Tag 54/55 der Ausgangssperre

Der letzte Tag.. noch 16 Stunden

Als mich vor ein paar Jahren ein Schüler fragte: „Frau Becker, wo wohnen sie eigentlich?“ Da erzählte ich ihm die Geschichte eines vergessenen Landes. Vom alten, weisen Kaiser Karl, der über ganz Europa herrschte und seinem Sohn Ludwig ein riesiges Reich hinterließ. Der vermochte es das Reich mit Güte zu regieren. Doch dann starb auch Ludwig- sein ältester Sohn Lothar sollte neuer Kaiser werden, doch damit waren die anderen beiden Söhne nicht einverstanden. Sie zankten sich unaufhörlich. In Verdun kam es zu einem Treffen, bei dem sie sich wieder vertragen sollten, aber es kam anders. Es kam zur Aufteilung des Reiches in das Frankenreich im Westen, das Heilige römische Reich im Osten und in der Mitte das Reich Lothars. Lothar wollte so immer schlichten können, wenn sich seine Brüder stritten. Die drei Teile waren ungefähr gleich groß, aber die beiden Brüder Lothars waren nicht zufrieden. Sie waren eifersüchtig und neidisch auf Lothar und so kam es, dass Krieg begann. Die Brüder entfremdeten sich völlig, sie wurden gar zu Feinden und es ging immer nur um Macht, die Königswürde, den Kaiser und immer auch um Lothars Land mit Kohle und Erz. Lothars Land war schwach geworden durch die vielen Kriege, Lothar längst vergessen. Frieden hatte keine Chance- so vererbte sich die Feindschaft zwischen den Ländern, der einstigen Brüder von Generation zu Generation. Es dauerte über 1000 Jahre bis endlich Frieden war zwischen den beiden Brüdern. Dauerhafter, guter Frieden. Aber manchmal gibt es heute noch Sticheleien zwischen den Ländern, der alten Brüder, Deutschland und Frankreich. Aber heute keiner denkt mehr daran Kriege zu führen- mitten in Europa. Und wo ich wohne, fragst du? Ich wohne im übrig gebliebenen Teil von Lothars Reich, in Lothringen- dort, wo so viele Kriege stattfanden, dort, wo so viele Menschen immer wieder ihre Heimat verloren. Mittlerweile gibt es keine Region mehr, die Lothringen heißt- wir sind alle GrandEst geworden. Nur wenige erinnern sich an das Lothringen von früher- aber die tapferen Menschen, die hier wohnen kennen ihre Geschichte und sie bleiben Lothringer- für immer. Und egal, ob wir Deutsche oder Franzosen sind, wir müssen uns gemeinsam immer wieder daran erinnern, dass wir alle eine europäische Familie sind, alle Kinder des großen Kaisers Karl.

Unser Confinement endet in 16 Stunden. Der Countdown läuft. Unsere ausgedruckten Attestationen verlieren heute Nacht ihren Sinn und wir werden wieder ein Stückchen freier. Vielen Dank, dass ihr all die Tage mitgelesen habt! Danke für die lieben Kommentare und die vielen aufmunternden Worte. Sie haben uns manchmal getragen durch diese sehr intensive Zeit. Mein Blog aus dem Confinement in Frankreich endet hier. Aber die Zaungeschichten gehen weiter- wenn ihr wollt. Mein Leben verlief immer irgendwie am Zaun, am Bretterzaun des Nachbarn, an der Grenze zu Deutschland oder am BlaubergZaun, von dem ich euch all die Tage berichtet habe. Und wenn ihr- während ihr wieder zu Cora oder wie sie alle heißen fahrt- mal kurz an Lothar und die Menschen hier denkt, dann würd’s mich freuen. Also haltet mir den europäischen Gedanken in Ehre- er sichert uns den Frieden.

Wenn Ihr Interesse an der gedruckten Form einer Auswahl der Geschichten habt, dann schreibt es in die Kommentare oder per PN an mich.

Bleibt gesund! Bis demnächst am Zaun!

2 Kommentare zu „Tag 54/55 der Ausgangssperre

  1. Super schön geschrieben liebe Nadine. Ich werde die täglichen Geschichten vermissen aber ich bin so froh, dass eure strengen Einschränkungen endlich gelockert werden. Ich werde weiter verfolgen was sie zu erzählen haben. Liebe Grüße aus dem Saarland.

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    1. Liebe Annemarie, haben sie vielen Dank für diesen netten Kommentar! Ich freue mich sehr, dass Ihnen mein Blog so gut gefällt. Ganz verabschieden werde ich mich mit den Zaungeschichten aus Sarreguemines nicht. Aus vielfachen Wunsch werde ich einmal die Woche aus der Dekonfinementierung berichten. Viele liebe Grüße aus Sarreguemines, Ihre Nadine Becker

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