverbote in die Nordländer machen uns wohl oder übel einen Strich durch die Rechnung. Aber wenn ich nicht fahren kann, so ist Norwegen in meinem Herzen- genauso wie Frankreich. Eines der schönsten Länder der Welt hat fast alles zu bieten- die Wildheit der Bretagne und Normandie, die Sanddünen entlang der Atlantikküste, die Pyrenäen mit dem legendären Carcassonne, die Camargue mit ihren Wildpferden, die Cote d’azur mit den Stränden von Cannes und St. Tropez- nicht zu vergessen die Ruhe der Provence, die Alpen und natürlich die Schönheit Lothringens. Mein Telefon läutet und ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Julie ist dran. ich bin wieder zurück- im Sonntagabend in unserem kleinen Quartier.

Bleibt gesund!

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