Tag 48 der Ausgangssperre

Wir wissen zwar nicht, was genau am 7. Mai in der Nationalversammlung beschlossen wird, aber gestern ist schon ein bisschen Information durchgesickert. Offiziell wurde die „crise sanitaire“, der Gesundheitsnotstand in Frankreich bis Juli verlängert. Es wird eine 14tägige Quarantäne geben, für alle, die nach Frankreich einreisen. Wie das im kleinen Grenzverkehr aussehen wird, ist noch völlig unklar. Auf Fragen zum Tourismus wurde bei einer Pressekonferenz nur sehr wage geantwortet. Eins ist sicher: wirklich locker wird es nicht werden- unser Departement Moselle im Grandest ist noch knallrot auf der offiziellen Klassifikationskarte des Gesundheitsministeriums. Der französische Staat bleibt hart und wir müssen und wollen mitziehen. Am Montag sollen die Schulen auf freiwilliger Basis wieder öffnen- gerade laufen Befragungen, wie viele Eltern das Angebot überhaupt annehmen wollen. Die Gruppen sollen nicht mehr wie 15 Kinder umfassen- Maskenpflicht soll es für die Kinder anscheinend nicht geben.

Für die Kiddies ist das Confinement ein echter Graus. Gestern hatte unser Nachbarsjunge Geburtstag. Er wurde 10. Seit nunmehr 47 Tagen sitzt er zuhause mit seinem kleinen Bruder, sein Quad hat er schon geschrottet, die Laune anbetrachts einer „KernfamilienGeburtstagsfeier“ im Keller. Julie und Eric haben ihm ein neues Fahrrad gekauft. Das war eine aufregende Sache. Paket Nummer 1 ging im ConfinementChaos vor drei Wochen „verloren“ , das zweite FahrradPaket beinhaltete nur den Rahmen und den Vorderreifen, das dritte Fahrrad kam letzte Woche Montag an und war eine Rahmengröße zu klein. Manchmal läuft es schlecht und dann kommt auch noch Pech dazu. Am Freitag kam nun endlich das richtige Fahrrad mit Vorder- und Hinterreifen, in der richtigen Größe und in wunderschönem Rot. Chic. Was Julie und Eric allerdings nicht wirklich im Blickfeld hatten, war die Tatsache, dass Loic durch das Confinement nur auf dem eigenen Grundstück fahren darf. Höchstens die Straße hoch und runter- dann ist Schluss. Es kam natürlich, wie es kommen musste. Loic stieg auf sein neues Fahrrad, fuhr die Einfahrt hoch und runter. Während wir am Zaun noch ein wenig erzählten, nutzte der Frechdachs die Gelegenheit und entwischte aus unserem Blickfeld. Naja, er ist ein richtiger Lausbub- aber ein lieber Junge. Aber heute hat er uns in Angst und Schrecken versetzt. Er war einfach verschwunden. Wir teilten uns auf, Julie und Eric Richtung Wasserturm, Sascha und ich Richtung Schule. Als wir uns der Schule näherten, sahen wir das Fahrrad auf der Wiese vorm Gebäude liegen, Loic saß unter einem der vielen Bäume vor der Schule. Er spielte mit einem Stock im Gras herum. „Mensch Loic, was machst du da?“ fragte ich ihn. „Wir suchen dich überall!“ Er schaute mich an und ich sah, dass er geweint hatte. „Bist du gefallen?“ „Nein!“ schluchzte er „Ich vermisse meine Freunde! Das ist der doofste Geburtstag, den ich je hatte!“ „Ach komm Loic, wir gehen nachhause und machen das Beste draus.“ Ich rief Julie an, und sagte, dass wir den kleinen Ausreißer gefunden hatten. Auf dem Weg zurück , die Straße runter, schob er das Fahrrad neben sich her. Vor einem blauen Haus blieb er stehen und zeigte auf ein Fenster in der obersten Etage. „Da wohnt Christophe, mein bester Freund. Den darf ich heute auch nicht sehen.“ Ich kenne Christophes Mutter- sie ist auch deutsch. Also klingelte ich kurzerhand und sprach kurz mit ihr über die Sprechanlage. Dann öffnete sich das Fenster in der oberen Etage und Christophe schaute zu uns herunter. Er winkte und rief „Salut Loic! Wie schön, dich zu sehen! Bon anniversaire! Wir feiern deinen Geburtstag nach! Wir sehen uns nächste Woche in der Schule!“ „Na klar, Christophe!“ Loics Gesicht hellte sich auf. Er lachte, setzte sich auf sein neues Fahrrad und radelte die letzten Meter nach Hause.

Wir waren froh, dass er wieder da war. Für uns gab’s dann noch ein Stück Kuchen über den Zaun. Geburtstag in CoronaZeiten- nicht nur für Kinder eine besondere Erfahrung.

Bleibt gesund! Passt auf euch auf!

Tag 47 der Ausgangssperre

Das Confinement und seine Kuriositäten. In den letzten Wochen haben sich verschiedene Sachen bei uns eingeschlichen, die wir gar nicht für möglich gehalten hätten. Julies Sohn hat gestern beim Anschnallen im Kindersitz, nicht mehr gewusst, wie er das machen muss. Er hat es schlichtweg in den ganzen Wochen des Confinements verlernt. Julie hat mir gestern am Zaun erzählt, dass sie ihr Auto seit Beginn des Confinements nicht mehr getankt hat. Da musste ich kurz nachdenken und mir fielein, dass es bei mir auch so ist. Von den Jogginghosen, die mittlerweile bei jedem hier Einzug in die Alltagskleidung gehalten haben, rede ich erst gar nicht. Karl Lagerfeld würde schimpfen, dass wir die Kontrolle über unser Leben verloren hätten.

Die ganze Situation ist schon wirklich seltsam. Richtig übel ist es für Leute, die auch noch Pech dazu haben. So wie meine Nachbarin Melody, ich hab schon über sie erzählt. Sie ist Engländerin und spricht kaum Französisch. Sie ist der Tochter wegen nach Sarreguemines gezogen, die absolviert gerade ein Auslandsjahr in England, und Melody sitzt hier. Jetzt ist auch noch das Auto kaputt gegangen. Letzte Woche hat sie mich gefragt, ob ich ihr aus dem Super U etwas mitbringen würde. ‚Kein Thema!‘ hab ich gesagt, ‚Schreib mir einfach eine lange Liste, ich bring dir mit was du möchtest‘. Melody hat dann einen Zettel geschrieben, mir Einkaufstaschen und Geld bereit gelegt. Ich fahre los. Im Super U angekommen, suche ich Melodys Sachen zusammen. Ich wundere mich, dass sie weder Joghurt, noch Quark, noch Käse oder Wurst aufgeschrieben hatte. Vielleicht lebte sie vegan? Das musste die Erklärung sein. MinzEis stand auf dem Zettel- typisch englisch. Ich dachte nicht weiter darüber nach, ging zur Kasse und machte mich auf den Heimweg. Ich schickte eine Nachricht, dass ich gleich da sein würde – sie erwartete mich an ihrem Fenster. Ich stellte die Sachen ab, sie bedankte sich und ich fuhr heim. Zu Hause angekommen räume ich meine Sachen weg, setze mich an den Tisch und nehme mir ein Gläschen Schokoladenpudding zur Belohnung- darf Melody die essen? Die Veganersache ging mir nicht aus dem Kopf. Als ich gerade den ersten Löffel nehmen wollte, kam eine WhatsApp Nachricht von Melody: ‚Hast du die zweite Seite gesehen? Also die zweite Seite des Einkaufszettels?‘ Oh mein Gott – sie war doch nicht die weltweit erste englische Veganerin….Ich war die schusseligste ‚Einkäufe-Mitbringerin’ im GrandEst…Ich hatte vergessen den Zettel um zu drehen. Ich griff in meine Jacke. Da war er, der Zettel. Und auf seiner Rückseite stand Joghurt, Quark Käse und Wurst. Oh mein Gott, ich hatte den Zettel einfach nicht umgedreht. 2 Minuten später stand ich wieder vor Melodys Tür. Sie stand da, lachte herzhaft und ich musste auch so lachen. Ich nahm die Taschen, die ich vorher nicht genutzt hatte und raste zu Super U. Wieder zurück, sagte sie: ‚Eben dachte ich noch, Nadine hat aber die vielen Sachen ordentlich verpackt. So können nur Deutsche verpacken, ich hatte vollsten Respekt vor dir!“ Und sie lachte und ich lachte. Sowas passiert auch nur im Confinement.

Gottseidank haben wir unseren guten Raphael in der Straße, der sich ihrem Auto direkt angenommen hat. Er hat einen Termin gemacht in einer nahe gelegenen Werkstatt, um das Berlingo prüfen zu lassen. Melody hat Angst, dass sie mit dem Auto stehen bleibt, ohne sich jemandem richtig mitteilen zu können. Sie hatte auch Angst zu dieser Werkstatt zu fahren. Die Peugeot- Werkstatt liegt im nächsten Ort, eigentlich ein Katzensprung. Ihr wie ich kennt sicher auch solche Situationen, in denen man Angst hat, dass das Auto gleich stehen bleibt und deswegen war es für mich selbstverständlich, dass ich zur Sicherheit hinter ihr her fuhr. Raphael erklärte uns den Weg, den Weg über die Schnellbahn. Ich wusste zuerst gar nicht was er meinte mit Schnellbahn, dann fiel mir die Schnellstraße ein. Als wir dann auf der Schnellstraße Richtung Autobahn waren, da bemerkte ich, dass diese Reise nach Woustviller die bisher Längste des Confinements für mich war. Sie kam mir vor als wäre sie eine Weltreise. Wir kamen gut an, die Teile wurden direkt bestellt, nächste Woche wird repariert. Melody wollte das Auto direkt in der Werkstatt lassen, aber das war nicht möglich. Wir mussten alsowieder zurück fahren. Sie voran und ich hinterher- eine Engländerin- eine Deutsche- in Frankreich im Confinement. Bleibt gesund und genießt das schöne Wetter!

Tag 46 der Ausgangssperre

Wir konnten gestern tatsächlich klären, warum unser Berg Blauberg heißt. Hier gibt es eine besondere, blau gefärbte Lehmschicht, die unserem Berg den Namen gab. Ich danke Evelyn für die nette Hilfe. Ich finde solche Zusammenhänge wahnsinnig interessant. Auf dem Foto mit der Erläuterung, die mir Evelyn schickte, befanden sich noch die alten Straßenbezeichnungen, die alten deutschen. Ein komisches Gefühl von Ringstraßen und Wegen zu lesen, die wir heute als Impasse oder Rue de Blauberg kennen.

Landkarten haben mich gestern sehr beschäftigt. Die französische Regierung hat beschlossen das ganze Land, jedes Departement nach dem Ampelsystem in verschiedene, unterschiedlich stark von Covid 19 betroffene Gebiete einzuteilen. Ein Blick auf die Karte verrät, dass die westfranzösischen Gebiete fast vollständig grün- also sicher eingeteilt wurden. Der wilde, große Osten war demgegenüber fast komplett in rot gefärbt. Schlechte Voraussetzung für die Einschulung der Kinder, schlechte Voraussetzung für das „Deconfinement“. Es sieht so aus, als würden die Ostgebiete dem Westen des Landes im Schneckentempo in Sachen Entconfinementierung folgen. Ganz langsam, Schritt für Schritt.Die Hoffnung stirbt zuletzt, denn die Regierung will jeden Tag die Zahlen auf der Karte neu beurteilen- man fragt sich, wie Eltern das machen werden. Wahrscheinlich muss jeden Morgen zuerst mal auf die Karte geschaut werden, in welchem Status sich das eigene Departement befindet- dann wird entschieden, ob es an dem entsprechenden Morgen in die Schule geht oder nicht. Die Ile de France- also die Region rund um Paris- ist genauso tiefrot wie wir- die Menschen hängen in der Luft und wissen im Moment nicht, wie sie die Füße und ihr Leben wieder auf den Boden bekommen. Es ist ohne Frage wichtig, die Regeln usw bis zum Ende der akuten Phase einzuhalten- mehr und mehr warten die Menschen auf Antworten, die wir wohl erst am 7. Mai bekommen werden. Dann wird das französische Parlament darüber entscheiden, wie es konkret weiter geht- also auch für uns hier. Bleiben wir rot, geht das Confinement weiter- Tag für Tag, bis die Zahlen so zurückgegangen sind, dass wir nicht mehr befürchten müssen, draußen direkt angesteckt zu werden.

Rudolphe, unser Rockernachbar ist jetzt schon ohne Furcht und Tadel. Er ist heute durch den Regen spaziert, mit kurzen Hosen und Badelatschen. Sein Kiss-TShirt klebte genauso an ihm, wie die langen Haare, mit denen er dem StatusQuo-Sänger Francis Rossi bis auf die letzte Strähne gleicht. Er schaute kurz zu mir herüber, als ich mit Bragi vor der Tür war. Er ist ein wenig unkonventionell und seit er Sascha mal mit einem ACDC Tour-T-Shirt gesehen hat, grüßt er uns mit dem Rockergruß- so auch heute. Ich muss lachen und grüße ihn so zurück. Vielleicht müssen wir die Situation so sehen wie Rudolphe, wir müssen es so nehmen, wie es kommt- wie das Wetter, das wir nicht beeinflussen können. Tanzen im Regen muss unser Motto sein bis alles vorbei ist.

Bis dahin bleibt gesund und Restez en bonne santé!

Tag 45 der Ausgangssperre

Warum unser Quartier Blauberg heißt? Trotz langer Recherchen kann ich euch das nicht sagen. Der Name stammt wahrscheinlich aus der Zeit um 1870, als Sarreguemines noch Saargemünd hieß. Wir wohnen in einem Haus, das in etwa aus der gleichen Zeit stammt. Es ist alt und schön, voller Geschichte und Geschichten. Fast alle Häuser hier auf dem Berg tragen ihr Erbauungsjahr im Setzstein über der Eingangstür, sie sind alt, ehrwürdig und sehr sympathisch.- ganz deutsch- französisch. Manchen Häusern sieht man an, aus welcher Phase sie stammen- zwischen 1870-1918 deutsch oder 1918-1940 französisch, bis zum Ende des Krieges 1945 deutsch und dann wieder französisch.

Als wir nach Sarreguemines zogen, waren wir voller Zuversicht, hatten aber auch Angst vor Ressentiments gegenüber uns deutschen Neuankömmlingen. Ganz ehrlich- viele Leute hatten uns vor den sturen Lothringern und ihrer Deutschenfeindlichkeit gewarnt. Wir wurden von deutschen Bekannten als Steuerflüchtlinge beschimpft, unser Umzug sehr kritisch beäugt. An so manchem Tag im Sommer 2008 hatte ich morgens Angst, dass über Nacht ein Ei an unsere Fassade geworfen worden war. Nachdem der Einzug fertig war, nahm ich mir den Mut und mein bestes Französisch und sprach meine Nachbarin an, die gerade im Garten arbeitete. Sie war klein, ihr silbernes Haar trug sie zum Dutt. Ich stellte mich vor. Sie lächelte milde, als ich sie fragte, ob sie denn auch deutsch spreche. Sie antwortete mir , sie spreche immer deutsch. Außerdem würde sie auch nur deutsches Fernsehen schauen, weil bei den Franzosen immer Quatsch zu sehen wäre. Sie fragte mich, woher wir kommen, dass das Haus so schön wäre und sie sich über nette Nachbarschaft freute.
Wir sahen uns an den folgenden Tagen immer öfter und (zu dem Zeitpunkt rauchte ich noch) genossen unsere Zigaretten beim gemeinsamen Abendplausch. Sie sprach vom Aspirateur, den sie nicht mehr so gut führen konnte und wie froh sie war, dass ihr Enkel bei ihr lebte. Pierre war etwa in unserem Alter und kümmerte sich rührend um seine Großmutter. Eines Abends, ich saß auf unserer Treppe und Madame König saß nur etwa 4 Meter von mir auf ihrer kleinen Terrasse vor ihrer Haustür, da begann sie zu erzählen- von früher. Sie erzählte, dass sie nach dem Krieg- etwa 1946/47 mit ihrer Mutter in Saarbrücken zum Einkaufen war. Der Winter war hart und die „Königskinder“ brauchten warme Mäntel. Als sie die schwer bewachte Grenze zwischen Sarreguemines und Hanweiler passierten, wurden sie von französischen Grenzern angehalten und zwei Stunden warten gelassen, danach befragt, was sie denn genau gekauft hätten. Immer wieder stellte der französische Grenzer die Frage nach dem Warum… Warum sie in Saarbrücken und nicht in Frankreich eingekauft hätten. Frau Königs Mutter kam in große Bedrängnis- nach Jahren deutscher Besatzung war ihr Französisch schlecht und Frau König selbst hatte bis zum Ende des Krieges- sie war 8 Jahre alt- nur deutsch gelernt und gesprochen- die Repressalien waren hart. Schließlich durften sie gehen- mit dem Hinweis, dass sie jetzt Franzosen seien und dass sie in Zukunft in Frankreich einkaufen sollten. Frau König schmunzelte. Was der Zöllner bei der Durchsuchung übersehen hatte, war ein Buch in einer Seitentasche ihrer Mutter. Stolz stand sie auf, legte ihre Zigarette in den Aschenbecher verschwand kurz hinter ihrer Haustür. Nur eine Minute später war sie wieder da- ein zerfleddertes Buch in der Hand- die Struwwelliese. Das ist das Buch! Kennst du das? Ich habe es immer noch, als Erinnerung an meine Mutter und die schweren Zeiten nach dem Krieg mit all den Grenzen und Kontrollen, damit wir in unseren guten Zeiten nicht vergessen, wie es früher einmal hier war. Was wir Lothringer, wir Saargemünder erdulden mussten- von beiden Seiten. Das darf man nicht vergessen! Frau König hatte Tränen in den Augen. Sie nahm ihre Zigarette, die schon fast abgebrannt war und verabschiedete sich in die Nacht.

Frau König lebt nicht mehr, aber wenn ich die Struwwelliese in meinem Bücherregal stehen sehe, muss ich an sie denken. Heute mehr denn je- mitten im Confinement. Bleibt gesund und genießt den Maifeiertag!

Tag 44 der Ausgangssperre

🇨🇵 🇩🇪 Bei schönem Wetter fällt es mir besonders schwer bei der täglichen Hunderunde den 1 km Radius um unser Zuhause einzuhalten, darum ist nicht nur die Natur froh um den Regen da draußen. In unserem 1 KilometerBewegungsradius liegt, zwischen der Rue des Myosotis und der Rue de la Montagne das alte Hospital von Sarreguemines. Es thront über der Stadt mit all den Türmchen und Verzierungen wie ein verwunschenes Schloss, das längst in einen DornröschenSchlaf gefallen ist. Eines der schönsten Gebäude von Saargemünd.
Als wir hierher zogen, war es gerade „außer Betrieb“ gesetzt worden. Überall standen Kartons mit medizinischem Gerät, riesige Umzugswagen wurden gepackt, um die medizinische Ausrüstung zum neuen Krankenhaus Robert Pax zu bringen. Nach fast 140 Jahren hatte das alte Gebäude seinen Dienst erfüllt. Zunächst wurde es still um den beeindruckenden Jugendstilbau. Doch dann fassten die Eigentümer den Entschluss, das alte Krankenhaus weiter zu nutzen- zuerst fand eine Schulkantine ihren Platz darin, dann ein Service der Stadtverwaltung, der Hubschrauberlandeplatz wurde in Baugrundstücke umfunktioniert bis dann die Entscheidung fiel Wohneinheiten zu schaffen. Ich frage mich immer, wenn ich mit dem Hund dort vorbeigehe, wie es sich darin leben lässt. Hinter diesen dicken Mauern hat sich viel Leben ereignet, sind aber auch viele dramatische Sachen passiert- 1918 grassierte hier in Saargemünd die letzte Pandemie- die spanische Grippe. Der deutsche Schriftsteller Alfred Döblin war zu der Zeit hier Militärarzt. Das Krankenhaus war damals im Zentrum des Geschehens. Ich weiß nicht, ob ich darin Leben könnte- wahrscheinlich würde ich jede Nacht wach liegen.
Vor ein paar Jahren wollten wir mal „anders“ Silvester feiern. Wir waren wie so viele andere Saargeminner in der Neujahrsnacht zur alten Schlossruine über der Stadt gefahren, weil man von dort einen schönen Ausblick über Saargemünd hat. Kamera und Sekt in der Tasche, hatten wir frühzeitig einen guten Platz ergattert- vorne an der Mauer- schön deutsch- schon um 23.30 Uhr. Doch während wir warteten, zog der Nebel im Saartal herauf und nix war mehr mit unserer schönen Aussicht auf die Stadt mit dem tollen Feuerwerk. Wir warteten und warteten, doch die Sicht wurde immer schlechter, der Nebel immer dichter. Um 23.55 Uhr saßen wir wieder im Auto und wollten schnell nachhause, um dort gemeinsam auf das neue Jahr anzustoßen. Ich fuhr wie ein Henker, um rechtzeitig zuhause zu sein, aber dann kamen die 0 Uhr Nachrichten im Radio. Ich stoppte, wir wünschten uns noch im Auto ein frohes neues Jahr- da klopfte es an unser Autofenster. Ich habe mich noch nie so erschrocken. Da standen Julie und Erik, die Beiden wollten nur schnell von einer Party in der Stadt nachhause- sie hatten ihre Feuerwerkskörper zu hause vergessen. Sie hatten sich dabei aber -genauso wie wir- in der Zeit verschätzt und waren nun wie wir am alten, verlassenen Hospital gestrandet. Wir stiegen aus, wünschten uns ein „Bonne Année!“, ließen den Wagen stehen und schlenderten gemeinsam nachhause. Unterwegs trafen wir fast alle unsere Nachbarn auf der Straße, wir stießen zusammen an, verteilten unzählige Bises, die besonderen französischen Umarmungsküsse, und hatten eine der schönsten SilvesterStraßenParties meines Lebens.

Das Auto wollte ich am Neujahrstag abholen. Da stand gerade die Police bei meinem kleinen Flitzer vor dem alten Hospital und ich sah, dass ich im Halteverbot geparkt hatte. Mist, ein PV von 25€. Ich sprach die Polizisten an, wünschte ein Bonne annee und erklärte die Situation. Sie lachten und einer von ihnen nahm den PV von meiner Windschutzscheibe. Er meinte, das wären dann ja besondere Umstände gewesen und daher zu entschuldigen. Er lächelt bis heute, wenn er mich aus dem PoliceAuto heraus sieht- wie gestern wieder, mit Klara und Bragi- am alten Hospital.


Also passt gut auf wo ihr parkt 🙂 Bleibt gesund!

Tag 40 der Ausgangssperre

So viel Wert Franzosen auf Essen, Einrichtung, Klamotten und Geselligkeit legen, so ungewöhnlich ist ihr Verhältnis auch zum Auto. Beim Auto ist es so: jede Menge PS , klein und frech muss es sein und möglichst ein ganzes Leben lang halten. Ganz ehrlich, in der Beziehung passen wir wirklich gut hierher. Unsere Autos müssen uns von A nach B bringen, die Hunde befördern können und ansonsten einfach ruhig vor der Tür stehen. Wir haben das Glück, dass in unserer Straße das Prinzip der Gegenseitigkeit herrscht und deshalb unsere Autos immer wieder den Weg in die Garage unseres Nachbarn finden. Raphael ist ein wirklich guter Automechaniker und wenn er umgekehrt was zu basteln hat, dann hilft ihm Sascha.

Bei einem unserer Nachbarn bekommt der Begriff „Autoschieber“ wieder seine ursprüngliche Bedeutung. Er schiebt tatsächlich jeden Morgen und das seit etwa vier Monaten- sein Auto an. Nicht, dass jemand das Auto anschiebt und einer sitzt drin- nein, er ist von der flinken Sorte: Monsieur Martelle schiebt den leeren Peugeot 407 bei geöffneter Fahrertür durch unsere Straße bis zum kleinen Platz, an dem die abschüssigste Straße des Quartiers beginnt. Ist das Auto dann im Rollen springt er durch die geöffnete Fahrertür in das silberne Auto , lässt den zweiten Gang kommen und siehe da- das Auto springt an. Noch eine Runde um den Block und er fährt zu Arbeit. Wie oft hat ihm Raphael (er wohnt direkt neben ihm) schon Hilfe angeboten- er möchte keine. Manchmal ist jemand auf der Straße und sieht, dass er alleine das Auto schiebt. Klar hilft man dann. So wird die Anschieberei manchmal zur morgendlichen Gruppenveranstaltung, die Bragi und Klara von unserem Balkon aus verwundert beobachten.

Ich hatte mal mit 19 eine lustige Begegnung auf dem Autobahn Rastplatz in Waldmohr. Damals war eine Freundin mit mir unterwegs und wir haben einen VW Bulli, der eigentlich ein „Eismännchen“ war, angeschoben. Ich saß damals im Bulli- der der Eisverkäufer und meine Freundin schoben an, ich ließ jetzt den zweiten Gang kommen und dann sprang dieser Bulli auch wieder an. Die Belohnung war ein gigantisches Vanilleeis. Ich muss immer daran denken, wenn ich Monsieur Martelle und sein Auto sehe.

In unserer Straße ist jeder total Auto verrückt. Es gibt bis auf uns niemanden, der nicht mindestens drei Autos besitzt. Also KFZ-Steuer gibt es in Frankreich nicht und die Versicherung ist auch relativ günstig, außerdem braucht gefühlt jeder Franzose einen Lieferwagen. Wir haben uns da angepasst mit unserem alten Berlingo und unserem kleinen Ka. Der Berlingo stammt aus Deutschland, aber der Ka war schon immer ein kleines aggressives französisches Auto mit Vollausstattung von 2004. Sascha muss sich immer hineinfalten. Er wurde vorher von einer 83-jährigen Französin gefahren, die nach dem letzten Unfall beschlossen hatte, dass nun endlich Schluss sein müsste mit der Autofahrerei. Beim Verkauf war es ihr besonders wichtig zu sagen, dass der Ka sehr gut rennt.90 PS, von einer Französin eingefahren, der geht ab wie Schmidts Katz. Wirklich begehrt ist aber unser Berlingo. Zwei Straßen weiter wohnt ein Nachbar, der mir schon bestimmt fünf mal angeboten hat das Auto zu kaufen. Aber wir geben unseren Berlingo nicht her beziehungsweise nicht freiwillig. Vor ein paar Wochen begab es sich, dass zwei zwielichtige Gestalten den Berlingo stehlen wollten. Wir konnten das nach lauter Bellerei von Bragi verhindern. Als wir das unseren Nachbarn erzählten, kam heraus, dass die zwei Autodiebe zuvor bei Monsieur Martelle am Werk waren- aber das Anschieben war ihnen wohl zu viel.

Passt gut auf euch auf! Genießt den schönen Sonntag und bleibt gesund!

Tag 39 der Ausgangssperre

Wenn mir jemand vor 2008 erzählt hätte, dass ich irgendwann mal in Frankreich leben würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Meine Erfahrungen mit Frankreich sahen bis dahin so aus: Frankreichurlaub mit Zelt am Atlantik oder in der Provence, Französischunterricht in der Schule, vier Jahre lang die gleiche Lehrerin- sie war leider nicht die Richtige für mich. Das Aufregendste in den vier Jahren FranzösischUnterricht war der Schüleraustausch nach Diemeringen. Also quasi ins Departement 67- nur kurz über die Grenze- für mich damals tiefstes Frankreich. Das Mädchen zu dem ich kam- ich hab leider ihren Namen vergessen- wohnte mit seinen Eltern und der Oma auf einem Bauernhof mitten in einem Dorf nah bei Diemeringen. Es war schon fast Abend, als wir am ersten Tag dort ankamen. Der Fernseher lief und zu meiner Verwunderung – ich war 13 – lief auf dem Fernseher die Tagesschau. Nein, keine französische Nachrichtensendung, sondern die deutsche Tagesschau. Ich war völlig irritiert und dachte „Ist hier jemand deutsch?“ Den Dialekt, das Francique, verstand ich nicht so gut. Aber ich war mir sicher – es war unserem Saarpfälzisch ähnlich. Keiner sprach Französisch. Was ich immer noch in meinem Ohr höre ist der Sound von Jean Jaques Goldmann, den meine Austauschschülerin die ganze Zeit über hörte. Es war ganz andere Musik, als die der Toten Hosen, der Ärzte oder Lindenberg, die ich so sehr mochte- Ende der 80er. In der Austauschschule hingegen, dem College von Diemeringen, ging es nur französisch zu. Kein Dialekt. Die Lehrerin teilte uns ein Blätter aus. Ich hab kein Wort verstanden, geschweige denn konnte ich die Arbeitsblätter bearbeiten. Das war sehr frustrierend. Und es hat meine Einstellung zum Fach Französisch geprägt- es wurde zu meinem ungeliebtesten Fach meiner Schulzeit. Obwohl ich aus einem Dorf komme, dass nur einen gefühlten Katzensprung von der französischen Grenze entfernt war, beschränkten sich die Berührungspunkte mit Franzosen auf das Firmenfest von Michelin, der französischen Firma, bei der mein Vater lange gearbeitet hat. Im Alltag jedoch waren Franzosen Exoten, von denen mein Vater manchmal erzählte. Das war ganz weit weg und dann gestern wieder nah.

Nie hätte ich gedacht, dass mich diese Zeit im Jahr 2020 wieder einholt, während ich im Confinement in Frankreich bin. Gestern war es ruhig am Zaun. Erik schraubt an seinen Autos rum, die Nachbars Kinder fuhren Rad in ihrem Hof, Madame Destin lag schlafend in der Sonne , Madame Maurer suchte mal wieder den Schlüssel zu ihrem Grundstück und Julie sortiert the im Garten die Legos der Kinder. Als sie mich auf der Treppe sieht, kommt sie rüber um ein bisschen zu quasseln. Sie beschwert sich, dass die Kinder lieber PlaystationUnterhaltung suchten als Lego. Als wir dann bei den guten alten Zeiten ankamen, fiel mir plötzlich ein, dass ich auch ganz gerne mal spiele. Wie wenn sie meine Gedanken hätte lesen können, fing Julie an, von ihrem ersten Computer, einem Commodore C 64 zu reden. Ich selbst besaß zwar keinen C64, aber die Spielkonsole Atari 2600 mit zwei Joysticks. 🙂 Tennis, PacMan und wie sie alle hießen, das war klasse. Wir hatten also auf deutscher als auch auf französischer Seite in den achtziger Jahren eine sehr ähnliche Kindheit. Für mich eine erstaunliche lustige Erfahrung.

Gemeinsamkeiten werden wir auch nach Ende des Confinements haben. Wahrscheinlich haben alle Männer hier in Frankreich hinterher lange Haare, weil keiner zum Friseur kann. Sascha kämpft schon mit einer wilden Mähne und auch Erik, Raphael , Monsieur Jean und die Anderen in der Straße tragen weitaus üppigere Haarpracht als sonst. Jedes Mal wenn ich die sehe, denke ich, selbst wenn die Grenzen offen sind dürfen unsere Männer wahrscheinlich nicht rüber. Die Deutschen haben dann sicherlich Angst vor dieser wilden Horde Franzosen. 🙂

Also nehmt euch in Acht und bleibt gesund! Reste en bonne santé! 🇫🇷🇩🇪

Tag 38 der Ausgangssperre

🇫🇷🇩🇪Jammern ist keine Option- wir entdecken die Möglichkeiten des Confinements. Vor etwa einem Jahr habe ich zum ersten Mal in unserer Tageszeitung über eine ganz besondere Farm in unserer Nähe gelesen. Die Idee schien mir gewagt, aber trotzdem äußerst interessant. Wir hatten vor mal nach Petit- Rederching zu fahren, aber wie das so war vor dem Confinement- wir hatten ja nie Zeit. Jetzt habe ich zufällig wieder eine Anzeige der „Bison Ranch“ ( Ranch des bisons) gesehen und darin gelesen, dass man Bisonfleisch in aller Art der Verarbeitung dort bestellen kann. Amerikanisches Bison aus ökologischer Landwirtschaft- kurzum alles „Bio“. Ich bestellte ein Probierpaket- ganz einfach per Facebook Messenger. Unsere Nachbarin Julie war von dem Gedanken auch begeistert und so bestellte ich gleich auch für ihre Familie ein Paket mit . Gestern wurden die Pakete dann geliefert. Als Sascha gestern Morgen mit Bragi raus wollte, stand da ein sehr freundlicher junger Mann vor der Tür „Pour le bison, Monsieur“. Er lieferte uns eine Portion Burger, also Patties, Bison Rillette, Bison Terrine,Bison Pâté, eine Salami und eine Portion Bison Bourguignon im Glas. Das war wirklich klasse- die Lieferung der Service alles wunderbar. Bezahlt habe ich mit Karte, ich musste also nicht extra zum Geldautomaten- in Zeiten des Confinements bin ich über jeden Weg, den ich vermeiden kann, froh.. Wir haben uns natürlich direkt über das Bison Bourguignon hergemacht und dann noch die Terrine probiert . Ich kann euch sagen es schmeckt vorzüglich.

Zu unserer Freude kam dann noch ein zweites Paket an. Am Sonntag haben wir uns auf das Abenteuer eingelassen bei unserer Lieblingsbäckerei in Deutschland, der Bäckerei Ackermann ( Dorfbäckerei Ackermann)in Bliesmengen Bolchen Brot zu bestellen und natürlich einen Kuchen. Wir waren etwas besorgt, was die Lieferzeit anging, aber die angekündigte Standardlieferung per UPS ließ uns dann schließlich doch bestellen. Was uns natürlich eigentlich antrieb war der Gedanke an ein gutes Vollkornbrot. Es ist wie immer, man möchte immer das haben, was man gerade nicht haben kann. Die Ackermänner haben ihre Ware perfekt eingepackt- alles war wirklich frisch und der Kuchen war gleich angeschnitten. 
Sascha war natürlich morgens schon wieder in unserer QuartierBäckerei gewesen und hatte uns kleine KuchenTeilchen besorgt- das ist ganz heiße Ware aus unser StammBäckerei. In Confinement Zeiten sind die Teilchen wie das Highlight des Tages. Das Confinement maßregelt uns zwar erheblich, aber wir genießen die Spezialitäten unserer Region und freuen uns darauf, sie nach dem Confinement wieder mit euch zu teilen. Natürlich nicht die heiße Ware, aber Baguette dürft ihr gerne wieder hier kaufen und zum Bisonzüchter dürft ihr auch gerne fahren. Da kann man nämlich in tollen Hütten übernachten, grillen, essen und einfach den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Das Einzige was mir immer noch fehlt sind die ZitronenKekse und die Welt außerhalb unserer 1 km KomfortZone. Also denkt an mich, wenn ihr Kekse esst. Aber die Rettung naht- wie ich gehört habe, sind erste Hilfslieferungen schon zu uns unterwegs! 

Bleibt gesund!

Tag 37 der Ausgangssperre

Ob Baguette maison, Baguette ancienne oder einfach nur ein Baguette bienfait  -um das Nationalheiligtum der Franzosen ranken sich auch in unserem Quartier lustige Geschichten. Natürlich gibt es neben dem Baguette, dem Rotwein und dem Eiffelturm noch andere nationale Symbole, aber das Baguette- seine Bedeutung kann nicht überschätzt werden.

Ihr könnt euch sicher denken, dass wir nicht die einzigen Deutschen hier im Quartier sind. Es ist so, dass wir etwa zehn deutsche Familien hier oben auf unserem blauen Berg haben. Eine davon ist die von Christian. Er kommt aus Hamburg und ist wie Sascha Grenzgänger. Er arbeitet bei ZF in Saarbrücken. Genau wie wir alle ist er vom Confinement betroffen.  Christian ist der französischen Sprache kaum mächtig, kann nur wenige Worte, hält es auch nicht für zwingend notwendig die Sprachkenntnisse auszubauen. „Immerhin reden hier sehr viele Leute mit uns deutsch“, sagt er immer, wenn ich ihn darauf anspreche. Seiner Meinung nach kommt man also auch ohne Französisch oder mit sehr wenig Französischkenntnissen durch’s Leben. Für uns sieht das anders aus. Französisch ist für uns die Grundlage dafür, hier zuhause zu sein. Klar ist das am Anfang nicht einfach, aber die Sprache des Gastlandes zu lernen ist für mich mehr als nur ein Gebot der Höflichkeit. 

Wenn Sascha morgens zur Bäckerei geht, dann trifft er Christian regelmäßig- so auch gestern. Ich weiß, dass Christians Frau gerne die Schneckennudeln aus dieser Bäckerei ist. Die junge Frau des Bäckers spricht kaum deutsch, also war Christian gezwungen eine Schneckennudel in französisch zu bestellen. (Ich hoffe ihr wisst alle was das ist, eine Hefeschnecke die mit Schokoladenpulver und manchmal auch mit Rosinen gefüllt ist). Voller Inbrunst und Selbstsicherheit gibt Christian die Bestellung auf. Was Christian aber nicht wusste, war die Tatsache, dass er keine Schnecke bestellt hat. Er steht an der Theke und bestellt Schnitzel. Die beiden Wörter ähneln sich: „Escargot“ für Schnecke und „Escalope“ für Schnitzel. Und Christian bestellt eben jeden Morgen ein Schnitzel für seine Frau. Die Bäckersfrau lächelt ihn immer freundlich an, sie korrigiert ihn nicht, sondern hält sich höflich zurück und gibt ihm die Schnecke.

Sascha erzählt mir das Ganze natürlich mit einem riesigen Grinsen auf dem Gesicht. Und dann fällt mir auf dass er mal wieder zwei Baguette gekauft hat. Ihr fragt euch jetzt warum kauft er immer zwei Baguette? Die Antwort liegt auch im Französischen begründet. Sascha kann sich seit Jahren einfach nicht merken, ob es „un“ oder „une“ Baguette heißt. So haben wir immer ein Baguette im Gefrierschrank – nur für den Fall, dass wir uns mal ein Schnitzel-Baguette machen wollen. 😉

Bleibt gesund! 

Tag 36 der Ausgangssperre

Vielleicht kennt ihr das auch. Wenn man nicht rauskann wie man will, dann entsteht ein unbändiges Bedürfnis nach draußen zu gehen. Wenn Irene in normalen Zeiten tagtäglich an unserem Haus vorbei joggt, bekomme ich manchmal ein richtig schlechtes Gewissen, weil ich so unsportlich bin. Sogar im Confinement joggt sie-  im Umkreis von 1km für ca. eine Stunde täglich. Immer die gleiche Runde um den Block. Irene ist 42 Jahre alt. Sie wohnt nicht in unserer direkten Nachbarschaft, aber in unmittelbarer Nähe. Unterhalb unserer Straße beginnt das Biberviertel, das Quartier Castor. Da wurden in den fünfziger und sechziger Jahren kleine Reihenhaussiedlungen in den Hang gebaut. Kleiner Garten, und meistens auch eine kleine Garage, in die wahrscheinlich immer nur ein kleiner Peugeot 504 passen sollte. Vor ein paar Jahren, ich war gerade mit unseren alten Rüden Rocky unterwegs, stolperte ich vor so einem süßen kleinen Haus und schürfte mir das Knie auf. Irene sah das von drinnen, kam sofort zu mir heraus und sah sich das ganze Malheur an. Sie half mir wieder auf die Beine. Seitdem kennen wir uns. Sie arbeitet als Krankenschwester im saargemünder Krankenhaus. Während diesen Corona Zeiten zählt ihr Beruf also zu den systemrelevanten Berufen. Ich finde den Ausdruck sehr technisch, man könnte auch sagen, sie gehört zu denen, die den Kranken hilft zu gesunde, ihnen hilft weiter zu leben und die Hinterbliebenen in den Arm nimmt. Sie ist also für viele Menschen lebensnotwendig. Wenn ich sie so ansehe- immer mit einem Lächeln im Gesicht- erinnert sich mich an jemanden, dem ich vor ein paar Jahren- als wir noch in Deutschland wohnten-  begegnet bin:

Viele von uns kennen die Geschichte vom hässlichen Entlein das zum schönen Schwan wird. Oft verhält es sich ähnlich mit Schülern die mit schlechten Noten zu mir kommen, dann doch ihren eigenen Weg finden und Erfolg haben. Die Noten sagen eben nichts darüber aus, welche „Art Mensch“ man ist. Eine der überraschendsten Entwicklungen machte eine junge Dame durch, die vor circa 16 Jahren das erste Mal mit mir lernte. Sie hatte wirklich keine Lust auf Schule- Mathe war ihr ein Graus. Wir haben viel miteinander gelernt, sie fasste immer mehr Mut und schaffte letzthin auch ihren Realschulabschluss. Danach ergriff sie den Beruf ihrer Träume. Sie wurde Krankenschwester. Ich bin über Facebook immer noch mit ihr verknüpft und bewundere sie für ihren Durchhaltewillen, den sie nicht nur bei ihren sportlichen Aktivitäten, bei ihren Gewichthebe-Aktionen oder anderen CrossFit Meisterleistungen zeigt. Am meisten bewundere ich Anna für Ihr Engagement in ihrem Beruf. Sie ist mittlerweile IntensivKrankenschwester in meinem Geburtskrankenhaus und leistet gerade jetzt unglaubliche Arbeit. Vielen Dank Anna!

Bleibt gesund da draußen! Reste en bonne sante!