J-0 Le ReConfinement/ Die Ausgangssperre

Nun ist er da, der Jour 0 – seit 0 Uhr sind wir wieder confinemiert, oder wie eine liebe Freundin gesagt hat: eingeigelt. Bragi hat mich heute Morgen auf der allmorgendlichen Runde schon ganz komisch angeschaut, als ich an einer Stelle, an der wir normalerweise weiter geradeaus gehen, wieder umgekehrt bin. Egal, ob der Regen herunterprasselt, zwanzig Minuten Parc Municipal habe ich mir gegönnt. Das ist ein großer Unterschied zum ersten Confinement vom Frühjahr- die Parks sind offen und die Wälder dürfen betreten werden, sofern du einen Parc oder den Wald in deinem Radius von einem Kilometer um dein Haus hast. Wir sind hier oben mit dem wunderschönen saargemünder Stadtpark, dem Parc Municipal- gesegnet. Er gehört in „normalen“ Zeiten schon zu unseren Lieblingsplätzen in der Stadt- jetzt freue ich mich, dass ich zumindest 20 Minuten dort am Tag verbringen kann. Es hat fast was von Eishockey- also von der Zeiteinteilung in Drittel- 20 Minuten hinlaufen- 20 Minuten flanieren zwischen Esel, Schafen, Pfau und Lama- und dann schnell wieder den Berg hoch -20 Minuten bis zur Spitze des Blaubergs. Und dann hoffen, dass die Police dich nicht erwischt, wenn du deine Zeit draußen um 5 Minuten überziehst, weil du nicht schnell genug den Berg hochkommst- das kostet dann mal gleich 135€. So ist das im Confinement. Ich hab es geschafft heute Morgen, alles hat gepasst. Nach 58 Minuten war ich wieder zuhause und wie wenn sie es gewusst hätten, fuhr der Wagen der Police Nationale just in dem Moment an mir vorbei, als ich meine Zauntür hinter mir schloss.  Sie nickten herüber und lächelten. Beide Polizisten lächelten. Mir wurde klar, dass es kein Gegeneinander von Polizei und Bürger gibt. Die Polizei hilft uns, uns zu schützen vor Corona und Covid- auch durch die Strafen für diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten, die sie vorsätzlich brechen. 1500€ ist viel Geld für dreimal keine Maske anziehen und dabei erwischt werden. 

Sie werden noch lange kontrollieren, Patrouille fahren und Strafzettel verteilen. Der französische Staat zeigt Präsenz. Das ist angesichts eines unsichtbaren Gegners wie dem CoronaVirus irgendwie beruhigend. Premierminister Castex und unser „Minister für Gesundheit und Solidarität“ haben die Maßnahmen gestern Abend eingehend erläutert- jedem sollte klar sein, was die Stunde geschlagen hat. Für uns Deutsche wirkt die Härte der französischen staatlichen Maßnahmen zuerst irritierend. Aber seit dem Confinement im März und den Zahlen der letzten Wochen, versteht man die Maßnehmen, die jetzt ergriffen werden als aktiven Beweis der Verantwortung des französischen Staates für seine Bürger- auch für uns. Das tut gut.

Bilder des Parc municipal, findet ihr unter meinen Ausflugstipps auf www.zaungeschichten.com für die Zeit nach Corona:-) Bleibt gesund! 

Le Jour-1

Wenn in Frankreich etwas Besonderes bevorsteht wie der Schulanfang oder Weihnachten, dann bringen die Franzosen ihre Freude über das kommende Ereignis mit einem Countdown zum Ausdruck. „Jour -1“ bedeutet: noch ein Tag bis zum großen Ereignis. Heute ist wieder mal so ein J-1. Doch diesmal steht der J-1 nicht im Zentrum von Vorfreude, heute ist der Tag vor unserer Reconfinementierung. Seit gestern Abend ist klar, dass der J-1 wieder bedeutet Abschied nehmen zu müssen von Freiheiten, die uns im Juni wieder geschenkt worden waren. Ab morgen gelten wieder Attestationen, verschärfte Ausgangsregeln- genauere Details liefert uns wahrscheinlich eine Pressekonferenz, die unser Premierminister Castex- unser bewährter Philippe wurde zwischenzeitlich durch Macron ausgetauscht- heute Mittag hält.Wenn eine Rede an die Nation angesetzt wird, dann wissen wir alle, was die Uhr geschlagen hat. Und spätestens nach den fast schon zeremoniellen Schlussworten „Vive la Republique! Vive la France!“, herrscht in CoronaZeiten ein paar Sekunden betretenes Schweigen und man hört fast durch die Häuserwände das tiefe Durchatmen unserer Nachbarn. Genauso war es gestern Abend. Nur hat unser Präsident den beiden Schlusssätzen mit geballter Faust und festem Blick einen anderen vorangestellt: „Nous sommes la France!“ Er hat nicht wieder dem Virus wie im Frühjahr rhetorisch „den Krieg“ erklärt, sondern an das appelliert, was Frankreich ausmacht, was unseren Blauberg und Sarreguemines ausmacht: den Zusammenhalt. Wir werden es auch dieses Mal zusammen mit Abstand schaffen, den Ausbruch des Virus einzudämmen. Wie lange wir brauchen, das steht in den Sternen- aber wir werden sie wieder leben, die französische Solidarität. Nous sommes la France! Die Zaungeschichten gehen weiter, morgen am J-0 des zweiten Confinements. Bleibt gesund wo immer ihr seid. Restez en bonne santé!

16.10. 20 Vlog/ Videotagebuch

Ihr habt es euch wahrscheinlich schon gedacht: Die Zaungeschichten gehen in Anbetracht der CoronaLage im GrandEst weiter. Ich werde zusätzlich zu den Geschichten einen Videoblog führen und ich hoffe, euch gefällt das. Der Wind wehte leider stark und die Sonne war auch nicht spendabel während der Aufnahme heute Morgen- passt aber irgendwie zur Stimmung, in der wir uns gerade befinden. Ein neues Mikro ist schon geordert. Die Videos findet ihr auf www.zaungeschichten.com und dem neuen Videokanal auf Youtube https://youtu.be/rlkCod5wcW0 . 🙂 Bleibt gesund!

Zaungeschichten.com im TV

Liebe Leser meiner Blogs, die Zaungeschichten sind wieder da. Der saarländische Rundfunk ist auf meinen Blog aufmerksam geworden und hat für seine Zuschauer und euch, meine lieben Leser, einen Bericht über die realen Zaungeschichten gedreht. Zu sehen am Montag, 18.50 Uhr im dritten Programm des Saarländischen Rundfunks. Ich werde am Montagabend den Bericht hier und auf www.zaungeschichten.com verlinken und dann seht ihr unsere Straße, meinen lieben Nachbarn und natürlich Sascha und mich. Viel Spaß dabei! Die Pfälzer unter euch und diejenigen, die ganz woanders zuhause sind, können den Bericht natürlich in der Mediathek des Saarländischen Rundfunks anschauen.  

Hier kommt schonmal die Ankündigung des Saarländischen Rundfunks auf „Wir im Saarland- Grenzenlos“

https://www.sr.de/sr/fernsehen/sendungen_a_-_z/uebersicht/wims_grenzenlos/index.html

Woche 5 und 6 Ende der Entkonfinementierung

Die letzte Woche war eine Art Warten auf das Ende der Grenzregelungen, Warten darauf, was nun geschehen würde. Alle Zeichen standen auf den Wiedereinzug unseres Alltags hier auf dem Blauberg. Veränderungen deuteten sich schon im Laufe der Woche an, als mein Mann einen Anruf seines Arbeitgebers erhielt. Er solle doch Montag wieder zur Arbeit kommen. Die Kurzarbeit für ihn sei nun vorbei. Monsieur le President redete am Sonntag und danach war klar, die Phase der Entkonfinementierung sollte tags darauf ein Ende finden. Wir waren hin- und hergerissen- wir sollten also aus unserem gefühlten Dornröschenschlaf langsam wieder erwachen und uns dem neuen alten Rhythmus unterwerfen- alles ein bisschen unwirklich.

Nur langsam konnten wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass es wieder los geht- Arbeitsstress und Hektik würden unseren von Fotografie und Homeschooling geprägten Alltag verdrängen. Wir beschlossen am Samstagabend das dritte Bild unserer LichtmalerSerie „Im Parc“ in unserem wunderschönen Parc municipale unterhalb des alten Krankenhauses zu malen. Wir wussten, dass es das Ende einer trotz allem auch schönen gemeinsamen Zeit war. Etwas wehmütig, aber doch geführt von dem Gedanken, ein wahrhaftiges Abschlussbild zu malen, sind wir mit unserer Ausrüstung losgezogen. In der dunkelsten Ecke des Parks wollten wir malen- wie immer ganz für uns allein. Doch da war ein junges Pärchen, dass die dunkle Ecke im Park für Schmusereien nutzte- wer kennt solche Situationen nicht. Wenn ich da an früher denke … hahahaha

Die beiden sahen unsere Kameras und fragten nach einem freundlichen „Bonsoir!“ in bestem Französisch, ob wir Fotografen seien. Ich zeigte den beiden Schätzchen unsere Fotos und schon waren sie sehr interessiert.  So kam es, dass wir unverhoffter Weise sehr offene Menschen vor der Kamera vor uns hatten, die für jeden Spaß zu haben waren. Während des Shootings erklärte mir die liebe Meryem, dass ihr Freund es bei ihr „im Salz“ liegen hatte und sie sich gerade versöhnt hatten. Frederic wusste wohl, wie er die junge Dame wieder um seinen Finger wickeln konnte: mit einer Schachtel Pralinen vom besten Chocolatier vor Ort. So macht man das 😉

Meryem drückte mir am Ende des Abends die Pralinen in die Hand und sagte, die würden jetzt uns zustehen, da wir mit unseren Bildern zur Versöhnung der Beiden beigetragen hätten. Sowas von süß. Was erlebt man also nicht alles nachts im Parc municipal von Sarreguemines. 

Montag ging dann der normale Wahnsinn wieder los- nicht ganz. Sascha arbeitet wieder in Deutschland, ich bin noch im Homeschooling. Am Montag hat Sascha gleich Sprudel in Glasflaschen aus Deutschland mitgebracht und sein Bartpflegezeugs gekauft. Mehr nicht. Letzten Mittwoch war ich wieder beim Verkauf der Bauerngenossenschaft „la ruche qui dit oui“ am Saargeminner Bahnhof- es sind wieder weniger Leute, die da anstehen, um ihre Sachen abzuholen. So schnell vergisst so Mancher. Ehrlich, ich war bis heute noch nicht wieder drüben in Deutschland. Ich möchte den „Zauber“ des Confinements, den es über unser ganz persönliches Leben gebracht hat, so schnell nicht verlieren. Das gemeinsame Lachen, das gemeinsame Weinen, das Hoffen und Bangen, die unverwechselbare französische Solidarität, die Gewissheit, dass Freunde in schlechten Zeiten zu einem Teil unserer Familie werden können.

Das traurige Gefühl auf der Hunderunde bleibt allerdings, wenn ich an den leeren Häusern der Covid-19 Opfer vorbei gehe. Es tut mir um alle sehr leid, nicht nur unser Quartier hat viele Menschen verloren. 

In aller Demut sind alle unsere Freunde hier auf dem Blauberg froh, dass wir es überstanden haben- bis jetzt. Und um unseren Zusammenhalt zu ehren, um den Tagen des Hoffen und Banges um unsere gute Louise zu gedenken und um daran zu erinnern, was im Leben wirklich zählt, werden wir am Wochenende ein kleines Fest der so großen französischen Solidarität feiern. Wir werden mit Abstand essen und trinken und uns ein bisschen auch selbst hochleben lassen, auf unserem Blauberg, in unserer kleinen Stadt Sarreguemines, in unserem Lothringen, im äußersten Osten Frankreichs.

Wenn ihr heute Abend auch zusammensitzt, dann trinkt einen auf uns und auf euch- genau wie ich auf euch trinke. Denn wir sind noch da, trotz Corona und Covid-19. À votre santé! Bleibt gesund!

Woche 4 der Dekonfinementierung

Nun sind wir seit Dienstag weitgehend bewegungsfrei- zumindest in Frankreich.Dass die jungen Leute nach der langen Zeit des Confinement die erlösende Freiheit vermissen, hat sich am Samstagabend schon angedeutet. Die erste Party unter freiem Himmel wurde gefeiert bis um 5:00 Uhr morgens. Ich lag im Bett und erinnerte mich an meine eigenen wilden Zeiten. Mann, ich werde alt.Wir haben am Pfingstwochenende Ausflüge in die nähere Umgebung unternommen, und uns langsam wieder daran gewöhnt, dass wir keine ausgangsbeschränkende Vogelflugzone mehr haben würden. Die 100 km Luftlinie, war bei uns sehr gut ein zu halten. Sie reichte bis nach Straßburg, sie führte uns -wie einige andere- ins Bitcherland und das angrenzende Elsass. Eine interessante Entdeckung haben wir in einem kleinen Kaff (entschuldigt bitte die Ausdrucksweise) namens Jägerthal gemacht. Oberhalb dieses MiniDorfs liegt die imposante Festung Windstein, eingangs Jägertals fanden wir die in Ruinen liegende Gründungsstätte der Firma DeDietrich. Durch diese Ruinen zu gehen, die symbolisch für die Eisenverhüttung stehen und die Geburtsstätte eines Weltkonzerns sind, war etwas ganz besonderes.

Nachdem wir den Heimweg über Reichshoffen und Bitch gemeistert hatten, musste ich natürlich zu Hause angekommen noch mal über diese Schmiede lesen. Es hat mich sehr überrascht, als ich im Internet eine Quelle fand, die die Schmiede dieser Weltfirma mit dem für mich größten deutschen Dichter überhaupt in Verbindung brachte. Goethe war dort und es wird vermutet, dass eine Szene des Faust auf genau diesen Besuch Goethes zurückgeht. Das war schon ein cooles Gefühl. Das Elsass hat überhaupt sehr viel zu bieten und man vergisst regelrecht, dass das Gute so nah liegt. Für unsere Lichtmalerei können wir uns fast keine schönere Umgebung denken. Der Alsace ist dünn besiedelt und von einem so dichten Wald bewachsen, dort mangelt es nicht an Dunkelheit in der Nacht.

Es herrschte eine seltsame Stimmung als wir so durch die Gegend fuhren, keine deutschen Autos auf der Straße, keine deutschen Urlauber am Hanauer Weiher und keine deutschen Touristen auf den Terrassen der Cafés. Sie waren alle noch geschlossen und vor dem ein oder anderen standen Leute, die insgeheim wohl gehofft hatten, dass sie geöffnete Restaurants vorfinden würden- der die vor der Tür geduldig warteten bis sie ihre bestellten Essen abholen konnten. Fast jedes Restaurant bietet einen Abholservice an- eine Entwicklung, die im Confinement ihren Anfang fand. Etwas verwirrend wird das alles als DRIVE bezeichnet, aber das ist egal und eine Kuriosität der „Einfranzösiserung“ von englischen Begriffen. Fakt ist, es half den Gastronomen zu überleben. Seit Dienstag hat die Gastronomie wieder geöffnet und die Franzosen, wie auch wir, freuen uns sehr darüber, dass es wieder einen Schritt voran geht.

Uns ist bewusst: So werden wir diese Gegend hier nie wieder erleben, so still, so schön. Deswegen haben wir die Woche intensiv genutzt. Nicht nur ins Elsass zog es uns, wir waren auch unterwegs ins Lothringer Seenland. Vorbei am Mittersheimer Weiher (leider noch wegen Renovierungsarbeiten an der Strandpromenade gesperrt) über Rhodes am Stockweiher bis hin zum Etang de Lindre, dem wunderbaren Naturschutzgebiet, das mit besonderen Attraktionen auf uns wartete. Störche in vollbelegten Nestern, es war so wunderbar. Schwalben, wohin das Auge reichte. Die Natur zeigte sich in ihrer ganzen Pracht. Sogar ein Kranich war zu sehen.

Der Saar- Kohle- Kanal- Radweg ist jedem von euch zu empfehlen- ganz flach, vorbei an Feldern und Dörfern ist er auch ohne E-Bike gut zu fahren und ist eines der Highlights der Region. Wir haben so viel fotografiert, uns Sonnenbrand eingefangen und das schöne Wetter in vollen Zügen genossen. Auf Zaungeschichten wird es ab Montag eine neue „Seite“ geben, die sich mit Ausflugstipps 100km rund um Sarreguemines befasst- da seht ihr dann auch unsere Fotos.Gute Neuigkeiten gibt es von Melody- ihre Tochter hat endlich einen Flug nach Frankreich bekommen und trifft am 15. Juni auf dem Blauberg ein. Monsieur Jean, der Klavierspieler von gegenüber hat Dienstagabend ganz inbrünstig die Ode an die Freude von Beethoven gespielt- wie wenn er die wiedererlangte Freiheit begrüßen wollte.

Nicht nur für die Menschen scheint das Confinement vorüber. Wir haben einen neuen Mitbewohner- einen kleinen Igel, der uns jeden Abend zur gleichen Zeit besucht und sich sein Rührei schmecken lässt. Da bei mir jedes Tier ganz schnell einen Namen hat- Spinne Victor, Ella die Maus usw, brauchte der Igel natürlich auch einen Namen: angelehnt an den britischen Skispringer, der uns in den 80ern unterhielt, heißt der Igel jetzt Eddie- natürlich „de Igel“.

Sarreguemines hat seit letztem Wochenende einen neuen Bürgermeister. Bewegend war der Abschied des alten, der so viel für die Stadt getan hat. Mehr durch Zufall als gewollt, bin ich auf die Liveübertragung der Ratssitzung bei Facebook gestoßen und war geschockt, das so viele Persönlichkeiten des öffentlichen saargeminner Lebens betrauert wurden, die Covid 19 nicht überlebt haben. Unsere gute Louise ist eine der ganz wenigen, die es geschafft haben. Sie wird helfen, die Stadt noch ein Stück schöner zu machen.

Ich hoffe ihr hattet auch eine schöne Woche und wünsche euch ein schönes Wochenende.

Woche 3 der Dekonfinementierung

So lange nun das Deconfinement dauert, so sehr haben wir uns daran gewöhnt. Wir schätzen es in vielen Momenten, die Augenblicke in denen wir es verwünschen sind weniger geworden. Einer dieser Augenblicke war der Geburtstag meines Vaters in Deutschland. Er ist nun schon etwas älter – um genau zu sein, hat er mit der Bundesrepublik Geburtstag am 23. Mai und wurde 71. Es war uns nicht möglich zu ihm zu fahren und diesen Tag mit ihm zu feiern. Etwas traurig haben wir ihm per Videophonie gratuliert. Im Gespräch haben dann alle eingesehen, dass es auch bei offener Grenze nicht in Ordnung gewesen wäre, wenn wir aus der roten Zone nach Deutschland gefahren wären. Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich das Virus unwissender Weise nach Deutschland geschleppt und jemanden angesteckt hätte. Undenkbar, die Folgen. So warten wir weiter bis am 15. Juni wahrscheinlich die Grenzen wieder offen sein werden und nutzen dann die Gelegenheit zu einem Besuch in Kübelberg.
Hier bei uns auf dem Blauberg ist halbwegs Normalität eingezogen. Morgens um 6 rast einer der Nachbarn aus der anderen Straße mit seinem Motorrad durch unsere kleine Straße, hält kurz am Place des Fleurs, um dann wieder bis zur Ecole de Blauberg zu beschleunigen. Monsieur Jean, der Klavierspieler, hat Sascha schon darauf angesprochen, dass wieder ein gewisser Lärmpegel erreicht wird. Schade, in der noch weniger befahrenen Rue des Jacinthes wurden „Hubbel“ auf die Straße montiert, um den Verkehr zu bremsen. Hier in unserer Straße ist zwar weniger Verkehr, aber die wenigen Autos rasen ob der graden Straße oft mit hoher Geschwindigkeit vorbei. Und gerade das ist sehr gefährlich, weil der Schulweg hier verläuft und man die Kinder zwischen den parkenden Autos manchmal nur schwer ausmachen kann. Aber noch ist es bis auf den morgendlichen überlauten Raser relativ ruhig.
Das man auch große, erwachsene Männer übersehen kann, zeigte eine beunruhigende Nachricht von meiner Kusine aus Ottweiler. Ihr Mann wurde angefahren, während er in einem Feuerwehreinsatz war. Er ist noch mit einem blauen Auge davon gekommen, wurde am Sprunggelenk operiert und befindet sich auf dem Weg der Besserung. An dieser Stelle nochmal die besten Wünsche vom Blauberg.
Sascha hatte diese Woche eher Schönheitsprobleme und war in FriseurNot. Normalerweise geht er zum deutschen Barbier, aber was ist in diesen Zeiten schon normal? Einen triftigen Grund zum Grenzübertritt gibt eine schlechte Frisur nicht her, also blieb er in Saargemünd und ließ sich hier die Haare schneiden. Er wurde natürlich schnell als Deutscher ausgemacht und die nette Friseurin und die anderen im Salon fragten ihn direkt nach „den Deutschen da drüben“. Mal wieder schlug ihm völliges Unverständnis über die Grenzsituation entgegen und zum gefühlten hundertsten Mal musste er die Lage rechtfertigen. Natürlich war es ihm wichtig zu erklären, dass wir das auch nicht gut finden und wir als Deutsche hier mit den Franzosen im selben Boot sitzen. Einhellig war die Meinung, dass die deutschen Läden nach der Grenzöffnung sicher noch eine zeitlang von weniger Umsatz getroffen sein werden, weil sich viele Franzosen sehr zurückgestoßen und misachtet fühlen- die Hinwendung zu französischen Geschäften wird zumindest die erste Zeit nach der Grenzöffnung- wann sie auch immer komme- weitergehen. Zum Schluss waren alle zufrieden- Sascha am meisten, da er mit einer guten Frisur und einem super Bartschnitt den Salon verließ. Also, wenn ihr in Sarreguemines mal nen guten Barbier sucht, dann seid ihr bei MEN’S BARBER in der Rue Nationale sehr gut aufgehoben.

Warum also in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt- das ist momentan ganz unser Motto und trifft nicht nur in der Wahl des Friseurs zu.
Unsere Ruchequiditoui.fr hat diese Woche wieder ausgeliefert und wir waren wieder am Start. Höchstens 50 km sind die Biohöfe von Sarreguemines entfernt und wir staunen immer wieder darüber, was die Region Kulinarisches zu bieten hat. Diesesmal gab’s zu einem großen Biohähnchen, Würstchen und vielem mehr noch frische Erdbeeren und leckere Kirschen. Die Erdbeeren sind schon verputzt- das Hähnchen kommt heute auf den Grill. Wir sind richtig entschleunigt und genießen die Zeit soweit es geht.

Ab 2. Juni werden wir eine „grüne Region“ sein, das Dekonfinement geht in die nächste Phase und wir bekommen viele Freiheiten zurück. Aber darüber hört ihr nächste Woche in meinem Bericht aus dem Dekonfinement, aus Sarreguemines von unserem Blauberg.
Sascha und ich wünschen euch ein schönes Pfingstwochenende! Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Woche 2 der Dekonfinementierung

Nachdem ich mich letzte Woche noch gewundert hatte, wo Verenas Paket hängen geblieben war, kam es dann doch am Samstag bei uns an. Wir haben uns sehr gefreut, der Nachschub an Zitronenkeksen ist gesichert. Nachdem wir an der Grenze waren und dort die Bilder der Barrikaden gemacht hatten, wurde tatsächlich in der Nacht von Freitag auf Samstag der Grenzübergang geräumt. Das führte zu vielen Irrungen und Wirrungen. Die Frage stellte sich immer wieder darf ich rüber? Muss ich hierbleiben? Was brauche ich um rüber zu fahren? Darf ich rüber um Zigaretten zu kaufen? Wartet drüben die deutsche Polizei auf mich wenn ich zu DM fahre? Leider gab es darauf nur eine einzige Antwort: man darf nur rüber, wenn man einen dringenden Grund hat. Kontrolliert wird die Grenze natürlich immer noch- stichprobenartig. Das ist eigentlich noch doofer als die festen, stationären Grenzkontrollen- immerhin kann die Grenzpolizei immer und überall auf den bösen Franzosen oder Deutschen warten, der unerlaubt, ohne wichtigen Grund die Grenze überquert. Wir wurden sogar schon zweimal auf unserer Seite kontrolliert- woher? Wohin? Wohnort? 100km? Es war alles im grünen Bereich. Erst später fiel uns auf, warum wir wahrscheinlich kontrolliert wurden: Auf unserem Auto hatte der nette Mann vom Zulassungsservice damals aus Versehen ein 67er und kein 57 Schild angebracht- so sind wir jetzt für die Gendarmerie potentielle 100-km- Luftlinien- Zonen-Verletzer.

Wir fahren also immer noch nicht rüber ins Saarland- und viele unserer Nachbarn werden das wohl auch nicht direkt tun, wenn die Grenzen wieder offen sein werden. Zu groß ist die Enttäuschung über die Art und Weise der Grenzschließung. Raphael, der normalerweise zu den bedachtesten in unserer Straße gehört ,sprach mich schon auf ‚diesen seltsamen Innenminister‘ an, der ‚seine Parolen aus dem Krieg hätte‘. Ehrlich gesagt, habe ich mich in diesem Moment wirklich geschämt. Seine Frau hat zustimmend genickt und ich stand da, etwas geschockt und habe mich echt schlecht gefühlt. Das Gespräch ging zum Glück dann in eine andere Richtung. Raphael ist auf der Suche nach einer guten Tierklinik in Deutschland- ich konnte ihm da weiterhelfen- aber seinem Hund hilft das im Moment nicht, er hat keinen triftigen Grund, um die Grenze zu passieren. So muss Odin noch mindestens drei Wochen warten, bis er drüben behandelt werden kann. Raphael hilft derweil anderen aus der Straße, wie beispielsweise unserer Engländerin und ihrem Auto. Die beiden sind so drollig, wenn sie mit Händen und Füßen miteinander reden. Meistens verstehen sie sich nicht und dann kommt eine WhatsApp von Melody zu mir, um zu fragen, ob sie Raphael richtig verstanden hat. Also rufe ich den guten Nachbarn an und frage nach- anschließend gebe ich Melody Rapport. Mein Gehirn ist desöfteren verwirrt, weil ich mit ihr Englisch, mit ihm Französisch oder deutsch rede. Wahrscheinlich hat die Sache mit dem Auto jetzt ein Ende, weil die Werkstatt nun endlich das richtige Teil ausgewechselt hat. Auch da war ich mit ihr vor Ort- und was passierte da vor meinen Augen und Ohren- ich konnte es kaum glauben- da sprach doch tatsächlich die nette junge Frau an der Kasse zwar gebrochenes, aber trotzdem Englisch mit Melody- sogar Small Talk versuchte sie und Melody wie ich standen sehr überrascht ihr gegenüber. Sehr nett, und sehr selten, dass man das hier bei uns erlebt. Der französische Fremdsprachenunterricht unterscheidet sich maßgeblich von dem deutschen Unterricht- gerade vor ein paar Monaten, hat mir ein französischer Abiturient gestanden, dass er trotz neun Jahren deutsch und 6 Jahren Englisch keinen richtigen Satz in beiden Sprachen bilden kann. Mal sehen, ob sich das ändert, wenn zukünftig beim französischen Brevet (Realschulabschluss) und beim Bac (Abitur) Englisch verpflichtend sein soll- es besteht keine Wahlmöglichkeit mehr für die Schüler- deutsch wird dann freiwillig und wird an Bedeutung verlieren, für die Grenzregion wird das ein herber Verlust, weil die Plattsprecher irgendwann französisiert sein werden und damit nicht nur ein Sprach- sondern auch ein kultureller Schatz verloren gehen wird.

Wer uns nicht verloren geht und das war die Nachricht der letzten Wochen ist die gute Louise. Am Dienstag war sie sogar in unserer Tageszeitung, dem Republicain lorrain als Wunder der CoronaKrise zu sehen. Da jeder in meinen Geschichten einen anderen Namen (bis auf uns und die Sternenkinder) bekommen hat, heißt Louise natürlich nicht Louise, sondern wie ihr im Bericht sehen könnt, Bernadette. Wir sind so froh, dass sie bald wieder da ist. An einem Schatz einer Freundin darf ich dieser Tage mitarbeiten. Ihre Masterarbeit zu einem sehr schwierigen Thema steht zur Korrektur an. Ich weiß wie nervig das sein kann und finde, sie schlägt sich so tapfer. Tapfer müssen die Bewohner des Departements Moselle auch sein. Es gibt in Sachen Corona leider wieder schlechte Neuigkeiten. Ein weiterer Nachbar ist gestorben und wie es der Zeitung zu entnehmen war, gibt es bei der Gendarmerie-Brigade Sarreguemines neue Infizierte. Der GrandEst ächzt immer noch unter der Last dieses Viruses. Die Öffnung der Parks steht mittlerweile wieder in den Sternen- wir hatten auf den 2. Juni gehofft. Die 100 km Luftlinie. Wir haben nun endlich mal den Automaten der Ferme Gladel aus Rouhling ausprobiert. Er steht in Lixing und bietet 24 Stunden, fast alles, was das Herz begehrt und alles bio. Wirklich ganz super! Danke Evelyn für diesen tollen Tipp.Ich habe im Moment den Eindruck, dass es regelrechte Wanderbewegungen ins Bitcherland gibt. Wir lieben die verträumte Umgebung ebenso wie viele andere hier. Dichte Tannenwälder, schroffe Felsen, versteckte Teiche- einfach toll. Wir fanden so einen Nachmittag im Wald- der vor unserer Haustür wimmelt von den Eichenprozessionsspinnern- von Bitsch zu verbringen. Also rein ins Auto mit Bragi und Klara. In der Nähe des Camp de Bitche fanden wir einen schönen Platz und spazierten los. Doch was dann passierte, werde ich so schnell nicht vergessen. Wir wurden angegriffen, von tausenden Stechmücken- nach dem Confinement waren die verständlicherweise besonders ausgehungert. Wir entschlossen uns zurück zum Auto zu rennen und ich hängte mir meinen Schal über den Kopf- aber die Mücken krabbelten darunter und so sitze ich jetzt hier am Schreibtisch mit etwa 100, auf den ganzen Körper verteilten Stichen. Julie hat mir zuhause sozusagen erste Hilfe geleistet- einen netten Apotheker zum Nachbarn, das ist echt super! Passt also auf euch auf, wenn ihr draußen unterwegs seid! Bleibt gesund!

Woche 1 der Dekonfinementierung

Ich möchte mich zuerst bei euch bedanken- für eure Kommentare, für eure Privatnachrichten, für eure Anrufe und Emails, nachdem ich am Sonntag den Confinement-Blog vom Blauberg beendet hatte. Es freut mich so sehr, dass es so viele Mitleser gibt- ob auch Facebook oder auch auf www.zaungeschichten.com. Ich hoffe ich kann euch mit meinen Wochengeschichten ebenso begeistern. 

Unser Blauberg macht nur einen kleinen Teil von Sarreguemines aus, aber die Leute hier oben, die unten in der Stadt, die drüben in Neunkirch-les-Sarreguemines, die in Welferding, die in Folpersviller und alle anderen, die einen Ausflug hierher machen, hier verweilen- sie alle formen diese Stadt. Sie spüren die ganz besondere Atmosphäre, wenn sie am alten kaiserlichen Landgericht- jetzt Lycee Sainte Chretienne- vorbeischlendern, wenn sie in der Fußgängerzone einen Kaffee schlürfen oder einfach über die Terrassen hinweg deutsch- französischem Geplapper lauschen. 
Der 1 km Radius ist aufgelöst. An seine Stelle traten ganze 100km. Doch seltsamerweise nutzt sie kaum jemand. Wir hier oben sind erleichtert wieder herumfahren zu können- aber unseren Alltag hat das kaum verändert. Vieles ist gleich geblieben- die Parks zu und die Wälder gesperrt. Die Parks, weil wir immer noch eine ausgelastete IntensivbettenSituation haben, die Wälder wegen der Plage der Eichenprozessionsspinner- langes Wort, großer Ärger. Wir als Hundefamilie haben uns schon darauf gefreut Bragi und Klara im Wald zu promenieren, aber diese Spinner hängen schon überall- einfach zu gefährlich. 

Ungewohnt ist es immer noch, keine deutschen Autos zu sehen- die Einreisereglementierung von französischer Seite scheint echte Wirkung zu zeigen. Was wir auch nicht sehen, ist ein Paket von Verena- es hängt im Niemandsland der französischen Post fest- schon ganze 12 Tage braucht es von Saarbrücken nach Saargemünd (15 km). Wir sind sogar schon zur Grenze gefahren und haben danach gesucht- es hätte ja auch da irgendwie hängen geblieben sein können. Aber leider nein. Was wir gefunden haben, waren Absperrungen auf der Brücke zwischen Sarreguemines und Hanweiler. Welch’ ein trauriges Bild für die deutsch- französische Freundschaft, sehr befremdlich das so zu sehen. Noch vier Wochen….
Ein anderes Paket aus Deutschlands hohem Norden hat uns dagegen erreicht: Sinas Überraschung aus Leckereien des Nordens hat uns sehr gefreut- der Sanddornlikör ist dem Deconfinement bereits zum Opfer gefallen 😉 Sehr fein 🙂 Vielen Dank dafür! 

Melodys Auto ist schon wieder kaputt, also geht es nächste Woche wieder in die Werkstatt- sie voraus und ich hinterher- falls was passiert. Am Dienstag ist sie mit dem ersten Gang von Cora zu uns nachhause, das sind stolze 4km- mehr geschlichen als gefahren.
Im Haus gegenüber, bei Louise herrscht reges Treiben. Sie kommt Ende nächster Woche wieder nachhause. Weil ihr dieses verdammte Virus so schlimm zugesetzt hat, braucht sie jetzt eine behindertengerechte Wohnung- alles muss umgebaut werden. Wenn ich diese ganzen irren Covid- Leugner sehe, könnte ich schreien. 

Sascha weiß jetzt auch, wie die Abholung bei der Ruche, der Bauerngenossenschaft-, läuft. Er war am Mittwoch sozusagen mein Milchträger. Beim Kauf unseres Berlingos fand sich im Kofferraum ein Citroen Einkaufswägelchen- hatten wir noch nie gesehen und bisher auch nur selten benutzt. Wir haben uns damit bei der RucheAbholung köstlich amüsiert, weil einige der mit uns wartenden Männer ganz neidisch auf unser original Citroen-Zubehör starrten- ganz aus Plastik, aber für Sammler begehrt. Nix gibt’s, das ist jetzt mittwochs mein Ruche-Wägelchen. 

Wir dürfen uns nach der neuen Regelung wieder mit bis zu 10 Leuten auf der Straße treffen- die Gelbwesten haben das natürlich als erste mitbekommen und haben ihre Hütte am Kreisel Rother Spitz wieder bezogen- die lothringer Fahne flattert im Wind und es riecht nach Demo- ganz französisch. Meine lieben Franzosen kramen also gerade wieder ihre Widerspenstigkeit heraus und denken an Themen wie Rente, Zigarrettenpreise und natürlich an Macron. Auf die Idee Corona zu leugnen und gegen die Maßnahmen im „deutschen Stil“ zu demonstrieren, sind sie noch nicht gekommen. Wahrscheinlich sind die Aluhüte bisher an der Grenze abgewiesen worden, zum Glück! 

Saschas Arbeitseinsatz für seine Firma beschränkte sich auf ein kurzes Intermezzo letzte Woche. Jetzt steht er wieder in seinen eigenen Diensten und freut sich, dass er Zeit zum Lichtmalen und ab nächster Woche Urlaub hat. Mal sehen, wie das alles so weiter geht. Bei mir ist Business as usual- Unterricht im Homeoffice.

Bleibt gesund!