Woche 5 und 6 Ende der Entkonfinementierung

Die letzte Woche war eine Art Warten auf das Ende der Grenzregelungen, Warten darauf, was nun geschehen würde. Alle Zeichen standen auf den Wiedereinzug unseres Alltags hier auf dem Blauberg. Veränderungen deuteten sich schon im Laufe der Woche an, als mein Mann einen Anruf seines Arbeitgebers erhielt. Er solle doch Montag wieder zur Arbeit kommen. Die Kurzarbeit für ihn sei nun vorbei. Monsieur le President redete am Sonntag und danach war klar, die Phase der Entkonfinementierung sollte tags darauf ein Ende finden. Wir waren hin- und hergerissen- wir sollten also aus unserem gefühlten Dornröschenschlaf langsam wieder erwachen und uns dem neuen alten Rhythmus unterwerfen- alles ein bisschen unwirklich.

Nur langsam konnten wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass es wieder los geht- Arbeitsstress und Hektik würden unseren von Fotografie und Homeschooling geprägten Alltag verdrängen. Wir beschlossen am Samstagabend das dritte Bild unserer LichtmalerSerie „Im Parc“ in unserem wunderschönen Parc municipale unterhalb des alten Krankenhauses zu malen. Wir wussten, dass es das Ende einer trotz allem auch schönen gemeinsamen Zeit war. Etwas wehmütig, aber doch geführt von dem Gedanken, ein wahrhaftiges Abschlussbild zu malen, sind wir mit unserer Ausrüstung losgezogen. In der dunkelsten Ecke des Parks wollten wir malen- wie immer ganz für uns allein. Doch da war ein junges Pärchen, dass die dunkle Ecke im Park für Schmusereien nutzte- wer kennt solche Situationen nicht. Wenn ich da an früher denke … hahahaha

Die beiden sahen unsere Kameras und fragten nach einem freundlichen „Bonsoir!“ in bestem Französisch, ob wir Fotografen seien. Ich zeigte den beiden Schätzchen unsere Fotos und schon waren sie sehr interessiert.  So kam es, dass wir unverhoffter Weise sehr offene Menschen vor der Kamera vor uns hatten, die für jeden Spaß zu haben waren. Während des Shootings erklärte mir die liebe Meryem, dass ihr Freund es bei ihr „im Salz“ liegen hatte und sie sich gerade versöhnt hatten. Frederic wusste wohl, wie er die junge Dame wieder um seinen Finger wickeln konnte: mit einer Schachtel Pralinen vom besten Chocolatier vor Ort. So macht man das 😉

Meryem drückte mir am Ende des Abends die Pralinen in die Hand und sagte, die würden jetzt uns zustehen, da wir mit unseren Bildern zur Versöhnung der Beiden beigetragen hätten. Sowas von süß. Was erlebt man also nicht alles nachts im Parc municipal von Sarreguemines. 

Montag ging dann der normale Wahnsinn wieder los- nicht ganz. Sascha arbeitet wieder in Deutschland, ich bin noch im Homeschooling. Am Montag hat Sascha gleich Sprudel in Glasflaschen aus Deutschland mitgebracht und sein Bartpflegezeugs gekauft. Mehr nicht. Letzten Mittwoch war ich wieder beim Verkauf der Bauerngenossenschaft „la ruche qui dit oui“ am Saargeminner Bahnhof- es sind wieder weniger Leute, die da anstehen, um ihre Sachen abzuholen. So schnell vergisst so Mancher. Ehrlich, ich war bis heute noch nicht wieder drüben in Deutschland. Ich möchte den „Zauber“ des Confinements, den es über unser ganz persönliches Leben gebracht hat, so schnell nicht verlieren. Das gemeinsame Lachen, das gemeinsame Weinen, das Hoffen und Bangen, die unverwechselbare französische Solidarität, die Gewissheit, dass Freunde in schlechten Zeiten zu einem Teil unserer Familie werden können.

Das traurige Gefühl auf der Hunderunde bleibt allerdings, wenn ich an den leeren Häusern der Covid-19 Opfer vorbei gehe. Es tut mir um alle sehr leid, nicht nur unser Quartier hat viele Menschen verloren. 

In aller Demut sind alle unsere Freunde hier auf dem Blauberg froh, dass wir es überstanden haben- bis jetzt. Und um unseren Zusammenhalt zu ehren, um den Tagen des Hoffen und Banges um unsere gute Louise zu gedenken und um daran zu erinnern, was im Leben wirklich zählt, werden wir am Wochenende ein kleines Fest der so großen französischen Solidarität feiern. Wir werden mit Abstand essen und trinken und uns ein bisschen auch selbst hochleben lassen, auf unserem Blauberg, in unserer kleinen Stadt Sarreguemines, in unserem Lothringen, im äußersten Osten Frankreichs.

Wenn ihr heute Abend auch zusammensitzt, dann trinkt einen auf uns und auf euch- genau wie ich auf euch trinke. Denn wir sind noch da, trotz Corona und Covid-19. À votre santé! Bleibt gesund!

Woche 4 der Dekonfinementierung

Nun sind wir seit Dienstag weitgehend bewegungsfrei- zumindest in Frankreich.Dass die jungen Leute nach der langen Zeit des Confinement die erlösende Freiheit vermissen, hat sich am Samstagabend schon angedeutet. Die erste Party unter freiem Himmel wurde gefeiert bis um 5:00 Uhr morgens. Ich lag im Bett und erinnerte mich an meine eigenen wilden Zeiten. Mann, ich werde alt.Wir haben am Pfingstwochenende Ausflüge in die nähere Umgebung unternommen, und uns langsam wieder daran gewöhnt, dass wir keine ausgangsbeschränkende Vogelflugzone mehr haben würden. Die 100 km Luftlinie, war bei uns sehr gut ein zu halten. Sie reichte bis nach Straßburg, sie führte uns -wie einige andere- ins Bitcherland und das angrenzende Elsass. Eine interessante Entdeckung haben wir in einem kleinen Kaff (entschuldigt bitte die Ausdrucksweise) namens Jägerthal gemacht. Oberhalb dieses MiniDorfs liegt die imposante Festung Windstein, eingangs Jägertals fanden wir die in Ruinen liegende Gründungsstätte der Firma DeDietrich. Durch diese Ruinen zu gehen, die symbolisch für die Eisenverhüttung stehen und die Geburtsstätte eines Weltkonzerns sind, war etwas ganz besonderes.

Nachdem wir den Heimweg über Reichshoffen und Bitch gemeistert hatten, musste ich natürlich zu Hause angekommen noch mal über diese Schmiede lesen. Es hat mich sehr überrascht, als ich im Internet eine Quelle fand, die die Schmiede dieser Weltfirma mit dem für mich größten deutschen Dichter überhaupt in Verbindung brachte. Goethe war dort und es wird vermutet, dass eine Szene des Faust auf genau diesen Besuch Goethes zurückgeht. Das war schon ein cooles Gefühl. Das Elsass hat überhaupt sehr viel zu bieten und man vergisst regelrecht, dass das Gute so nah liegt. Für unsere Lichtmalerei können wir uns fast keine schönere Umgebung denken. Der Alsace ist dünn besiedelt und von einem so dichten Wald bewachsen, dort mangelt es nicht an Dunkelheit in der Nacht.

Es herrschte eine seltsame Stimmung als wir so durch die Gegend fuhren, keine deutschen Autos auf der Straße, keine deutschen Urlauber am Hanauer Weiher und keine deutschen Touristen auf den Terrassen der Cafés. Sie waren alle noch geschlossen und vor dem ein oder anderen standen Leute, die insgeheim wohl gehofft hatten, dass sie geöffnete Restaurants vorfinden würden- der die vor der Tür geduldig warteten bis sie ihre bestellten Essen abholen konnten. Fast jedes Restaurant bietet einen Abholservice an- eine Entwicklung, die im Confinement ihren Anfang fand. Etwas verwirrend wird das alles als DRIVE bezeichnet, aber das ist egal und eine Kuriosität der „Einfranzösiserung“ von englischen Begriffen. Fakt ist, es half den Gastronomen zu überleben. Seit Dienstag hat die Gastronomie wieder geöffnet und die Franzosen, wie auch wir, freuen uns sehr darüber, dass es wieder einen Schritt voran geht.

Uns ist bewusst: So werden wir diese Gegend hier nie wieder erleben, so still, so schön. Deswegen haben wir die Woche intensiv genutzt. Nicht nur ins Elsass zog es uns, wir waren auch unterwegs ins Lothringer Seenland. Vorbei am Mittersheimer Weiher (leider noch wegen Renovierungsarbeiten an der Strandpromenade gesperrt) über Rhodes am Stockweiher bis hin zum Etang de Lindre, dem wunderbaren Naturschutzgebiet, das mit besonderen Attraktionen auf uns wartete. Störche in vollbelegten Nestern, es war so wunderbar. Schwalben, wohin das Auge reichte. Die Natur zeigte sich in ihrer ganzen Pracht. Sogar ein Kranich war zu sehen.

Der Saar- Kohle- Kanal- Radweg ist jedem von euch zu empfehlen- ganz flach, vorbei an Feldern und Dörfern ist er auch ohne E-Bike gut zu fahren und ist eines der Highlights der Region. Wir haben so viel fotografiert, uns Sonnenbrand eingefangen und das schöne Wetter in vollen Zügen genossen. Auf Zaungeschichten wird es ab Montag eine neue „Seite“ geben, die sich mit Ausflugstipps 100km rund um Sarreguemines befasst- da seht ihr dann auch unsere Fotos.Gute Neuigkeiten gibt es von Melody- ihre Tochter hat endlich einen Flug nach Frankreich bekommen und trifft am 15. Juni auf dem Blauberg ein. Monsieur Jean, der Klavierspieler von gegenüber hat Dienstagabend ganz inbrünstig die Ode an die Freude von Beethoven gespielt- wie wenn er die wiedererlangte Freiheit begrüßen wollte.

Nicht nur für die Menschen scheint das Confinement vorüber. Wir haben einen neuen Mitbewohner- einen kleinen Igel, der uns jeden Abend zur gleichen Zeit besucht und sich sein Rührei schmecken lässt. Da bei mir jedes Tier ganz schnell einen Namen hat- Spinne Victor, Ella die Maus usw, brauchte der Igel natürlich auch einen Namen: angelehnt an den britischen Skispringer, der uns in den 80ern unterhielt, heißt der Igel jetzt Eddie- natürlich „de Igel“.

Sarreguemines hat seit letztem Wochenende einen neuen Bürgermeister. Bewegend war der Abschied des alten, der so viel für die Stadt getan hat. Mehr durch Zufall als gewollt, bin ich auf die Liveübertragung der Ratssitzung bei Facebook gestoßen und war geschockt, das so viele Persönlichkeiten des öffentlichen saargeminner Lebens betrauert wurden, die Covid 19 nicht überlebt haben. Unsere gute Louise ist eine der ganz wenigen, die es geschafft haben. Sie wird helfen, die Stadt noch ein Stück schöner zu machen.

Ich hoffe ihr hattet auch eine schöne Woche und wünsche euch ein schönes Wochenende.

Woche 3 der Dekonfinementierung

So lange nun das Deconfinement dauert, so sehr haben wir uns daran gewöhnt. Wir schätzen es in vielen Momenten, die Augenblicke in denen wir es verwünschen sind weniger geworden. Einer dieser Augenblicke war der Geburtstag meines Vaters in Deutschland. Er ist nun schon etwas älter – um genau zu sein, hat er mit der Bundesrepublik Geburtstag am 23. Mai und wurde 71. Es war uns nicht möglich zu ihm zu fahren und diesen Tag mit ihm zu feiern. Etwas traurig haben wir ihm per Videophonie gratuliert. Im Gespräch haben dann alle eingesehen, dass es auch bei offener Grenze nicht in Ordnung gewesen wäre, wenn wir aus der roten Zone nach Deutschland gefahren wären. Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich das Virus unwissender Weise nach Deutschland geschleppt und jemanden angesteckt hätte. Undenkbar, die Folgen. So warten wir weiter bis am 15. Juni wahrscheinlich die Grenzen wieder offen sein werden und nutzen dann die Gelegenheit zu einem Besuch in Kübelberg.
Hier bei uns auf dem Blauberg ist halbwegs Normalität eingezogen. Morgens um 6 rast einer der Nachbarn aus der anderen Straße mit seinem Motorrad durch unsere kleine Straße, hält kurz am Place des Fleurs, um dann wieder bis zur Ecole de Blauberg zu beschleunigen. Monsieur Jean, der Klavierspieler, hat Sascha schon darauf angesprochen, dass wieder ein gewisser Lärmpegel erreicht wird. Schade, in der noch weniger befahrenen Rue des Jacinthes wurden „Hubbel“ auf die Straße montiert, um den Verkehr zu bremsen. Hier in unserer Straße ist zwar weniger Verkehr, aber die wenigen Autos rasen ob der graden Straße oft mit hoher Geschwindigkeit vorbei. Und gerade das ist sehr gefährlich, weil der Schulweg hier verläuft und man die Kinder zwischen den parkenden Autos manchmal nur schwer ausmachen kann. Aber noch ist es bis auf den morgendlichen überlauten Raser relativ ruhig.
Das man auch große, erwachsene Männer übersehen kann, zeigte eine beunruhigende Nachricht von meiner Kusine aus Ottweiler. Ihr Mann wurde angefahren, während er in einem Feuerwehreinsatz war. Er ist noch mit einem blauen Auge davon gekommen, wurde am Sprunggelenk operiert und befindet sich auf dem Weg der Besserung. An dieser Stelle nochmal die besten Wünsche vom Blauberg.
Sascha hatte diese Woche eher Schönheitsprobleme und war in FriseurNot. Normalerweise geht er zum deutschen Barbier, aber was ist in diesen Zeiten schon normal? Einen triftigen Grund zum Grenzübertritt gibt eine schlechte Frisur nicht her, also blieb er in Saargemünd und ließ sich hier die Haare schneiden. Er wurde natürlich schnell als Deutscher ausgemacht und die nette Friseurin und die anderen im Salon fragten ihn direkt nach „den Deutschen da drüben“. Mal wieder schlug ihm völliges Unverständnis über die Grenzsituation entgegen und zum gefühlten hundertsten Mal musste er die Lage rechtfertigen. Natürlich war es ihm wichtig zu erklären, dass wir das auch nicht gut finden und wir als Deutsche hier mit den Franzosen im selben Boot sitzen. Einhellig war die Meinung, dass die deutschen Läden nach der Grenzöffnung sicher noch eine zeitlang von weniger Umsatz getroffen sein werden, weil sich viele Franzosen sehr zurückgestoßen und misachtet fühlen- die Hinwendung zu französischen Geschäften wird zumindest die erste Zeit nach der Grenzöffnung- wann sie auch immer komme- weitergehen. Zum Schluss waren alle zufrieden- Sascha am meisten, da er mit einer guten Frisur und einem super Bartschnitt den Salon verließ. Also, wenn ihr in Sarreguemines mal nen guten Barbier sucht, dann seid ihr bei MEN’S BARBER in der Rue Nationale sehr gut aufgehoben.

Warum also in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt- das ist momentan ganz unser Motto und trifft nicht nur in der Wahl des Friseurs zu.
Unsere Ruchequiditoui.fr hat diese Woche wieder ausgeliefert und wir waren wieder am Start. Höchstens 50 km sind die Biohöfe von Sarreguemines entfernt und wir staunen immer wieder darüber, was die Region Kulinarisches zu bieten hat. Diesesmal gab’s zu einem großen Biohähnchen, Würstchen und vielem mehr noch frische Erdbeeren und leckere Kirschen. Die Erdbeeren sind schon verputzt- das Hähnchen kommt heute auf den Grill. Wir sind richtig entschleunigt und genießen die Zeit soweit es geht.

Ab 2. Juni werden wir eine „grüne Region“ sein, das Dekonfinement geht in die nächste Phase und wir bekommen viele Freiheiten zurück. Aber darüber hört ihr nächste Woche in meinem Bericht aus dem Dekonfinement, aus Sarreguemines von unserem Blauberg.
Sascha und ich wünschen euch ein schönes Pfingstwochenende! Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Woche 2 der Dekonfinementierung

Nachdem ich mich letzte Woche noch gewundert hatte, wo Verenas Paket hängen geblieben war, kam es dann doch am Samstag bei uns an. Wir haben uns sehr gefreut, der Nachschub an Zitronenkeksen ist gesichert. Nachdem wir an der Grenze waren und dort die Bilder der Barrikaden gemacht hatten, wurde tatsächlich in der Nacht von Freitag auf Samstag der Grenzübergang geräumt. Das führte zu vielen Irrungen und Wirrungen. Die Frage stellte sich immer wieder darf ich rüber? Muss ich hierbleiben? Was brauche ich um rüber zu fahren? Darf ich rüber um Zigaretten zu kaufen? Wartet drüben die deutsche Polizei auf mich wenn ich zu DM fahre? Leider gab es darauf nur eine einzige Antwort: man darf nur rüber, wenn man einen dringenden Grund hat. Kontrolliert wird die Grenze natürlich immer noch- stichprobenartig. Das ist eigentlich noch doofer als die festen, stationären Grenzkontrollen- immerhin kann die Grenzpolizei immer und überall auf den bösen Franzosen oder Deutschen warten, der unerlaubt, ohne wichtigen Grund die Grenze überquert. Wir wurden sogar schon zweimal auf unserer Seite kontrolliert- woher? Wohin? Wohnort? 100km? Es war alles im grünen Bereich. Erst später fiel uns auf, warum wir wahrscheinlich kontrolliert wurden: Auf unserem Auto hatte der nette Mann vom Zulassungsservice damals aus Versehen ein 67er und kein 57 Schild angebracht- so sind wir jetzt für die Gendarmerie potentielle 100-km- Luftlinien- Zonen-Verletzer.

Wir fahren also immer noch nicht rüber ins Saarland- und viele unserer Nachbarn werden das wohl auch nicht direkt tun, wenn die Grenzen wieder offen sein werden. Zu groß ist die Enttäuschung über die Art und Weise der Grenzschließung. Raphael, der normalerweise zu den bedachtesten in unserer Straße gehört ,sprach mich schon auf ‚diesen seltsamen Innenminister‘ an, der ‚seine Parolen aus dem Krieg hätte‘. Ehrlich gesagt, habe ich mich in diesem Moment wirklich geschämt. Seine Frau hat zustimmend genickt und ich stand da, etwas geschockt und habe mich echt schlecht gefühlt. Das Gespräch ging zum Glück dann in eine andere Richtung. Raphael ist auf der Suche nach einer guten Tierklinik in Deutschland- ich konnte ihm da weiterhelfen- aber seinem Hund hilft das im Moment nicht, er hat keinen triftigen Grund, um die Grenze zu passieren. So muss Odin noch mindestens drei Wochen warten, bis er drüben behandelt werden kann. Raphael hilft derweil anderen aus der Straße, wie beispielsweise unserer Engländerin und ihrem Auto. Die beiden sind so drollig, wenn sie mit Händen und Füßen miteinander reden. Meistens verstehen sie sich nicht und dann kommt eine WhatsApp von Melody zu mir, um zu fragen, ob sie Raphael richtig verstanden hat. Also rufe ich den guten Nachbarn an und frage nach- anschließend gebe ich Melody Rapport. Mein Gehirn ist desöfteren verwirrt, weil ich mit ihr Englisch, mit ihm Französisch oder deutsch rede. Wahrscheinlich hat die Sache mit dem Auto jetzt ein Ende, weil die Werkstatt nun endlich das richtige Teil ausgewechselt hat. Auch da war ich mit ihr vor Ort- und was passierte da vor meinen Augen und Ohren- ich konnte es kaum glauben- da sprach doch tatsächlich die nette junge Frau an der Kasse zwar gebrochenes, aber trotzdem Englisch mit Melody- sogar Small Talk versuchte sie und Melody wie ich standen sehr überrascht ihr gegenüber. Sehr nett, und sehr selten, dass man das hier bei uns erlebt. Der französische Fremdsprachenunterricht unterscheidet sich maßgeblich von dem deutschen Unterricht- gerade vor ein paar Monaten, hat mir ein französischer Abiturient gestanden, dass er trotz neun Jahren deutsch und 6 Jahren Englisch keinen richtigen Satz in beiden Sprachen bilden kann. Mal sehen, ob sich das ändert, wenn zukünftig beim französischen Brevet (Realschulabschluss) und beim Bac (Abitur) Englisch verpflichtend sein soll- es besteht keine Wahlmöglichkeit mehr für die Schüler- deutsch wird dann freiwillig und wird an Bedeutung verlieren, für die Grenzregion wird das ein herber Verlust, weil die Plattsprecher irgendwann französisiert sein werden und damit nicht nur ein Sprach- sondern auch ein kultureller Schatz verloren gehen wird.

Wer uns nicht verloren geht und das war die Nachricht der letzten Wochen ist die gute Louise. Am Dienstag war sie sogar in unserer Tageszeitung, dem Republicain lorrain als Wunder der CoronaKrise zu sehen. Da jeder in meinen Geschichten einen anderen Namen (bis auf uns und die Sternenkinder) bekommen hat, heißt Louise natürlich nicht Louise, sondern wie ihr im Bericht sehen könnt, Bernadette. Wir sind so froh, dass sie bald wieder da ist. An einem Schatz einer Freundin darf ich dieser Tage mitarbeiten. Ihre Masterarbeit zu einem sehr schwierigen Thema steht zur Korrektur an. Ich weiß wie nervig das sein kann und finde, sie schlägt sich so tapfer. Tapfer müssen die Bewohner des Departements Moselle auch sein. Es gibt in Sachen Corona leider wieder schlechte Neuigkeiten. Ein weiterer Nachbar ist gestorben und wie es der Zeitung zu entnehmen war, gibt es bei der Gendarmerie-Brigade Sarreguemines neue Infizierte. Der GrandEst ächzt immer noch unter der Last dieses Viruses. Die Öffnung der Parks steht mittlerweile wieder in den Sternen- wir hatten auf den 2. Juni gehofft. Die 100 km Luftlinie. Wir haben nun endlich mal den Automaten der Ferme Gladel aus Rouhling ausprobiert. Er steht in Lixing und bietet 24 Stunden, fast alles, was das Herz begehrt und alles bio. Wirklich ganz super! Danke Evelyn für diesen tollen Tipp.Ich habe im Moment den Eindruck, dass es regelrechte Wanderbewegungen ins Bitcherland gibt. Wir lieben die verträumte Umgebung ebenso wie viele andere hier. Dichte Tannenwälder, schroffe Felsen, versteckte Teiche- einfach toll. Wir fanden so einen Nachmittag im Wald- der vor unserer Haustür wimmelt von den Eichenprozessionsspinnern- von Bitsch zu verbringen. Also rein ins Auto mit Bragi und Klara. In der Nähe des Camp de Bitche fanden wir einen schönen Platz und spazierten los. Doch was dann passierte, werde ich so schnell nicht vergessen. Wir wurden angegriffen, von tausenden Stechmücken- nach dem Confinement waren die verständlicherweise besonders ausgehungert. Wir entschlossen uns zurück zum Auto zu rennen und ich hängte mir meinen Schal über den Kopf- aber die Mücken krabbelten darunter und so sitze ich jetzt hier am Schreibtisch mit etwa 100, auf den ganzen Körper verteilten Stichen. Julie hat mir zuhause sozusagen erste Hilfe geleistet- einen netten Apotheker zum Nachbarn, das ist echt super! Passt also auf euch auf, wenn ihr draußen unterwegs seid! Bleibt gesund!

Tag 53 der Ausgangssperre

Seit der Verkündung des Deconfinements ab Montag, hat sich die Atmosphäre hier auf unserem Berg etwas verändert. Sie ist in allgemeines Warten umgeschlagen- Vorbereitung für das Stück alte neue Freiheit werden getroffen- Autos werden geputzt, mehr Leute sind auf der Straße zu sehen. Es ist schon ein klein wenig betriebsamer- selbst gestern am Feiertag.

Als ich aus meiner Haustür trat, stand da schon wieder eines von Erics Schätzchen- ein 1968er Matra 530. Bevor ich hier wohnte, kannte ich diese AutoMarke überhaupt nicht, dann hat Eric mir erklärt, dass das Unternehmen irgendwann in den 70ern mit der Marke Simca fusionierte. Die wiederum kenne ich- das erste Auto meines Großvaters in den 60ern war ein französischer Simca. Da stand er nun dieser Matra und weckte durch ein besonderes Detail die Erinnerung an meine Kindheit- die gelben Scheinwerfer. Könnt ihr euch noch erinnern, als man abends oder nachts auf der Straße erkennen konnte, ob sich da ein Franzose oder ein Deutscher nähert? Natürlich hatte der Franzose es dann immer eiliger, fuhr immer etwas schneller als ein Deutscher. In der ersten Zeit hier mussten wir einige Dinge in Sachen Autofahren lernen- vor allem die größte verkehrstechnische Errungenschaft- den französischen Kreisverkehr. Die Regeln sind etwas anders: Regel Nummer 1- Verkehr ist in Frankreich Krieg- wer stehen bleibt, verliert. WIe oft verzweifelten arme Saargeminner, wenn wir wieder vor ihnen in den Kreisel einfuhren, wie oft schimpften andere französische Autofahrer, wenn ich mich nicht traute im Kreisel auf die Innenspur zu fahren. Am lustigsten finde ich heute noch die Zebrastreifenregelung. Fährt man in Überherrn über die deutsch-französische Grenze, stehen da große Schilder, dass man in Deutschland am Zebrastreifen anhalten muss. Ich hielt und halte immer noch an, wenn da jemand am Zebrastreifen steht. Hinter mir waren schon mehrfach Hupkonzerte zu hören. Ein sehr netter Gendarm hat mir mal erklärt, dass die ZebrastreifenRegelung in Frankreich so aussieht: Der erste Streifen befindet sich – anders als in Deutschland- auf dem Trottoir. Der Fußgänger tippt mit seinem Fuß- für den Autofahrer sichtbar (?!?!) auf diesen ersten Streifen und aktiviert ihn quasi dadurch. Dann muss man anhalten. Ich hab noch nie jemanden mit einem Fuß auf den Zebrastreifen tippen sehen- deshalb gilt bei mir die Regelung: Steht da jemand – dann anhalten. Beobachtet habe ich allerdings, dass die meisten Fußgänger auf das Nummernschild des ankommenden Autos schauen und bei einem deutschen eher früher losgehen und bei einem französischen Plaque erst mal abwarten. Steht man dann und lässt den Fußgänger über die Straße gehen, dann bedankt er sich freundlich durch ein kurzes Nicken oder einen Wink- das ist Usus.

Selbst mein Vater- der alte erfahrene pensionierte LKW- Fahrer, gibt seinen Schlüssel gerne an mich weiter, wenn er hier her kommt und wir noch was einkaufen gehen. Er hat mich vor ein paar Jahren- ich hatte gerade gelernt, dass im französischen Kreisel eine „Links- vor—rechts-Vorfahrtsregelung“ gilt- geadelt, als er, während er sich an der Handschlaufe über der Seitentür festhielt- zu mir sagte: „Du fährst schon wie ein Franzose!“ Ich fahre immer noch sehr deutsch, halte mich weitgehend an die Geschwindigkeitsbegrenzungen- denn in einem unterscheiden sich Frankreich und Deutschland noch: in den hohen Bußgeldern hier bei uns.

Also fahrt vorsichtig, wenn ihr wieder rüber dürft und bleibt gesund

Tag 51 der Ausgangssperre

Auf den alten saargeminner Postkarten, die ich seit einigen Jahren sammele, sieht man, dass das Gebiet hier oberhalb des alten Hospitals lange Zeit nur spärlich besiedelt war. Die Faiencerie der Stadt war schon längst für ihre Porzellankunst über ihre Grenzen hinweg bekannt, doch bedurfte es noch eines Wirtschaftsbooms wie Anfang der 1870er Jahre, um ins ganz große Geschäft einsteigen zu können. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kam auch die Besiedlung unseres Blaubergs. Es ist vieles Alte bis heute erhalten, aber trotzdem braucht es auch Neues.


Zum Beispiel das Internet. Wir haben hier eine -sagen wir es mal bescheidene- Internetanbindung. Um uns herum sind sämtliche Straßen bereits mit Glasfasernetz ausgebaut, die Geschwindigkeit dort geht ins Uferlose. Wir hier in unserer Straße, sitzen immer noch im DSL 6000 kb Bereich. Das kann schon relativ nervig sein und Sascha der Arme spürt es momentan jeden Tag. Ich gebe meinen Unterricht seit Beginn des Confinement online. D.h. also sämtliche Internet Verbindungskapazitäten müssen sich auf meinem Rechner vereinen. Kein Verbraucher darf eingeschaltet sein. Zwei Tage vor dem Confinement streikte unsere Satellitenschüssel und wir stiegen kurzerhand auf InternetFernsehen um. Alles gut und schön. Aber jetzt rächt sich das Ganze, es ist wirklich Mist, dass wir nicht vor den Confinement noch eine Schüssel gekauft haben. So kann Sascha während meines Unterrichts kein Fernsehen schauen. Es bleibt ihm also nichts anderes übrig als sich analog zu beschäftigen: kochen, aufräumen, Schallplatten zu hören oder unserer großen Leidenschaft zu frönen, der experimentellen Fotografie. Er mag es zwar nicht, wen ich ihn so nenne, aber Sascha ist der „KreativKopf“ unseres gemeinsamen LichtmalerUnternehmens „LightpainterMoselle“. Er testet und malt, er baut neue Werkzeuge und forscht nach neuen Effekten. Gestern hat er mich wieder mit einer neuen Kreation überrascht. Langeweile kommt bei uns im Confinement also nicht auf.


Spannend ist es auch die Post in Empfang zu nehmen. Gestern kamen wieder zwei Päckchen über den Grenzzaun zu uns herüber. Eine liebe Freundin, die sich in ihrer Freizeit ihrer ganz eigenen Fotokunst widmet, hat uns eine ihrer neuesten Kreationen zur Aufmunterung geschickt. Annes Fotos wurden in ihrer Kreativität zu Glückstropfen- sehr süß. Für unser leibliches Wohl- also ganz konkret für den Nachschub an Soßen, Gewürzen und meinen geliebten ZitronenKeksen- war nach dem Empfang des zweiten Paketes gesorgt. Die liebe Nicole hat ein Auge darauf, dass wir geschmacklich nicht „verkommen“. Wir freuen uns sehr über die CarePakete und möchten allen, die an uns denken „Danke!“ sagen. Die Kekse sind schon zur Hälfte gegessen und die Glückstropfen haben einen besonderen Platz gefunden- an unserem Zaun.


Bleibt gesund!


http://www.histopopart.de

http://www.eppers-gewuerze.de

Tag 50 der Ausgangssperre

Im Garten unserer Nachbarn Familie Steiner steht ein Kirschbaum. Jedes Mal wenn ich aus meiner Küche nach rechts schaue, sehe ich diesen wunderschönen Baum, der jedes Frühjahr in voller Blüte steht. Er ist schon alt, hat in unserem Quartier wahrscheinlich schon viel gesehen. Natürlich freut sich jeder der Nachbarn im Sommer auf die frischen Kirschen aus Familie Steiners Garten.


Überhaupt gibt es hier in den Gärten viel Gesundes. Weil nicht jeder alles hat oder anbauen kann, werden die Äpfel, die Birnen, die Mirabellen, die Quitten und natürlich die Pflaumen und noch viele andere leckere Sachen untereinander verteilt. Frau Maurer hat sogar Schlüssel zu ihrem riesigen Grundstück verteilt, damit jeder sich nehmen kann- soviel ind wann er gerade Lust dazu hat. Ihr Stück gleicht einer kleinen Obstplantage- Manuel, ihr verstorbener Mann, hatte eine Leidenschaft für diese Obstbäume. Er liebte es im Sommer im Schatten der Bäume die Vögel zu beobachten, er war immer sehr stolz, dass sogar ein Kauz dort gesiedelt hat. Der Kauz sitzt immer noch in den alten Obstbäumen. Ich höre ihn abends manchmal rufen.


Eine besondere Art der Entspannung findet sich jedoch in unserem Quartier ein, wenn das Obst in flüssige Form überführt wird. Auf Französisch heißt es dann „Eau de vie“- „Lebenswasser“, bei uns hier in Lothringen heißt es wie in Deutschland „Schnaps“. Da steht oder sitzt man abends zusammen, nach getaner Arbeit, unterhält sich über dies und das, tauscht den letzten Klatsch und Tratsch des Quartiers aus. Zum Abschluss gehört -seitdem wir hier wohnen- ein Glas Wein, am besten Pino Noir oder ein Elsässer, und ein Gläschen Schnaps- das flüssige Obst unseres Quartiers.Herr Steiner ist ein Meister der Brennerei. Seine Schnäpse sind legendär. Frau Steiner bemalt die Etiketten und vermerkt in feinster französischer Handschrift die Obstsorten auf den Flaschen. Alles pure Handarbeit. Fabriqué en France/ Sarreguemines/ Blauberg.


Der Kirschbaum hat seine Blüten in den letzten Tagen verloren, jetzt geht es in die heiße Phase, dem Beobachten und diskutieren wie die Kirschen wohl schmecken werden, wie der Schnaps wird und vor allem, wann wir ihn zusammen trinken, ohne Sicherheitsabstand und Mundmaske. Hier bei uns im Quartier, auf dem Blauberg in Sarreguemines en France.

Tag 49 der Ausgangssperre

Also noch bis mindestens 15. Mai sollen die Grenzen für die „NichtGrenzgänger“ geschlossen bleiben. Aber was nützen einem die pendleroffenen Grenzen, wenn die Leute nicht zur Arbeit gerufen werden. Also bleiben wir in unserem beschaulichen Sarreguemines. In Sarreguemines, genauer gesagt auf unserem Blauberg, dort wo die Straße vom Place des Fleurs in die Rue de la Foret abbiegt, liegt auf der linken Seite die Rue des Oeillets, die Nelkenstraße. Die Nelkenstraße ist eine ganz besondere Straße- wir nennen sie die „Phantomstraße“. An ihr stehen keine Häuser, kein Trottoir führt an ihr entlang. Madame Destin wohnt gegenüber der Einfahrt in die Rue des Oeillets, wenn sie aus dem Fenster schaut, dann sieht sie in eine eine große Wiese- die Rue des Oeillets. Auf den Stadtkarten, auch bei Google Maps ist die Rue des Oeillets eingezeichnet, doch sie existiert in der Realität nicht. Nur Gras- unsere Hunderennwiese.

 
Was so alles in Straßenkarten eingezeichnet ist… Ich sehe dort regelmäßig Madame Laporte und Monsieur Gaston mit ihren Hunden. Die zwei leben alleine, treffen sich regelmäßig zur Hunderunde und treffen dabei immer wieder auf mich und meinen schwarzen Rabauken. Mme Laporte sieht Bragis Gebell eher lässig, der nette Monsieur Gaston hat eher Angst um seinen kleinen Pinscher. Saschas scherzhafte Bemerkung, der wäre ein gutes Frühstück für unseren Schäfer trug gestern eher nicht zur Beruhigung der Situation bei. Monsieur Gaston nahm den Mini auf den Arm, als wir uns ihm näherten. Bragi fing schon mal aus sicherer Entfernung an zu stänkern und zeigte sein bestes „böses- Schäferhund“ Gesicht. Lisa, Gastons Pinscherdame beobachtet das Geschehen aus sicherer Entfernung und schaut mitleidsvoll oft Frage herab. Monsieur Gaston ist froh, als wir an ihm vorbei sind. Wir wünschen uns lachend einen schönen Tag. Dann geht es links auf die Rue des Primeveres, die es auch nur zur Hälfte gibt, und dann Richtung unseres Wasserturms. 


Unterwegs sehe ich Rudolphe, den Rockernachbarn bei Monsieur Schmidt am Haus stehen. Die beiden grüßen herüber- selbst jetzt bleibt Rudolphe bei seinem Rockergruß und ich bei dessen Erwiderung. Ich geh auf ein Wort zu Ihnen und Rudolphe erzählt, dass sein Fernseher gestern kaputt gegangen war und er nun ein Ersatzteil brauche. Und das von Monsieur Schmidt? Mir war nicht ganz klar… doch dann öffnete Monsieur Schmidt eine seiner Garagen. Alles voller Fernseher- alles voller alter Röhrenfernseher. Ich war fasziniert- wie in einer Zeitkapsel. Ein geheimes Röhrenfernseher und Zubehörlager in unserem Quartier. Rudolphe erzählte, dass sein neuer LCD- Fernseher das Zeitliche gesegnet hatte und er aus ner Not heraus- es gibt ja im Moment keine Möglichkeit einen neuen zu kaufen- seinen alten Röhrenfernseher wieder aktivieren möchte. Da kenne er sich mit der Technik noch gut aus und außerdem wäre in Röhrenfernseherzeiten auch die Rockmusik besser gewesen. Ich schmunzelte in mich hinein, als ich mit Bragi nach Hause lief. Alles ein bisschen aus der Zeit gefallen- in unserer Zeit des Confinements.


Bleibt gesund da draußen! Grüße vom Blauberg!

Tag 48 der Ausgangssperre

Wir wissen zwar nicht, was genau am 7. Mai in der Nationalversammlung beschlossen wird, aber gestern ist schon ein bisschen Information durchgesickert. Offiziell wurde die „crise sanitaire“, der Gesundheitsnotstand in Frankreich bis Juli verlängert. Es wird eine 14tägige Quarantäne geben, für alle, die nach Frankreich einreisen. Wie das im kleinen Grenzverkehr aussehen wird, ist noch völlig unklar. Auf Fragen zum Tourismus wurde bei einer Pressekonferenz nur sehr wage geantwortet. Eins ist sicher: wirklich locker wird es nicht werden- unser Departement Moselle im Grandest ist noch knallrot auf der offiziellen Klassifikationskarte des Gesundheitsministeriums. Der französische Staat bleibt hart und wir müssen und wollen mitziehen. Am Montag sollen die Schulen auf freiwilliger Basis wieder öffnen- gerade laufen Befragungen, wie viele Eltern das Angebot überhaupt annehmen wollen. Die Gruppen sollen nicht mehr wie 15 Kinder umfassen- Maskenpflicht soll es für die Kinder anscheinend nicht geben.

Für die Kiddies ist das Confinement ein echter Graus. Gestern hatte unser Nachbarsjunge Geburtstag. Er wurde 10. Seit nunmehr 47 Tagen sitzt er zuhause mit seinem kleinen Bruder, sein Quad hat er schon geschrottet, die Laune anbetrachts einer „KernfamilienGeburtstagsfeier“ im Keller. Julie und Eric haben ihm ein neues Fahrrad gekauft. Das war eine aufregende Sache. Paket Nummer 1 ging im ConfinementChaos vor drei Wochen „verloren“ , das zweite FahrradPaket beinhaltete nur den Rahmen und den Vorderreifen, das dritte Fahrrad kam letzte Woche Montag an und war eine Rahmengröße zu klein. Manchmal läuft es schlecht und dann kommt auch noch Pech dazu. Am Freitag kam nun endlich das richtige Fahrrad mit Vorder- und Hinterreifen, in der richtigen Größe und in wunderschönem Rot. Chic. Was Julie und Eric allerdings nicht wirklich im Blickfeld hatten, war die Tatsache, dass Loic durch das Confinement nur auf dem eigenen Grundstück fahren darf. Höchstens die Straße hoch und runter- dann ist Schluss. Es kam natürlich, wie es kommen musste. Loic stieg auf sein neues Fahrrad, fuhr die Einfahrt hoch und runter. Während wir am Zaun noch ein wenig erzählten, nutzte der Frechdachs die Gelegenheit und entwischte aus unserem Blickfeld. Naja, er ist ein richtiger Lausbub- aber ein lieber Junge. Aber heute hat er uns in Angst und Schrecken versetzt. Er war einfach verschwunden. Wir teilten uns auf, Julie und Eric Richtung Wasserturm, Sascha und ich Richtung Schule. Als wir uns der Schule näherten, sahen wir das Fahrrad auf der Wiese vorm Gebäude liegen, Loic saß unter einem der vielen Bäume vor der Schule. Er spielte mit einem Stock im Gras herum. „Mensch Loic, was machst du da?“ fragte ich ihn. „Wir suchen dich überall!“ Er schaute mich an und ich sah, dass er geweint hatte. „Bist du gefallen?“ „Nein!“ schluchzte er „Ich vermisse meine Freunde! Das ist der doofste Geburtstag, den ich je hatte!“ „Ach komm Loic, wir gehen nachhause und machen das Beste draus.“ Ich rief Julie an, und sagte, dass wir den kleinen Ausreißer gefunden hatten. Auf dem Weg zurück , die Straße runter, schob er das Fahrrad neben sich her. Vor einem blauen Haus blieb er stehen und zeigte auf ein Fenster in der obersten Etage. „Da wohnt Christophe, mein bester Freund. Den darf ich heute auch nicht sehen.“ Ich kenne Christophes Mutter- sie ist auch deutsch. Also klingelte ich kurzerhand und sprach kurz mit ihr über die Sprechanlage. Dann öffnete sich das Fenster in der oberen Etage und Christophe schaute zu uns herunter. Er winkte und rief „Salut Loic! Wie schön, dich zu sehen! Bon anniversaire! Wir feiern deinen Geburtstag nach! Wir sehen uns nächste Woche in der Schule!“ „Na klar, Christophe!“ Loics Gesicht hellte sich auf. Er lachte, setzte sich auf sein neues Fahrrad und radelte die letzten Meter nach Hause.

Wir waren froh, dass er wieder da war. Für uns gab’s dann noch ein Stück Kuchen über den Zaun. Geburtstag in CoronaZeiten- nicht nur für Kinder eine besondere Erfahrung.

Bleibt gesund! Passt auf euch auf!

Tag 47 der Ausgangssperre

Das Confinement und seine Kuriositäten. In den letzten Wochen haben sich verschiedene Sachen bei uns eingeschlichen, die wir gar nicht für möglich gehalten hätten. Julies Sohn hat gestern beim Anschnallen im Kindersitz, nicht mehr gewusst, wie er das machen muss. Er hat es schlichtweg in den ganzen Wochen des Confinements verlernt. Julie hat mir gestern am Zaun erzählt, dass sie ihr Auto seit Beginn des Confinements nicht mehr getankt hat. Da musste ich kurz nachdenken und mir fielein, dass es bei mir auch so ist. Von den Jogginghosen, die mittlerweile bei jedem hier Einzug in die Alltagskleidung gehalten haben, rede ich erst gar nicht. Karl Lagerfeld würde schimpfen, dass wir die Kontrolle über unser Leben verloren hätten.

Die ganze Situation ist schon wirklich seltsam. Richtig übel ist es für Leute, die auch noch Pech dazu haben. So wie meine Nachbarin Melody, ich hab schon über sie erzählt. Sie ist Engländerin und spricht kaum Französisch. Sie ist der Tochter wegen nach Sarreguemines gezogen, die absolviert gerade ein Auslandsjahr in England, und Melody sitzt hier. Jetzt ist auch noch das Auto kaputt gegangen. Letzte Woche hat sie mich gefragt, ob ich ihr aus dem Super U etwas mitbringen würde. ‚Kein Thema!‘ hab ich gesagt, ‚Schreib mir einfach eine lange Liste, ich bring dir mit was du möchtest‘. Melody hat dann einen Zettel geschrieben, mir Einkaufstaschen und Geld bereit gelegt. Ich fahre los. Im Super U angekommen, suche ich Melodys Sachen zusammen. Ich wundere mich, dass sie weder Joghurt, noch Quark, noch Käse oder Wurst aufgeschrieben hatte. Vielleicht lebte sie vegan? Das musste die Erklärung sein. MinzEis stand auf dem Zettel- typisch englisch. Ich dachte nicht weiter darüber nach, ging zur Kasse und machte mich auf den Heimweg. Ich schickte eine Nachricht, dass ich gleich da sein würde – sie erwartete mich an ihrem Fenster. Ich stellte die Sachen ab, sie bedankte sich und ich fuhr heim. Zu Hause angekommen räume ich meine Sachen weg, setze mich an den Tisch und nehme mir ein Gläschen Schokoladenpudding zur Belohnung- darf Melody die essen? Die Veganersache ging mir nicht aus dem Kopf. Als ich gerade den ersten Löffel nehmen wollte, kam eine WhatsApp Nachricht von Melody: ‚Hast du die zweite Seite gesehen? Also die zweite Seite des Einkaufszettels?‘ Oh mein Gott – sie war doch nicht die weltweit erste englische Veganerin….Ich war die schusseligste ‚Einkäufe-Mitbringerin’ im GrandEst…Ich hatte vergessen den Zettel um zu drehen. Ich griff in meine Jacke. Da war er, der Zettel. Und auf seiner Rückseite stand Joghurt, Quark Käse und Wurst. Oh mein Gott, ich hatte den Zettel einfach nicht umgedreht. 2 Minuten später stand ich wieder vor Melodys Tür. Sie stand da, lachte herzhaft und ich musste auch so lachen. Ich nahm die Taschen, die ich vorher nicht genutzt hatte und raste zu Super U. Wieder zurück, sagte sie: ‚Eben dachte ich noch, Nadine hat aber die vielen Sachen ordentlich verpackt. So können nur Deutsche verpacken, ich hatte vollsten Respekt vor dir!“ Und sie lachte und ich lachte. Sowas passiert auch nur im Confinement.

Gottseidank haben wir unseren guten Raphael in der Straße, der sich ihrem Auto direkt angenommen hat. Er hat einen Termin gemacht in einer nahe gelegenen Werkstatt, um das Berlingo prüfen zu lassen. Melody hat Angst, dass sie mit dem Auto stehen bleibt, ohne sich jemandem richtig mitteilen zu können. Sie hatte auch Angst zu dieser Werkstatt zu fahren. Die Peugeot- Werkstatt liegt im nächsten Ort, eigentlich ein Katzensprung. Ihr wie ich kennt sicher auch solche Situationen, in denen man Angst hat, dass das Auto gleich stehen bleibt und deswegen war es für mich selbstverständlich, dass ich zur Sicherheit hinter ihr her fuhr. Raphael erklärte uns den Weg, den Weg über die Schnellbahn. Ich wusste zuerst gar nicht was er meinte mit Schnellbahn, dann fiel mir die Schnellstraße ein. Als wir dann auf der Schnellstraße Richtung Autobahn waren, da bemerkte ich, dass diese Reise nach Woustviller die bisher Längste des Confinements für mich war. Sie kam mir vor als wäre sie eine Weltreise. Wir kamen gut an, die Teile wurden direkt bestellt, nächste Woche wird repariert. Melody wollte das Auto direkt in der Werkstatt lassen, aber das war nicht möglich. Wir mussten alsowieder zurück fahren. Sie voran und ich hinterher- eine Engländerin- eine Deutsche- in Frankreich im Confinement. Bleibt gesund und genießt das schöne Wetter!