Tag 52 der Ausgangssperre

Einmal mehr ist Geduld gefragt. Jeden Abend um 20:00 Uhr hupt jemand in einer Nebenstraße von uns. Wir wissen nicht wer das ist, wir wissen nicht, wo er parkt und wir wissen nicht für wen er hupt. Gestern Abend holte er Julie, Eric, Sascha und mich durch sein Gehupe aus der Diskussion über die Pressekonferenz von Premierminister Phillipe. Er und verschiedene seiner Regierungskollegen haben den Beginn der Entkonfinementierung am 11. Mai, am kommenden Montag, verkündet. Nach so vielen Tagen der Abschottung hatten wir sehnsüchtig darauf gewartet. Nach der Konferenz trafen wir uns anschließend alle am Zaun. 

Nicht nur Sascha und ich haben mehr Lockerungen erwartet, freuten uns schon mit unseren Hunden wieder durch die Parks in Sarreguemines oder den nahen Wald zu schlendern. Eric und Julie sind auch etwas enttäuscht- die Parks und Gärten bleiben wahrscheinlich noch bis 2. Juni geschlossen, der Zugang zu den Seen der Umgebung bleibt uns bis auf weiteren Erlass verwehrt. Der Grund ist die Klassifikation „rot“ auf der Frankreichkarte des französischen Gesundheitsministers. Der große Osten Frankreichs ist knallrot, d.h. das Confinement wird bei uns länger dauern als in anderen Regionen- in Paris ,in der Region Ile de France, sieht es ähnlich aus und im ÜberseeDepartement Mayotte. Die Zirkulation des Virus ist zwar geringer geworden, aber sie ist immer noch da. Die Intensivstation und sind immer noch ausgelastet. Die französische Regierung hat entschieden, dass wir langsam machen müssen. Immerhin- unsere Bewegungsfreiheit erhöht sich ohne Attestation- Ausgangsschein- auf 100 km innerhalb des Departements -„Luftlinie“- auf Französisch heißt es VogelFluglinie „vol d’oiseau“.

Irgendwie kommt es in CoronaZeiten oft anders, als man denkt. Schade, ein Leben nach Corona lässt also in der Region GrandEst noch auf sich warten. Die französische Grenze bleibt geschlossen bis zumindest 15. Juni, bis zum Erlass einer neuen Verordnung. Da die deutsche Regierung die Grenze auch nicht öffnet, bleibt es also beim Status Quo. Immer noch keine Pflanzen aus dem Gartencenter auf der anderen Seite der Grenze. Ich bleibe wohl auch weiterhin der „Hundefutter-Dealer“ der Straße- so nennt mich zumindest Melody scherzhaft. Nur die Grenzgänger dürfen die Grenze überschreiten, zum Zwecke der Arbeit. Das ist auch das Einzige, bei dem sich heute wirklich etwas für Sascha und mich geändert hat. Wir leben jetzt seit über 50 Tagen im Confinement- wir haben uns arrangiert, ehrlich- wir haben es genossen zusammen zu sein. Und dann kam der Anruf, dass Sascha wieder zur Arbeit muss. Wir waren hin und hergerissen zwischen „Juhuu, es geht wieder los!“ und „Ach, schade, die Ruhe ist vorbei!“.

Ich nehme an, dass die Huperei in der anderen Straße auch mit der Arbeit desjenigen zu tun hat, dem sie gilt. Vielleicht wird er zur Nachtschicht abgeholt? Den Dreien geht es wahrscheinlich ähnlich- dem, der abends hupt, derjenige der abgeholt wird und Sascha, der heute früh wieder zur Arbeit gefahren ist- alle müssen wieder zurück in den Trott. Meine Arbeit begann heute wieder früh um sieben, an meinem Computer, mit dieser Geschichte aus dem Confinement in Frankreich.

Tag 51 der Ausgangssperre

Auf den alten saargeminner Postkarten, die ich seit einigen Jahren sammele, sieht man, dass das Gebiet hier oberhalb des alten Hospitals lange Zeit nur spärlich besiedelt war. Die Faiencerie der Stadt war schon längst für ihre Porzellankunst über ihre Grenzen hinweg bekannt, doch bedurfte es noch eines Wirtschaftsbooms wie Anfang der 1870er Jahre, um ins ganz große Geschäft einsteigen zu können. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kam auch die Besiedlung unseres Blaubergs. Es ist vieles Alte bis heute erhalten, aber trotzdem braucht es auch Neues.


Zum Beispiel das Internet. Wir haben hier eine -sagen wir es mal bescheidene- Internetanbindung. Um uns herum sind sämtliche Straßen bereits mit Glasfasernetz ausgebaut, die Geschwindigkeit dort geht ins Uferlose. Wir hier in unserer Straße, sitzen immer noch im DSL 6000 kb Bereich. Das kann schon relativ nervig sein und Sascha der Arme spürt es momentan jeden Tag. Ich gebe meinen Unterricht seit Beginn des Confinement online. D.h. also sämtliche Internet Verbindungskapazitäten müssen sich auf meinem Rechner vereinen. Kein Verbraucher darf eingeschaltet sein. Zwei Tage vor dem Confinement streikte unsere Satellitenschüssel und wir stiegen kurzerhand auf InternetFernsehen um. Alles gut und schön. Aber jetzt rächt sich das Ganze, es ist wirklich Mist, dass wir nicht vor den Confinement noch eine Schüssel gekauft haben. So kann Sascha während meines Unterrichts kein Fernsehen schauen. Es bleibt ihm also nichts anderes übrig als sich analog zu beschäftigen: kochen, aufräumen, Schallplatten zu hören oder unserer großen Leidenschaft zu frönen, der experimentellen Fotografie. Er mag es zwar nicht, wen ich ihn so nenne, aber Sascha ist der „KreativKopf“ unseres gemeinsamen LichtmalerUnternehmens „LightpainterMoselle“. Er testet und malt, er baut neue Werkzeuge und forscht nach neuen Effekten. Gestern hat er mich wieder mit einer neuen Kreation überrascht. Langeweile kommt bei uns im Confinement also nicht auf.


Spannend ist es auch die Post in Empfang zu nehmen. Gestern kamen wieder zwei Päckchen über den Grenzzaun zu uns herüber. Eine liebe Freundin, die sich in ihrer Freizeit ihrer ganz eigenen Fotokunst widmet, hat uns eine ihrer neuesten Kreationen zur Aufmunterung geschickt. Annes Fotos wurden in ihrer Kreativität zu Glückstropfen- sehr süß. Für unser leibliches Wohl- also ganz konkret für den Nachschub an Soßen, Gewürzen und meinen geliebten ZitronenKeksen- war nach dem Empfang des zweiten Paketes gesorgt. Die liebe Nicole hat ein Auge darauf, dass wir geschmacklich nicht „verkommen“. Wir freuen uns sehr über die CarePakete und möchten allen, die an uns denken „Danke!“ sagen. Die Kekse sind schon zur Hälfte gegessen und die Glückstropfen haben einen besonderen Platz gefunden- an unserem Zaun.


Bleibt gesund!


http://www.histopopart.de

http://www.eppers-gewuerze.de

Tag 50 der Ausgangssperre

Im Garten unserer Nachbarn Familie Steiner steht ein Kirschbaum. Jedes Mal wenn ich aus meiner Küche nach rechts schaue, sehe ich diesen wunderschönen Baum, der jedes Frühjahr in voller Blüte steht. Er ist schon alt, hat in unserem Quartier wahrscheinlich schon viel gesehen. Natürlich freut sich jeder der Nachbarn im Sommer auf die frischen Kirschen aus Familie Steiners Garten.


Überhaupt gibt es hier in den Gärten viel Gesundes. Weil nicht jeder alles hat oder anbauen kann, werden die Äpfel, die Birnen, die Mirabellen, die Quitten und natürlich die Pflaumen und noch viele andere leckere Sachen untereinander verteilt. Frau Maurer hat sogar Schlüssel zu ihrem riesigen Grundstück verteilt, damit jeder sich nehmen kann- soviel ind wann er gerade Lust dazu hat. Ihr Stück gleicht einer kleinen Obstplantage- Manuel, ihr verstorbener Mann, hatte eine Leidenschaft für diese Obstbäume. Er liebte es im Sommer im Schatten der Bäume die Vögel zu beobachten, er war immer sehr stolz, dass sogar ein Kauz dort gesiedelt hat. Der Kauz sitzt immer noch in den alten Obstbäumen. Ich höre ihn abends manchmal rufen.


Eine besondere Art der Entspannung findet sich jedoch in unserem Quartier ein, wenn das Obst in flüssige Form überführt wird. Auf Französisch heißt es dann „Eau de vie“- „Lebenswasser“, bei uns hier in Lothringen heißt es wie in Deutschland „Schnaps“. Da steht oder sitzt man abends zusammen, nach getaner Arbeit, unterhält sich über dies und das, tauscht den letzten Klatsch und Tratsch des Quartiers aus. Zum Abschluss gehört -seitdem wir hier wohnen- ein Glas Wein, am besten Pino Noir oder ein Elsässer, und ein Gläschen Schnaps- das flüssige Obst unseres Quartiers.Herr Steiner ist ein Meister der Brennerei. Seine Schnäpse sind legendär. Frau Steiner bemalt die Etiketten und vermerkt in feinster französischer Handschrift die Obstsorten auf den Flaschen. Alles pure Handarbeit. Fabriqué en France/ Sarreguemines/ Blauberg.


Der Kirschbaum hat seine Blüten in den letzten Tagen verloren, jetzt geht es in die heiße Phase, dem Beobachten und diskutieren wie die Kirschen wohl schmecken werden, wie der Schnaps wird und vor allem, wann wir ihn zusammen trinken, ohne Sicherheitsabstand und Mundmaske. Hier bei uns im Quartier, auf dem Blauberg in Sarreguemines en France.

Tag 49 der Ausgangssperre

Also noch bis mindestens 15. Mai sollen die Grenzen für die „NichtGrenzgänger“ geschlossen bleiben. Aber was nützen einem die pendleroffenen Grenzen, wenn die Leute nicht zur Arbeit gerufen werden. Also bleiben wir in unserem beschaulichen Sarreguemines. In Sarreguemines, genauer gesagt auf unserem Blauberg, dort wo die Straße vom Place des Fleurs in die Rue de la Foret abbiegt, liegt auf der linken Seite die Rue des Oeillets, die Nelkenstraße. Die Nelkenstraße ist eine ganz besondere Straße- wir nennen sie die „Phantomstraße“. An ihr stehen keine Häuser, kein Trottoir führt an ihr entlang. Madame Destin wohnt gegenüber der Einfahrt in die Rue des Oeillets, wenn sie aus dem Fenster schaut, dann sieht sie in eine eine große Wiese- die Rue des Oeillets. Auf den Stadtkarten, auch bei Google Maps ist die Rue des Oeillets eingezeichnet, doch sie existiert in der Realität nicht. Nur Gras- unsere Hunderennwiese.

 
Was so alles in Straßenkarten eingezeichnet ist… Ich sehe dort regelmäßig Madame Laporte und Monsieur Gaston mit ihren Hunden. Die zwei leben alleine, treffen sich regelmäßig zur Hunderunde und treffen dabei immer wieder auf mich und meinen schwarzen Rabauken. Mme Laporte sieht Bragis Gebell eher lässig, der nette Monsieur Gaston hat eher Angst um seinen kleinen Pinscher. Saschas scherzhafte Bemerkung, der wäre ein gutes Frühstück für unseren Schäfer trug gestern eher nicht zur Beruhigung der Situation bei. Monsieur Gaston nahm den Mini auf den Arm, als wir uns ihm näherten. Bragi fing schon mal aus sicherer Entfernung an zu stänkern und zeigte sein bestes „böses- Schäferhund“ Gesicht. Lisa, Gastons Pinscherdame beobachtet das Geschehen aus sicherer Entfernung und schaut mitleidsvoll oft Frage herab. Monsieur Gaston ist froh, als wir an ihm vorbei sind. Wir wünschen uns lachend einen schönen Tag. Dann geht es links auf die Rue des Primeveres, die es auch nur zur Hälfte gibt, und dann Richtung unseres Wasserturms. 


Unterwegs sehe ich Rudolphe, den Rockernachbarn bei Monsieur Schmidt am Haus stehen. Die beiden grüßen herüber- selbst jetzt bleibt Rudolphe bei seinem Rockergruß und ich bei dessen Erwiderung. Ich geh auf ein Wort zu Ihnen und Rudolphe erzählt, dass sein Fernseher gestern kaputt gegangen war und er nun ein Ersatzteil brauche. Und das von Monsieur Schmidt? Mir war nicht ganz klar… doch dann öffnete Monsieur Schmidt eine seiner Garagen. Alles voller Fernseher- alles voller alter Röhrenfernseher. Ich war fasziniert- wie in einer Zeitkapsel. Ein geheimes Röhrenfernseher und Zubehörlager in unserem Quartier. Rudolphe erzählte, dass sein neuer LCD- Fernseher das Zeitliche gesegnet hatte und er aus ner Not heraus- es gibt ja im Moment keine Möglichkeit einen neuen zu kaufen- seinen alten Röhrenfernseher wieder aktivieren möchte. Da kenne er sich mit der Technik noch gut aus und außerdem wäre in Röhrenfernseherzeiten auch die Rockmusik besser gewesen. Ich schmunzelte in mich hinein, als ich mit Bragi nach Hause lief. Alles ein bisschen aus der Zeit gefallen- in unserer Zeit des Confinements.


Bleibt gesund da draußen! Grüße vom Blauberg!

Tag 48 der Ausgangssperre

Wir wissen zwar nicht, was genau am 7. Mai in der Nationalversammlung beschlossen wird, aber gestern ist schon ein bisschen Information durchgesickert. Offiziell wurde die „crise sanitaire“, der Gesundheitsnotstand in Frankreich bis Juli verlängert. Es wird eine 14tägige Quarantäne geben, für alle, die nach Frankreich einreisen. Wie das im kleinen Grenzverkehr aussehen wird, ist noch völlig unklar. Auf Fragen zum Tourismus wurde bei einer Pressekonferenz nur sehr wage geantwortet. Eins ist sicher: wirklich locker wird es nicht werden- unser Departement Moselle im Grandest ist noch knallrot auf der offiziellen Klassifikationskarte des Gesundheitsministeriums. Der französische Staat bleibt hart und wir müssen und wollen mitziehen. Am Montag sollen die Schulen auf freiwilliger Basis wieder öffnen- gerade laufen Befragungen, wie viele Eltern das Angebot überhaupt annehmen wollen. Die Gruppen sollen nicht mehr wie 15 Kinder umfassen- Maskenpflicht soll es für die Kinder anscheinend nicht geben.

Für die Kiddies ist das Confinement ein echter Graus. Gestern hatte unser Nachbarsjunge Geburtstag. Er wurde 10. Seit nunmehr 47 Tagen sitzt er zuhause mit seinem kleinen Bruder, sein Quad hat er schon geschrottet, die Laune anbetrachts einer „KernfamilienGeburtstagsfeier“ im Keller. Julie und Eric haben ihm ein neues Fahrrad gekauft. Das war eine aufregende Sache. Paket Nummer 1 ging im ConfinementChaos vor drei Wochen „verloren“ , das zweite FahrradPaket beinhaltete nur den Rahmen und den Vorderreifen, das dritte Fahrrad kam letzte Woche Montag an und war eine Rahmengröße zu klein. Manchmal läuft es schlecht und dann kommt auch noch Pech dazu. Am Freitag kam nun endlich das richtige Fahrrad mit Vorder- und Hinterreifen, in der richtigen Größe und in wunderschönem Rot. Chic. Was Julie und Eric allerdings nicht wirklich im Blickfeld hatten, war die Tatsache, dass Loic durch das Confinement nur auf dem eigenen Grundstück fahren darf. Höchstens die Straße hoch und runter- dann ist Schluss. Es kam natürlich, wie es kommen musste. Loic stieg auf sein neues Fahrrad, fuhr die Einfahrt hoch und runter. Während wir am Zaun noch ein wenig erzählten, nutzte der Frechdachs die Gelegenheit und entwischte aus unserem Blickfeld. Naja, er ist ein richtiger Lausbub- aber ein lieber Junge. Aber heute hat er uns in Angst und Schrecken versetzt. Er war einfach verschwunden. Wir teilten uns auf, Julie und Eric Richtung Wasserturm, Sascha und ich Richtung Schule. Als wir uns der Schule näherten, sahen wir das Fahrrad auf der Wiese vorm Gebäude liegen, Loic saß unter einem der vielen Bäume vor der Schule. Er spielte mit einem Stock im Gras herum. „Mensch Loic, was machst du da?“ fragte ich ihn. „Wir suchen dich überall!“ Er schaute mich an und ich sah, dass er geweint hatte. „Bist du gefallen?“ „Nein!“ schluchzte er „Ich vermisse meine Freunde! Das ist der doofste Geburtstag, den ich je hatte!“ „Ach komm Loic, wir gehen nachhause und machen das Beste draus.“ Ich rief Julie an, und sagte, dass wir den kleinen Ausreißer gefunden hatten. Auf dem Weg zurück , die Straße runter, schob er das Fahrrad neben sich her. Vor einem blauen Haus blieb er stehen und zeigte auf ein Fenster in der obersten Etage. „Da wohnt Christophe, mein bester Freund. Den darf ich heute auch nicht sehen.“ Ich kenne Christophes Mutter- sie ist auch deutsch. Also klingelte ich kurzerhand und sprach kurz mit ihr über die Sprechanlage. Dann öffnete sich das Fenster in der oberen Etage und Christophe schaute zu uns herunter. Er winkte und rief „Salut Loic! Wie schön, dich zu sehen! Bon anniversaire! Wir feiern deinen Geburtstag nach! Wir sehen uns nächste Woche in der Schule!“ „Na klar, Christophe!“ Loics Gesicht hellte sich auf. Er lachte, setzte sich auf sein neues Fahrrad und radelte die letzten Meter nach Hause.

Wir waren froh, dass er wieder da war. Für uns gab’s dann noch ein Stück Kuchen über den Zaun. Geburtstag in CoronaZeiten- nicht nur für Kinder eine besondere Erfahrung.

Bleibt gesund! Passt auf euch auf!

Tag 47 der Ausgangssperre

Das Confinement und seine Kuriositäten. In den letzten Wochen haben sich verschiedene Sachen bei uns eingeschlichen, die wir gar nicht für möglich gehalten hätten. Julies Sohn hat gestern beim Anschnallen im Kindersitz, nicht mehr gewusst, wie er das machen muss. Er hat es schlichtweg in den ganzen Wochen des Confinements verlernt. Julie hat mir gestern am Zaun erzählt, dass sie ihr Auto seit Beginn des Confinements nicht mehr getankt hat. Da musste ich kurz nachdenken und mir fielein, dass es bei mir auch so ist. Von den Jogginghosen, die mittlerweile bei jedem hier Einzug in die Alltagskleidung gehalten haben, rede ich erst gar nicht. Karl Lagerfeld würde schimpfen, dass wir die Kontrolle über unser Leben verloren hätten.

Die ganze Situation ist schon wirklich seltsam. Richtig übel ist es für Leute, die auch noch Pech dazu haben. So wie meine Nachbarin Melody, ich hab schon über sie erzählt. Sie ist Engländerin und spricht kaum Französisch. Sie ist der Tochter wegen nach Sarreguemines gezogen, die absolviert gerade ein Auslandsjahr in England, und Melody sitzt hier. Jetzt ist auch noch das Auto kaputt gegangen. Letzte Woche hat sie mich gefragt, ob ich ihr aus dem Super U etwas mitbringen würde. ‚Kein Thema!‘ hab ich gesagt, ‚Schreib mir einfach eine lange Liste, ich bring dir mit was du möchtest‘. Melody hat dann einen Zettel geschrieben, mir Einkaufstaschen und Geld bereit gelegt. Ich fahre los. Im Super U angekommen, suche ich Melodys Sachen zusammen. Ich wundere mich, dass sie weder Joghurt, noch Quark, noch Käse oder Wurst aufgeschrieben hatte. Vielleicht lebte sie vegan? Das musste die Erklärung sein. MinzEis stand auf dem Zettel- typisch englisch. Ich dachte nicht weiter darüber nach, ging zur Kasse und machte mich auf den Heimweg. Ich schickte eine Nachricht, dass ich gleich da sein würde – sie erwartete mich an ihrem Fenster. Ich stellte die Sachen ab, sie bedankte sich und ich fuhr heim. Zu Hause angekommen räume ich meine Sachen weg, setze mich an den Tisch und nehme mir ein Gläschen Schokoladenpudding zur Belohnung- darf Melody die essen? Die Veganersache ging mir nicht aus dem Kopf. Als ich gerade den ersten Löffel nehmen wollte, kam eine WhatsApp Nachricht von Melody: ‚Hast du die zweite Seite gesehen? Also die zweite Seite des Einkaufszettels?‘ Oh mein Gott – sie war doch nicht die weltweit erste englische Veganerin….Ich war die schusseligste ‚Einkäufe-Mitbringerin’ im GrandEst…Ich hatte vergessen den Zettel um zu drehen. Ich griff in meine Jacke. Da war er, der Zettel. Und auf seiner Rückseite stand Joghurt, Quark Käse und Wurst. Oh mein Gott, ich hatte den Zettel einfach nicht umgedreht. 2 Minuten später stand ich wieder vor Melodys Tür. Sie stand da, lachte herzhaft und ich musste auch so lachen. Ich nahm die Taschen, die ich vorher nicht genutzt hatte und raste zu Super U. Wieder zurück, sagte sie: ‚Eben dachte ich noch, Nadine hat aber die vielen Sachen ordentlich verpackt. So können nur Deutsche verpacken, ich hatte vollsten Respekt vor dir!“ Und sie lachte und ich lachte. Sowas passiert auch nur im Confinement.

Gottseidank haben wir unseren guten Raphael in der Straße, der sich ihrem Auto direkt angenommen hat. Er hat einen Termin gemacht in einer nahe gelegenen Werkstatt, um das Berlingo prüfen zu lassen. Melody hat Angst, dass sie mit dem Auto stehen bleibt, ohne sich jemandem richtig mitteilen zu können. Sie hatte auch Angst zu dieser Werkstatt zu fahren. Die Peugeot- Werkstatt liegt im nächsten Ort, eigentlich ein Katzensprung. Ihr wie ich kennt sicher auch solche Situationen, in denen man Angst hat, dass das Auto gleich stehen bleibt und deswegen war es für mich selbstverständlich, dass ich zur Sicherheit hinter ihr her fuhr. Raphael erklärte uns den Weg, den Weg über die Schnellbahn. Ich wusste zuerst gar nicht was er meinte mit Schnellbahn, dann fiel mir die Schnellstraße ein. Als wir dann auf der Schnellstraße Richtung Autobahn waren, da bemerkte ich, dass diese Reise nach Woustviller die bisher Längste des Confinements für mich war. Sie kam mir vor als wäre sie eine Weltreise. Wir kamen gut an, die Teile wurden direkt bestellt, nächste Woche wird repariert. Melody wollte das Auto direkt in der Werkstatt lassen, aber das war nicht möglich. Wir mussten alsowieder zurück fahren. Sie voran und ich hinterher- eine Engländerin- eine Deutsche- in Frankreich im Confinement. Bleibt gesund und genießt das schöne Wetter!

Tag 46 der Ausgangssperre

Wir konnten gestern tatsächlich klären, warum unser Berg Blauberg heißt. Hier gibt es eine besondere, blau gefärbte Lehmschicht, die unserem Berg den Namen gab. Ich danke Evelyn für die nette Hilfe. Ich finde solche Zusammenhänge wahnsinnig interessant. Auf dem Foto mit der Erläuterung, die mir Evelyn schickte, befanden sich noch die alten Straßenbezeichnungen, die alten deutschen. Ein komisches Gefühl von Ringstraßen und Wegen zu lesen, die wir heute als Impasse oder Rue de Blauberg kennen.

Landkarten haben mich gestern sehr beschäftigt. Die französische Regierung hat beschlossen das ganze Land, jedes Departement nach dem Ampelsystem in verschiedene, unterschiedlich stark von Covid 19 betroffene Gebiete einzuteilen. Ein Blick auf die Karte verrät, dass die westfranzösischen Gebiete fast vollständig grün- also sicher eingeteilt wurden. Der wilde, große Osten war demgegenüber fast komplett in rot gefärbt. Schlechte Voraussetzung für die Einschulung der Kinder, schlechte Voraussetzung für das „Deconfinement“. Es sieht so aus, als würden die Ostgebiete dem Westen des Landes im Schneckentempo in Sachen Entconfinementierung folgen. Ganz langsam, Schritt für Schritt.Die Hoffnung stirbt zuletzt, denn die Regierung will jeden Tag die Zahlen auf der Karte neu beurteilen- man fragt sich, wie Eltern das machen werden. Wahrscheinlich muss jeden Morgen zuerst mal auf die Karte geschaut werden, in welchem Status sich das eigene Departement befindet- dann wird entschieden, ob es an dem entsprechenden Morgen in die Schule geht oder nicht. Die Ile de France- also die Region rund um Paris- ist genauso tiefrot wie wir- die Menschen hängen in der Luft und wissen im Moment nicht, wie sie die Füße und ihr Leben wieder auf den Boden bekommen. Es ist ohne Frage wichtig, die Regeln usw bis zum Ende der akuten Phase einzuhalten- mehr und mehr warten die Menschen auf Antworten, die wir wohl erst am 7. Mai bekommen werden. Dann wird das französische Parlament darüber entscheiden, wie es konkret weiter geht- also auch für uns hier. Bleiben wir rot, geht das Confinement weiter- Tag für Tag, bis die Zahlen so zurückgegangen sind, dass wir nicht mehr befürchten müssen, draußen direkt angesteckt zu werden.

Rudolphe, unser Rockernachbar ist jetzt schon ohne Furcht und Tadel. Er ist heute durch den Regen spaziert, mit kurzen Hosen und Badelatschen. Sein Kiss-TShirt klebte genauso an ihm, wie die langen Haare, mit denen er dem StatusQuo-Sänger Francis Rossi bis auf die letzte Strähne gleicht. Er schaute kurz zu mir herüber, als ich mit Bragi vor der Tür war. Er ist ein wenig unkonventionell und seit er Sascha mal mit einem ACDC Tour-T-Shirt gesehen hat, grüßt er uns mit dem Rockergruß- so auch heute. Ich muss lachen und grüße ihn so zurück. Vielleicht müssen wir die Situation so sehen wie Rudolphe, wir müssen es so nehmen, wie es kommt- wie das Wetter, das wir nicht beeinflussen können. Tanzen im Regen muss unser Motto sein bis alles vorbei ist.

Bis dahin bleibt gesund und Restez en bonne santé!

Tag 45 der Ausgangssperre

Warum unser Quartier Blauberg heißt? Trotz langer Recherchen kann ich euch das nicht sagen. Der Name stammt wahrscheinlich aus der Zeit um 1870, als Sarreguemines noch Saargemünd hieß. Wir wohnen in einem Haus, das in etwa aus der gleichen Zeit stammt. Es ist alt und schön, voller Geschichte und Geschichten. Fast alle Häuser hier auf dem Berg tragen ihr Erbauungsjahr im Setzstein über der Eingangstür, sie sind alt, ehrwürdig und sehr sympathisch.- ganz deutsch- französisch. Manchen Häusern sieht man an, aus welcher Phase sie stammen- zwischen 1870-1918 deutsch oder 1918-1940 französisch, bis zum Ende des Krieges 1945 deutsch und dann wieder französisch.

Als wir nach Sarreguemines zogen, waren wir voller Zuversicht, hatten aber auch Angst vor Ressentiments gegenüber uns deutschen Neuankömmlingen. Ganz ehrlich- viele Leute hatten uns vor den sturen Lothringern und ihrer Deutschenfeindlichkeit gewarnt. Wir wurden von deutschen Bekannten als Steuerflüchtlinge beschimpft, unser Umzug sehr kritisch beäugt. An so manchem Tag im Sommer 2008 hatte ich morgens Angst, dass über Nacht ein Ei an unsere Fassade geworfen worden war. Nachdem der Einzug fertig war, nahm ich mir den Mut und mein bestes Französisch und sprach meine Nachbarin an, die gerade im Garten arbeitete. Sie war klein, ihr silbernes Haar trug sie zum Dutt. Ich stellte mich vor. Sie lächelte milde, als ich sie fragte, ob sie denn auch deutsch spreche. Sie antwortete mir , sie spreche immer deutsch. Außerdem würde sie auch nur deutsches Fernsehen schauen, weil bei den Franzosen immer Quatsch zu sehen wäre. Sie fragte mich, woher wir kommen, dass das Haus so schön wäre und sie sich über nette Nachbarschaft freute.
Wir sahen uns an den folgenden Tagen immer öfter und (zu dem Zeitpunkt rauchte ich noch) genossen unsere Zigaretten beim gemeinsamen Abendplausch. Sie sprach vom Aspirateur, den sie nicht mehr so gut führen konnte und wie froh sie war, dass ihr Enkel bei ihr lebte. Pierre war etwa in unserem Alter und kümmerte sich rührend um seine Großmutter. Eines Abends, ich saß auf unserer Treppe und Madame König saß nur etwa 4 Meter von mir auf ihrer kleinen Terrasse vor ihrer Haustür, da begann sie zu erzählen- von früher. Sie erzählte, dass sie nach dem Krieg- etwa 1946/47 mit ihrer Mutter in Saarbrücken zum Einkaufen war. Der Winter war hart und die „Königskinder“ brauchten warme Mäntel. Als sie die schwer bewachte Grenze zwischen Sarreguemines und Hanweiler passierten, wurden sie von französischen Grenzern angehalten und zwei Stunden warten gelassen, danach befragt, was sie denn genau gekauft hätten. Immer wieder stellte der französische Grenzer die Frage nach dem Warum… Warum sie in Saarbrücken und nicht in Frankreich eingekauft hätten. Frau Königs Mutter kam in große Bedrängnis- nach Jahren deutscher Besatzung war ihr Französisch schlecht und Frau König selbst hatte bis zum Ende des Krieges- sie war 8 Jahre alt- nur deutsch gelernt und gesprochen- die Repressalien waren hart. Schließlich durften sie gehen- mit dem Hinweis, dass sie jetzt Franzosen seien und dass sie in Zukunft in Frankreich einkaufen sollten. Frau König schmunzelte. Was der Zöllner bei der Durchsuchung übersehen hatte, war ein Buch in einer Seitentasche ihrer Mutter. Stolz stand sie auf, legte ihre Zigarette in den Aschenbecher verschwand kurz hinter ihrer Haustür. Nur eine Minute später war sie wieder da- ein zerfleddertes Buch in der Hand- die Struwwelliese. Das ist das Buch! Kennst du das? Ich habe es immer noch, als Erinnerung an meine Mutter und die schweren Zeiten nach dem Krieg mit all den Grenzen und Kontrollen, damit wir in unseren guten Zeiten nicht vergessen, wie es früher einmal hier war. Was wir Lothringer, wir Saargemünder erdulden mussten- von beiden Seiten. Das darf man nicht vergessen! Frau König hatte Tränen in den Augen. Sie nahm ihre Zigarette, die schon fast abgebrannt war und verabschiedete sich in die Nacht.

Frau König lebt nicht mehr, aber wenn ich die Struwwelliese in meinem Bücherregal stehen sehe, muss ich an sie denken. Heute mehr denn je- mitten im Confinement. Bleibt gesund und genießt den Maifeiertag!

Tag 44 der Ausgangssperre

🇨🇵 🇩🇪 Bei schönem Wetter fällt es mir besonders schwer bei der täglichen Hunderunde den 1 km Radius um unser Zuhause einzuhalten, darum ist nicht nur die Natur froh um den Regen da draußen. In unserem 1 KilometerBewegungsradius liegt, zwischen der Rue des Myosotis und der Rue de la Montagne das alte Hospital von Sarreguemines. Es thront über der Stadt mit all den Türmchen und Verzierungen wie ein verwunschenes Schloss, das längst in einen DornröschenSchlaf gefallen ist. Eines der schönsten Gebäude von Saargemünd.
Als wir hierher zogen, war es gerade „außer Betrieb“ gesetzt worden. Überall standen Kartons mit medizinischem Gerät, riesige Umzugswagen wurden gepackt, um die medizinische Ausrüstung zum neuen Krankenhaus Robert Pax zu bringen. Nach fast 140 Jahren hatte das alte Gebäude seinen Dienst erfüllt. Zunächst wurde es still um den beeindruckenden Jugendstilbau. Doch dann fassten die Eigentümer den Entschluss, das alte Krankenhaus weiter zu nutzen- zuerst fand eine Schulkantine ihren Platz darin, dann ein Service der Stadtverwaltung, der Hubschrauberlandeplatz wurde in Baugrundstücke umfunktioniert bis dann die Entscheidung fiel Wohneinheiten zu schaffen. Ich frage mich immer, wenn ich mit dem Hund dort vorbeigehe, wie es sich darin leben lässt. Hinter diesen dicken Mauern hat sich viel Leben ereignet, sind aber auch viele dramatische Sachen passiert- 1918 grassierte hier in Saargemünd die letzte Pandemie- die spanische Grippe. Der deutsche Schriftsteller Alfred Döblin war zu der Zeit hier Militärarzt. Das Krankenhaus war damals im Zentrum des Geschehens. Ich weiß nicht, ob ich darin Leben könnte- wahrscheinlich würde ich jede Nacht wach liegen.
Vor ein paar Jahren wollten wir mal „anders“ Silvester feiern. Wir waren wie so viele andere Saargeminner in der Neujahrsnacht zur alten Schlossruine über der Stadt gefahren, weil man von dort einen schönen Ausblick über Saargemünd hat. Kamera und Sekt in der Tasche, hatten wir frühzeitig einen guten Platz ergattert- vorne an der Mauer- schön deutsch- schon um 23.30 Uhr. Doch während wir warteten, zog der Nebel im Saartal herauf und nix war mehr mit unserer schönen Aussicht auf die Stadt mit dem tollen Feuerwerk. Wir warteten und warteten, doch die Sicht wurde immer schlechter, der Nebel immer dichter. Um 23.55 Uhr saßen wir wieder im Auto und wollten schnell nachhause, um dort gemeinsam auf das neue Jahr anzustoßen. Ich fuhr wie ein Henker, um rechtzeitig zuhause zu sein, aber dann kamen die 0 Uhr Nachrichten im Radio. Ich stoppte, wir wünschten uns noch im Auto ein frohes neues Jahr- da klopfte es an unser Autofenster. Ich habe mich noch nie so erschrocken. Da standen Julie und Erik, die Beiden wollten nur schnell von einer Party in der Stadt nachhause- sie hatten ihre Feuerwerkskörper zu hause vergessen. Sie hatten sich dabei aber -genauso wie wir- in der Zeit verschätzt und waren nun wie wir am alten, verlassenen Hospital gestrandet. Wir stiegen aus, wünschten uns ein „Bonne Année!“, ließen den Wagen stehen und schlenderten gemeinsam nachhause. Unterwegs trafen wir fast alle unsere Nachbarn auf der Straße, wir stießen zusammen an, verteilten unzählige Bises, die besonderen französischen Umarmungsküsse, und hatten eine der schönsten SilvesterStraßenParties meines Lebens.

Das Auto wollte ich am Neujahrstag abholen. Da stand gerade die Police bei meinem kleinen Flitzer vor dem alten Hospital und ich sah, dass ich im Halteverbot geparkt hatte. Mist, ein PV von 25€. Ich sprach die Polizisten an, wünschte ein Bonne annee und erklärte die Situation. Sie lachten und einer von ihnen nahm den PV von meiner Windschutzscheibe. Er meinte, das wären dann ja besondere Umstände gewesen und daher zu entschuldigen. Er lächelt bis heute, wenn er mich aus dem PoliceAuto heraus sieht- wie gestern wieder, mit Klara und Bragi- am alten Hospital.


Also passt gut auf wo ihr parkt 🙂 Bleibt gesund!

Tag 43 der Ausgangssperre

Als unser Premierminister Philippe gestern in der französischen Nationalversammlung sprach, waren nur wenige Abgeordnete anwesend. Die, die da waren, saßen brav in vorgeschriebenen Abstand. Die Nationalversammlung so zu sehen hat schon etwas Befremdliches. Nachdem nun Österreich die völlige Aufhebung der Ausgangssperre und der anderen verhängten Maßnahmen verkündete, nachdem die Maßnahmen des Saarlandes durch den Verfassungsgerichtshof aufgehoben wurden, waren wir ganz gespannt, wie es nun bei uns hier im Grand Est und dem Rest von Frankreich weitergeht. 

Was Édouard Philippe verkündete klingt nach nicht viel Erleichterung, bedeutet aber doch die Wiedererlangung eines -wenn auch kleinen- Teils unserer Freiheit. Frankreich hat die Krise noch nicht überstanden und achtet penibel darauf, dass Covid 19 das Land nicht in Form einer zweiten Welle überrollt. Wir werden Erleichterungen haben, unser Bewegungsradius wird sich um das Hundertfache, auf 100 Kilometer, erweitern. Wir dürfen uns dann auch wieder ohne Ausgangsschein in diesem Radius bewegen. Wer zukünftig Geburtstag hat, Jubiläen feiert oder Familienfeiern und Treffen mit Freunden plant, darf zusammen mit zehn Leuten diese Festlichkeiten begehen. Sport darf auch wieder mehr betrieben werden, Parks und Naherholungsgebiete werden teilweise wieder eröffnet. Die Gastronomie bleibt weiter geschlossen. Großveranstaltungen sind natürlich genauso abgesagt wie Kinos geschlossen bleiben. Schulen öffnen teilweise, in besonders betroffenen Regionen bleiben sie weiterhin geschlossen.

Die Krise zeigt, wie verwundbar das französische Gesundheitssystem nach Jahren der Sparerei ist. Gerade deshalb finden wir die Handlungsweise, die die französische Regierung in Bezug auf Corona zeigt wirklich beeindruckend. Sie ist absolut notwendig. Abhängig bleiben die Lockerungen allerdings von der Infektionszahlen. Gibt es bis zum 11. Mai weniger als 3000 neue Infektion pro Tag, dann wird am 11. Mai gelockert. Ist das nicht der Fall, bleiben die bisherigen Regelungen in Kraft. Die Infektionszahlen schweben also wie ein Damoklesschwert über all den schönen Ankündigungen. Der 11. Mai, das sind jetzt noch zwölf Tage. Zwölf Tage, in denen noch viel passieren kann. Zwölf Tage die immer noch gefüllt sind mit dem Gedanken und der Hoffnung an ein normales Leben, das es so schnell nicht mehr geben wird. Trotz der Aussicht auf 100 km Bewegungsradius, blieb ich nach der Nachrichtensendung etwas ratlos zurück. Während ich mir eine Tasse Kaffee kochte, erreichte mich eine Nachricht von Julie. Sie fragte, ob ich wüsste, wann wir wieder nach Deutschland dürften. Und dann war da die Grenze wieder in meinem Kopf. Wir wissen nur, dass die Grenzen bis mindestens Montag geschlossen sind. Die Berichte über Widrigkeiten beim Grenzübertritt häufen sich in der Presse. Sie haben es in die überregionalen Zeitungen Frankreichs aber auch Deutschlands geschafft. Sie geben ein trauriges Bild ab- ein genauso trauriges Bild wie die weißen Absperrungen auf der Brücke zwischen Sarreguemines und Hanweiler. Julie gibt sich mit der Antwort: ‚Keine Ahnung! Wir hoffen auf nächste Woche!’ zufrieden. Dann schreibt sie eine zweite Nachricht. ‚Le poopee est arrivé!‘ Ich überlege kurz, frage, was sie denn meine. Sie beordert mich zum Zaun. Als ich rauskomme steht sie da und hält mir grinsend ein Paket hin. „Das ist das Klopapier, das ich vor lauter Angst vor drei Wochen online für uns alle bestellt habe! Jetzt ist es endlich da!‘ Da ist er wieder, der alltägliche Coronawahnsinn, den wir hier leben, mit der Verrücktheit, die wir alle so dringend brauchen. Wir lachen und das tut gerade sehr gut. 

Bleibt gesund, tragt eure Masken und habt einen schönen Tag!