Tag 54/55 der Ausgangssperre

Der letzte Tag.. noch 16 Stunden

Als mich vor ein paar Jahren ein Schüler fragte: „Frau Becker, wo wohnen sie eigentlich?“ Da erzählte ich ihm die Geschichte eines vergessenen Landes. Vom alten, weisen Kaiser Karl, der über ganz Europa herrschte und seinem Sohn Ludwig ein riesiges Reich hinterließ. Der vermochte es das Reich mit Güte zu regieren. Doch dann starb auch Ludwig- sein ältester Sohn Lothar sollte neuer Kaiser werden, doch damit waren die anderen beiden Söhne nicht einverstanden. Sie zankten sich unaufhörlich. In Verdun kam es zu einem Treffen, bei dem sie sich wieder vertragen sollten, aber es kam anders. Es kam zur Aufteilung des Reiches in das Frankenreich im Westen, das Heilige römische Reich im Osten und in der Mitte das Reich Lothars. Lothar wollte so immer schlichten können, wenn sich seine Brüder stritten. Die drei Teile waren ungefähr gleich groß, aber die beiden Brüder Lothars waren nicht zufrieden. Sie waren eifersüchtig und neidisch auf Lothar und so kam es, dass Krieg begann. Die Brüder entfremdeten sich völlig, sie wurden gar zu Feinden und es ging immer nur um Macht, die Königswürde, den Kaiser und immer auch um Lothars Land mit Kohle und Erz. Lothars Land war schwach geworden durch die vielen Kriege, Lothar längst vergessen. Frieden hatte keine Chance- so vererbte sich die Feindschaft zwischen den Ländern, der einstigen Brüder von Generation zu Generation. Es dauerte über 1000 Jahre bis endlich Frieden war zwischen den beiden Brüdern. Dauerhafter, guter Frieden. Aber manchmal gibt es heute noch Sticheleien zwischen den Ländern, der alten Brüder, Deutschland und Frankreich. Aber heute keiner denkt mehr daran Kriege zu führen- mitten in Europa. Und wo ich wohne, fragst du? Ich wohne im übrig gebliebenen Teil von Lothars Reich, in Lothringen- dort, wo so viele Kriege stattfanden, dort, wo so viele Menschen immer wieder ihre Heimat verloren. Mittlerweile gibt es keine Region mehr, die Lothringen heißt- wir sind alle GrandEst geworden. Nur wenige erinnern sich an das Lothringen von früher- aber die tapferen Menschen, die hier wohnen kennen ihre Geschichte und sie bleiben Lothringer- für immer. Und egal, ob wir Deutsche oder Franzosen sind, wir müssen uns gemeinsam immer wieder daran erinnern, dass wir alle eine europäische Familie sind, alle Kinder des großen Kaisers Karl.

Unser Confinement endet in 16 Stunden. Der Countdown läuft. Unsere ausgedruckten Attestationen verlieren heute Nacht ihren Sinn und wir werden wieder ein Stückchen freier. Vielen Dank, dass ihr all die Tage mitgelesen habt! Danke für die lieben Kommentare und die vielen aufmunternden Worte. Sie haben uns manchmal getragen durch diese sehr intensive Zeit. Mein Blog aus dem Confinement in Frankreich endet hier. Aber die Zaungeschichten gehen weiter- wenn ihr wollt. Mein Leben verlief immer irgendwie am Zaun, am Bretterzaun des Nachbarn, an der Grenze zu Deutschland oder am BlaubergZaun, von dem ich euch all die Tage berichtet habe. Und wenn ihr- während ihr wieder zu Cora oder wie sie alle heißen fahrt- mal kurz an Lothar und die Menschen hier denkt, dann würd’s mich freuen. Also haltet mir den europäischen Gedanken in Ehre- er sichert uns den Frieden.

Wenn Ihr Interesse an der gedruckten Form einer Auswahl der Geschichten habt, dann schreibt es in die Kommentare oder per PN an mich.

Bleibt gesund! Bis demnächst am Zaun!

Tag 52 der Ausgangssperre

Einmal mehr ist Geduld gefragt. Jeden Abend um 20:00 Uhr hupt jemand in einer Nebenstraße von uns. Wir wissen nicht wer das ist, wir wissen nicht, wo er parkt und wir wissen nicht für wen er hupt. Gestern Abend holte er Julie, Eric, Sascha und mich durch sein Gehupe aus der Diskussion über die Pressekonferenz von Premierminister Phillipe. Er und verschiedene seiner Regierungskollegen haben den Beginn der Entkonfinementierung am 11. Mai, am kommenden Montag, verkündet. Nach so vielen Tagen der Abschottung hatten wir sehnsüchtig darauf gewartet. Nach der Konferenz trafen wir uns anschließend alle am Zaun. 

Nicht nur Sascha und ich haben mehr Lockerungen erwartet, freuten uns schon mit unseren Hunden wieder durch die Parks in Sarreguemines oder den nahen Wald zu schlendern. Eric und Julie sind auch etwas enttäuscht- die Parks und Gärten bleiben wahrscheinlich noch bis 2. Juni geschlossen, der Zugang zu den Seen der Umgebung bleibt uns bis auf weiteren Erlass verwehrt. Der Grund ist die Klassifikation „rot“ auf der Frankreichkarte des französischen Gesundheitsministers. Der große Osten Frankreichs ist knallrot, d.h. das Confinement wird bei uns länger dauern als in anderen Regionen- in Paris ,in der Region Ile de France, sieht es ähnlich aus und im ÜberseeDepartement Mayotte. Die Zirkulation des Virus ist zwar geringer geworden, aber sie ist immer noch da. Die Intensivstation und sind immer noch ausgelastet. Die französische Regierung hat entschieden, dass wir langsam machen müssen. Immerhin- unsere Bewegungsfreiheit erhöht sich ohne Attestation- Ausgangsschein- auf 100 km innerhalb des Departements -„Luftlinie“- auf Französisch heißt es VogelFluglinie „vol d’oiseau“.

Irgendwie kommt es in CoronaZeiten oft anders, als man denkt. Schade, ein Leben nach Corona lässt also in der Region GrandEst noch auf sich warten. Die französische Grenze bleibt geschlossen bis zumindest 15. Juni, bis zum Erlass einer neuen Verordnung. Da die deutsche Regierung die Grenze auch nicht öffnet, bleibt es also beim Status Quo. Immer noch keine Pflanzen aus dem Gartencenter auf der anderen Seite der Grenze. Ich bleibe wohl auch weiterhin der „Hundefutter-Dealer“ der Straße- so nennt mich zumindest Melody scherzhaft. Nur die Grenzgänger dürfen die Grenze überschreiten, zum Zwecke der Arbeit. Das ist auch das Einzige, bei dem sich heute wirklich etwas für Sascha und mich geändert hat. Wir leben jetzt seit über 50 Tagen im Confinement- wir haben uns arrangiert, ehrlich- wir haben es genossen zusammen zu sein. Und dann kam der Anruf, dass Sascha wieder zur Arbeit muss. Wir waren hin und hergerissen zwischen „Juhuu, es geht wieder los!“ und „Ach, schade, die Ruhe ist vorbei!“.

Ich nehme an, dass die Huperei in der anderen Straße auch mit der Arbeit desjenigen zu tun hat, dem sie gilt. Vielleicht wird er zur Nachtschicht abgeholt? Den Dreien geht es wahrscheinlich ähnlich- dem, der abends hupt, derjenige der abgeholt wird und Sascha, der heute früh wieder zur Arbeit gefahren ist- alle müssen wieder zurück in den Trott. Meine Arbeit begann heute wieder früh um sieben, an meinem Computer, mit dieser Geschichte aus dem Confinement in Frankreich.

Tag 49 der Ausgangssperre

Also noch bis mindestens 15. Mai sollen die Grenzen für die „NichtGrenzgänger“ geschlossen bleiben. Aber was nützen einem die pendleroffenen Grenzen, wenn die Leute nicht zur Arbeit gerufen werden. Also bleiben wir in unserem beschaulichen Sarreguemines. In Sarreguemines, genauer gesagt auf unserem Blauberg, dort wo die Straße vom Place des Fleurs in die Rue de la Foret abbiegt, liegt auf der linken Seite die Rue des Oeillets, die Nelkenstraße. Die Nelkenstraße ist eine ganz besondere Straße- wir nennen sie die „Phantomstraße“. An ihr stehen keine Häuser, kein Trottoir führt an ihr entlang. Madame Destin wohnt gegenüber der Einfahrt in die Rue des Oeillets, wenn sie aus dem Fenster schaut, dann sieht sie in eine eine große Wiese- die Rue des Oeillets. Auf den Stadtkarten, auch bei Google Maps ist die Rue des Oeillets eingezeichnet, doch sie existiert in der Realität nicht. Nur Gras- unsere Hunderennwiese.

 
Was so alles in Straßenkarten eingezeichnet ist… Ich sehe dort regelmäßig Madame Laporte und Monsieur Gaston mit ihren Hunden. Die zwei leben alleine, treffen sich regelmäßig zur Hunderunde und treffen dabei immer wieder auf mich und meinen schwarzen Rabauken. Mme Laporte sieht Bragis Gebell eher lässig, der nette Monsieur Gaston hat eher Angst um seinen kleinen Pinscher. Saschas scherzhafte Bemerkung, der wäre ein gutes Frühstück für unseren Schäfer trug gestern eher nicht zur Beruhigung der Situation bei. Monsieur Gaston nahm den Mini auf den Arm, als wir uns ihm näherten. Bragi fing schon mal aus sicherer Entfernung an zu stänkern und zeigte sein bestes „böses- Schäferhund“ Gesicht. Lisa, Gastons Pinscherdame beobachtet das Geschehen aus sicherer Entfernung und schaut mitleidsvoll oft Frage herab. Monsieur Gaston ist froh, als wir an ihm vorbei sind. Wir wünschen uns lachend einen schönen Tag. Dann geht es links auf die Rue des Primeveres, die es auch nur zur Hälfte gibt, und dann Richtung unseres Wasserturms. 


Unterwegs sehe ich Rudolphe, den Rockernachbarn bei Monsieur Schmidt am Haus stehen. Die beiden grüßen herüber- selbst jetzt bleibt Rudolphe bei seinem Rockergruß und ich bei dessen Erwiderung. Ich geh auf ein Wort zu Ihnen und Rudolphe erzählt, dass sein Fernseher gestern kaputt gegangen war und er nun ein Ersatzteil brauche. Und das von Monsieur Schmidt? Mir war nicht ganz klar… doch dann öffnete Monsieur Schmidt eine seiner Garagen. Alles voller Fernseher- alles voller alter Röhrenfernseher. Ich war fasziniert- wie in einer Zeitkapsel. Ein geheimes Röhrenfernseher und Zubehörlager in unserem Quartier. Rudolphe erzählte, dass sein neuer LCD- Fernseher das Zeitliche gesegnet hatte und er aus ner Not heraus- es gibt ja im Moment keine Möglichkeit einen neuen zu kaufen- seinen alten Röhrenfernseher wieder aktivieren möchte. Da kenne er sich mit der Technik noch gut aus und außerdem wäre in Röhrenfernseherzeiten auch die Rockmusik besser gewesen. Ich schmunzelte in mich hinein, als ich mit Bragi nach Hause lief. Alles ein bisschen aus der Zeit gefallen- in unserer Zeit des Confinements.


Bleibt gesund da draußen! Grüße vom Blauberg!

Tag 47 der Ausgangssperre

Das Confinement und seine Kuriositäten. In den letzten Wochen haben sich verschiedene Sachen bei uns eingeschlichen, die wir gar nicht für möglich gehalten hätten. Julies Sohn hat gestern beim Anschnallen im Kindersitz, nicht mehr gewusst, wie er das machen muss. Er hat es schlichtweg in den ganzen Wochen des Confinements verlernt. Julie hat mir gestern am Zaun erzählt, dass sie ihr Auto seit Beginn des Confinements nicht mehr getankt hat. Da musste ich kurz nachdenken und mir fielein, dass es bei mir auch so ist. Von den Jogginghosen, die mittlerweile bei jedem hier Einzug in die Alltagskleidung gehalten haben, rede ich erst gar nicht. Karl Lagerfeld würde schimpfen, dass wir die Kontrolle über unser Leben verloren hätten.

Die ganze Situation ist schon wirklich seltsam. Richtig übel ist es für Leute, die auch noch Pech dazu haben. So wie meine Nachbarin Melody, ich hab schon über sie erzählt. Sie ist Engländerin und spricht kaum Französisch. Sie ist der Tochter wegen nach Sarreguemines gezogen, die absolviert gerade ein Auslandsjahr in England, und Melody sitzt hier. Jetzt ist auch noch das Auto kaputt gegangen. Letzte Woche hat sie mich gefragt, ob ich ihr aus dem Super U etwas mitbringen würde. ‚Kein Thema!‘ hab ich gesagt, ‚Schreib mir einfach eine lange Liste, ich bring dir mit was du möchtest‘. Melody hat dann einen Zettel geschrieben, mir Einkaufstaschen und Geld bereit gelegt. Ich fahre los. Im Super U angekommen, suche ich Melodys Sachen zusammen. Ich wundere mich, dass sie weder Joghurt, noch Quark, noch Käse oder Wurst aufgeschrieben hatte. Vielleicht lebte sie vegan? Das musste die Erklärung sein. MinzEis stand auf dem Zettel- typisch englisch. Ich dachte nicht weiter darüber nach, ging zur Kasse und machte mich auf den Heimweg. Ich schickte eine Nachricht, dass ich gleich da sein würde – sie erwartete mich an ihrem Fenster. Ich stellte die Sachen ab, sie bedankte sich und ich fuhr heim. Zu Hause angekommen räume ich meine Sachen weg, setze mich an den Tisch und nehme mir ein Gläschen Schokoladenpudding zur Belohnung- darf Melody die essen? Die Veganersache ging mir nicht aus dem Kopf. Als ich gerade den ersten Löffel nehmen wollte, kam eine WhatsApp Nachricht von Melody: ‚Hast du die zweite Seite gesehen? Also die zweite Seite des Einkaufszettels?‘ Oh mein Gott – sie war doch nicht die weltweit erste englische Veganerin….Ich war die schusseligste ‚Einkäufe-Mitbringerin’ im GrandEst…Ich hatte vergessen den Zettel um zu drehen. Ich griff in meine Jacke. Da war er, der Zettel. Und auf seiner Rückseite stand Joghurt, Quark Käse und Wurst. Oh mein Gott, ich hatte den Zettel einfach nicht umgedreht. 2 Minuten später stand ich wieder vor Melodys Tür. Sie stand da, lachte herzhaft und ich musste auch so lachen. Ich nahm die Taschen, die ich vorher nicht genutzt hatte und raste zu Super U. Wieder zurück, sagte sie: ‚Eben dachte ich noch, Nadine hat aber die vielen Sachen ordentlich verpackt. So können nur Deutsche verpacken, ich hatte vollsten Respekt vor dir!“ Und sie lachte und ich lachte. Sowas passiert auch nur im Confinement.

Gottseidank haben wir unseren guten Raphael in der Straße, der sich ihrem Auto direkt angenommen hat. Er hat einen Termin gemacht in einer nahe gelegenen Werkstatt, um das Berlingo prüfen zu lassen. Melody hat Angst, dass sie mit dem Auto stehen bleibt, ohne sich jemandem richtig mitteilen zu können. Sie hatte auch Angst zu dieser Werkstatt zu fahren. Die Peugeot- Werkstatt liegt im nächsten Ort, eigentlich ein Katzensprung. Ihr wie ich kennt sicher auch solche Situationen, in denen man Angst hat, dass das Auto gleich stehen bleibt und deswegen war es für mich selbstverständlich, dass ich zur Sicherheit hinter ihr her fuhr. Raphael erklärte uns den Weg, den Weg über die Schnellbahn. Ich wusste zuerst gar nicht was er meinte mit Schnellbahn, dann fiel mir die Schnellstraße ein. Als wir dann auf der Schnellstraße Richtung Autobahn waren, da bemerkte ich, dass diese Reise nach Woustviller die bisher Längste des Confinements für mich war. Sie kam mir vor als wäre sie eine Weltreise. Wir kamen gut an, die Teile wurden direkt bestellt, nächste Woche wird repariert. Melody wollte das Auto direkt in der Werkstatt lassen, aber das war nicht möglich. Wir mussten alsowieder zurück fahren. Sie voran und ich hinterher- eine Engländerin- eine Deutsche- in Frankreich im Confinement. Bleibt gesund und genießt das schöne Wetter!

Tag 45 der Ausgangssperre

Warum unser Quartier Blauberg heißt? Trotz langer Recherchen kann ich euch das nicht sagen. Der Name stammt wahrscheinlich aus der Zeit um 1870, als Sarreguemines noch Saargemünd hieß. Wir wohnen in einem Haus, das in etwa aus der gleichen Zeit stammt. Es ist alt und schön, voller Geschichte und Geschichten. Fast alle Häuser hier auf dem Berg tragen ihr Erbauungsjahr im Setzstein über der Eingangstür, sie sind alt, ehrwürdig und sehr sympathisch.- ganz deutsch- französisch. Manchen Häusern sieht man an, aus welcher Phase sie stammen- zwischen 1870-1918 deutsch oder 1918-1940 französisch, bis zum Ende des Krieges 1945 deutsch und dann wieder französisch.

Als wir nach Sarreguemines zogen, waren wir voller Zuversicht, hatten aber auch Angst vor Ressentiments gegenüber uns deutschen Neuankömmlingen. Ganz ehrlich- viele Leute hatten uns vor den sturen Lothringern und ihrer Deutschenfeindlichkeit gewarnt. Wir wurden von deutschen Bekannten als Steuerflüchtlinge beschimpft, unser Umzug sehr kritisch beäugt. An so manchem Tag im Sommer 2008 hatte ich morgens Angst, dass über Nacht ein Ei an unsere Fassade geworfen worden war. Nachdem der Einzug fertig war, nahm ich mir den Mut und mein bestes Französisch und sprach meine Nachbarin an, die gerade im Garten arbeitete. Sie war klein, ihr silbernes Haar trug sie zum Dutt. Ich stellte mich vor. Sie lächelte milde, als ich sie fragte, ob sie denn auch deutsch spreche. Sie antwortete mir , sie spreche immer deutsch. Außerdem würde sie auch nur deutsches Fernsehen schauen, weil bei den Franzosen immer Quatsch zu sehen wäre. Sie fragte mich, woher wir kommen, dass das Haus so schön wäre und sie sich über nette Nachbarschaft freute.
Wir sahen uns an den folgenden Tagen immer öfter und (zu dem Zeitpunkt rauchte ich noch) genossen unsere Zigaretten beim gemeinsamen Abendplausch. Sie sprach vom Aspirateur, den sie nicht mehr so gut führen konnte und wie froh sie war, dass ihr Enkel bei ihr lebte. Pierre war etwa in unserem Alter und kümmerte sich rührend um seine Großmutter. Eines Abends, ich saß auf unserer Treppe und Madame König saß nur etwa 4 Meter von mir auf ihrer kleinen Terrasse vor ihrer Haustür, da begann sie zu erzählen- von früher. Sie erzählte, dass sie nach dem Krieg- etwa 1946/47 mit ihrer Mutter in Saarbrücken zum Einkaufen war. Der Winter war hart und die „Königskinder“ brauchten warme Mäntel. Als sie die schwer bewachte Grenze zwischen Sarreguemines und Hanweiler passierten, wurden sie von französischen Grenzern angehalten und zwei Stunden warten gelassen, danach befragt, was sie denn genau gekauft hätten. Immer wieder stellte der französische Grenzer die Frage nach dem Warum… Warum sie in Saarbrücken und nicht in Frankreich eingekauft hätten. Frau Königs Mutter kam in große Bedrängnis- nach Jahren deutscher Besatzung war ihr Französisch schlecht und Frau König selbst hatte bis zum Ende des Krieges- sie war 8 Jahre alt- nur deutsch gelernt und gesprochen- die Repressalien waren hart. Schließlich durften sie gehen- mit dem Hinweis, dass sie jetzt Franzosen seien und dass sie in Zukunft in Frankreich einkaufen sollten. Frau König schmunzelte. Was der Zöllner bei der Durchsuchung übersehen hatte, war ein Buch in einer Seitentasche ihrer Mutter. Stolz stand sie auf, legte ihre Zigarette in den Aschenbecher verschwand kurz hinter ihrer Haustür. Nur eine Minute später war sie wieder da- ein zerfleddertes Buch in der Hand- die Struwwelliese. Das ist das Buch! Kennst du das? Ich habe es immer noch, als Erinnerung an meine Mutter und die schweren Zeiten nach dem Krieg mit all den Grenzen und Kontrollen, damit wir in unseren guten Zeiten nicht vergessen, wie es früher einmal hier war. Was wir Lothringer, wir Saargemünder erdulden mussten- von beiden Seiten. Das darf man nicht vergessen! Frau König hatte Tränen in den Augen. Sie nahm ihre Zigarette, die schon fast abgebrannt war und verabschiedete sich in die Nacht.

Frau König lebt nicht mehr, aber wenn ich die Struwwelliese in meinem Bücherregal stehen sehe, muss ich an sie denken. Heute mehr denn je- mitten im Confinement. Bleibt gesund und genießt den Maifeiertag!

Tag 44 der Ausgangssperre

🇨🇵 🇩🇪 Bei schönem Wetter fällt es mir besonders schwer bei der täglichen Hunderunde den 1 km Radius um unser Zuhause einzuhalten, darum ist nicht nur die Natur froh um den Regen da draußen. In unserem 1 KilometerBewegungsradius liegt, zwischen der Rue des Myosotis und der Rue de la Montagne das alte Hospital von Sarreguemines. Es thront über der Stadt mit all den Türmchen und Verzierungen wie ein verwunschenes Schloss, das längst in einen DornröschenSchlaf gefallen ist. Eines der schönsten Gebäude von Saargemünd.
Als wir hierher zogen, war es gerade „außer Betrieb“ gesetzt worden. Überall standen Kartons mit medizinischem Gerät, riesige Umzugswagen wurden gepackt, um die medizinische Ausrüstung zum neuen Krankenhaus Robert Pax zu bringen. Nach fast 140 Jahren hatte das alte Gebäude seinen Dienst erfüllt. Zunächst wurde es still um den beeindruckenden Jugendstilbau. Doch dann fassten die Eigentümer den Entschluss, das alte Krankenhaus weiter zu nutzen- zuerst fand eine Schulkantine ihren Platz darin, dann ein Service der Stadtverwaltung, der Hubschrauberlandeplatz wurde in Baugrundstücke umfunktioniert bis dann die Entscheidung fiel Wohneinheiten zu schaffen. Ich frage mich immer, wenn ich mit dem Hund dort vorbeigehe, wie es sich darin leben lässt. Hinter diesen dicken Mauern hat sich viel Leben ereignet, sind aber auch viele dramatische Sachen passiert- 1918 grassierte hier in Saargemünd die letzte Pandemie- die spanische Grippe. Der deutsche Schriftsteller Alfred Döblin war zu der Zeit hier Militärarzt. Das Krankenhaus war damals im Zentrum des Geschehens. Ich weiß nicht, ob ich darin Leben könnte- wahrscheinlich würde ich jede Nacht wach liegen.
Vor ein paar Jahren wollten wir mal „anders“ Silvester feiern. Wir waren wie so viele andere Saargeminner in der Neujahrsnacht zur alten Schlossruine über der Stadt gefahren, weil man von dort einen schönen Ausblick über Saargemünd hat. Kamera und Sekt in der Tasche, hatten wir frühzeitig einen guten Platz ergattert- vorne an der Mauer- schön deutsch- schon um 23.30 Uhr. Doch während wir warteten, zog der Nebel im Saartal herauf und nix war mehr mit unserer schönen Aussicht auf die Stadt mit dem tollen Feuerwerk. Wir warteten und warteten, doch die Sicht wurde immer schlechter, der Nebel immer dichter. Um 23.55 Uhr saßen wir wieder im Auto und wollten schnell nachhause, um dort gemeinsam auf das neue Jahr anzustoßen. Ich fuhr wie ein Henker, um rechtzeitig zuhause zu sein, aber dann kamen die 0 Uhr Nachrichten im Radio. Ich stoppte, wir wünschten uns noch im Auto ein frohes neues Jahr- da klopfte es an unser Autofenster. Ich habe mich noch nie so erschrocken. Da standen Julie und Erik, die Beiden wollten nur schnell von einer Party in der Stadt nachhause- sie hatten ihre Feuerwerkskörper zu hause vergessen. Sie hatten sich dabei aber -genauso wie wir- in der Zeit verschätzt und waren nun wie wir am alten, verlassenen Hospital gestrandet. Wir stiegen aus, wünschten uns ein „Bonne Année!“, ließen den Wagen stehen und schlenderten gemeinsam nachhause. Unterwegs trafen wir fast alle unsere Nachbarn auf der Straße, wir stießen zusammen an, verteilten unzählige Bises, die besonderen französischen Umarmungsküsse, und hatten eine der schönsten SilvesterStraßenParties meines Lebens.

Das Auto wollte ich am Neujahrstag abholen. Da stand gerade die Police bei meinem kleinen Flitzer vor dem alten Hospital und ich sah, dass ich im Halteverbot geparkt hatte. Mist, ein PV von 25€. Ich sprach die Polizisten an, wünschte ein Bonne annee und erklärte die Situation. Sie lachten und einer von ihnen nahm den PV von meiner Windschutzscheibe. Er meinte, das wären dann ja besondere Umstände gewesen und daher zu entschuldigen. Er lächelt bis heute, wenn er mich aus dem PoliceAuto heraus sieht- wie gestern wieder, mit Klara und Bragi- am alten Hospital.


Also passt gut auf wo ihr parkt 🙂 Bleibt gesund!

Tag 43 der Ausgangssperre

Als unser Premierminister Philippe gestern in der französischen Nationalversammlung sprach, waren nur wenige Abgeordnete anwesend. Die, die da waren, saßen brav in vorgeschriebenen Abstand. Die Nationalversammlung so zu sehen hat schon etwas Befremdliches. Nachdem nun Österreich die völlige Aufhebung der Ausgangssperre und der anderen verhängten Maßnahmen verkündete, nachdem die Maßnahmen des Saarlandes durch den Verfassungsgerichtshof aufgehoben wurden, waren wir ganz gespannt, wie es nun bei uns hier im Grand Est und dem Rest von Frankreich weitergeht. 

Was Édouard Philippe verkündete klingt nach nicht viel Erleichterung, bedeutet aber doch die Wiedererlangung eines -wenn auch kleinen- Teils unserer Freiheit. Frankreich hat die Krise noch nicht überstanden und achtet penibel darauf, dass Covid 19 das Land nicht in Form einer zweiten Welle überrollt. Wir werden Erleichterungen haben, unser Bewegungsradius wird sich um das Hundertfache, auf 100 Kilometer, erweitern. Wir dürfen uns dann auch wieder ohne Ausgangsschein in diesem Radius bewegen. Wer zukünftig Geburtstag hat, Jubiläen feiert oder Familienfeiern und Treffen mit Freunden plant, darf zusammen mit zehn Leuten diese Festlichkeiten begehen. Sport darf auch wieder mehr betrieben werden, Parks und Naherholungsgebiete werden teilweise wieder eröffnet. Die Gastronomie bleibt weiter geschlossen. Großveranstaltungen sind natürlich genauso abgesagt wie Kinos geschlossen bleiben. Schulen öffnen teilweise, in besonders betroffenen Regionen bleiben sie weiterhin geschlossen.

Die Krise zeigt, wie verwundbar das französische Gesundheitssystem nach Jahren der Sparerei ist. Gerade deshalb finden wir die Handlungsweise, die die französische Regierung in Bezug auf Corona zeigt wirklich beeindruckend. Sie ist absolut notwendig. Abhängig bleiben die Lockerungen allerdings von der Infektionszahlen. Gibt es bis zum 11. Mai weniger als 3000 neue Infektion pro Tag, dann wird am 11. Mai gelockert. Ist das nicht der Fall, bleiben die bisherigen Regelungen in Kraft. Die Infektionszahlen schweben also wie ein Damoklesschwert über all den schönen Ankündigungen. Der 11. Mai, das sind jetzt noch zwölf Tage. Zwölf Tage, in denen noch viel passieren kann. Zwölf Tage die immer noch gefüllt sind mit dem Gedanken und der Hoffnung an ein normales Leben, das es so schnell nicht mehr geben wird. Trotz der Aussicht auf 100 km Bewegungsradius, blieb ich nach der Nachrichtensendung etwas ratlos zurück. Während ich mir eine Tasse Kaffee kochte, erreichte mich eine Nachricht von Julie. Sie fragte, ob ich wüsste, wann wir wieder nach Deutschland dürften. Und dann war da die Grenze wieder in meinem Kopf. Wir wissen nur, dass die Grenzen bis mindestens Montag geschlossen sind. Die Berichte über Widrigkeiten beim Grenzübertritt häufen sich in der Presse. Sie haben es in die überregionalen Zeitungen Frankreichs aber auch Deutschlands geschafft. Sie geben ein trauriges Bild ab- ein genauso trauriges Bild wie die weißen Absperrungen auf der Brücke zwischen Sarreguemines und Hanweiler. Julie gibt sich mit der Antwort: ‚Keine Ahnung! Wir hoffen auf nächste Woche!’ zufrieden. Dann schreibt sie eine zweite Nachricht. ‚Le poopee est arrivé!‘ Ich überlege kurz, frage, was sie denn meine. Sie beordert mich zum Zaun. Als ich rauskomme steht sie da und hält mir grinsend ein Paket hin. „Das ist das Klopapier, das ich vor lauter Angst vor drei Wochen online für uns alle bestellt habe! Jetzt ist es endlich da!‘ Da ist er wieder, der alltägliche Coronawahnsinn, den wir hier leben, mit der Verrücktheit, die wir alle so dringend brauchen. Wir lachen und das tut gerade sehr gut. 

Bleibt gesund, tragt eure Masken und habt einen schönen Tag!

Tag 42 der Ausgangssperre

Und dann kommt diese Nachricht. Die Nachricht auf die wir jetzt schon einige Wochen warten. Eine Nachricht, über die wir uns sehr freuen. Unsere Nachbarin Louise ist auf dem Weg der Besserung. Zwischen all diesem CoronaWahnsinn, dem harten Confinement, der strengen Ausgangssperre -ein Lichtblick- und die Sicherheit, dass all diese Entbehrungen Sinn machen. Nach fast 4 Wochen künstlichen Koma am Beatmungsgerät , langsamem Aufwachen, kommt Luise nun endlich auf eine normale Station. Die lange Zeit mit COVID-19 wird sie ein Leben lang begleiten. Sie wird alles neu lernen müssen, sogar das Laufen. Stück für Stück wird sie zurückkommen ins Leben, zurückkommen in unsere Straße.

Als wir vorige Woche ein Auto der Stadtverwaltung in ihrer Einfahrt gesehen haben, fürchteten wir das Schlimmste. Wir wissen, dass nach dem Tod eines COVID-19 Patienten die Wohnungen desinfiziert und alle Sachen verbrannt werden. Wir bangten um Louise, ihr Bruder hatte wenig Hoffnung. Doch jetzt die Wende- es wird ein harter Weg zurück, aber sie ist zäh.

Als wir hierher gezogen sind, lebte Louises Mutter noch. Die alte Frau winkte mir oft aus dem Obergeschoss darüber, wenn ich an meinem Schreibtisch saß und arbeitete. Manchmal spät abends, wenn nur noch meine Schreibtischlampe bei uns brannte. Was ich erst spät erfahren habe, war die Tatsache, dass ich eine Leidenschaft mit dieser alten Frau teilte.. Sie liebte ihre Sprache, sie liebt ihr „Francique“. Sie war die erste, die ein Wörterbuch Französisch- Francique verfasste. Leider habe ich das zu spät erfahren- da war sie schon nicht mehr unter uns. Wir hätten uns sicher viel zu erzählen gehabt. Dieses Francique kann manchmal sehr lustig klingen, und in ihm werden auch manche Begriffe, die wir Deutsche kaum verwenden zu skurrilen Alltagsausdrücken geformt.

Er wohnt zwar nicht in unserer Straße, er wohnt auch nicht in unserem Quartier, aber trotzdem sehen wir ihn so oft an unserem Haus vorbeispazieren. Der skurrile CollieMann. Wir wissen nicht wie er heißt, wir kennen seinen silbernen Wagen, der behängt ist mit Wimpeln, beklebt mit CollieAufklebern.Es traf sich, dass wir gestern mit unseren Fellnasen vor der Haustür waren und der etwas verrückte CollieMann mitsamt Hunden vorbeischlenderte. Er blieb kurz stehen, erzählte zum hundertsten Mal, wo er den Rüden her hat . „Aus Deutschland!“, sagt er wieder ganz stolz. Er spricht oft sehr wirres Zeug. Ich verstehe nicht immer was er sagt, aber gestern musste ich mich schnell ins Haus flüchten, weil ich das Unheil nahen sah. Sascha hat den Ernst der Lage nicht ganz erfasst und blieb beim CollieMann stehen. Der nun, nahm die Schnauze seines Hundes in die Hand, zog den Armen nach oben über unseren Zaun und hielt so den ganzen Hund hoch. Der arme Collie wusste gar nicht wie ihm geschah und der CollieMann sagte zu Sascha: „Hot er ned kee scheenie Frotz? E scheenie eine Frotze hot er, odder?“ Sascha blieb wie angewurzelt stehen, die volle Wucht des Ausdrucks hatte ihn getroffen. Wahrscheinlich hoffte er, die Zeit müsse stehen bleiben, während er versuchte krampfhaft seine aus Lachen und Entsetzen zu unterdrücken. Aber der CollieMann sah ihn ganz ernst ihn an, ganz fragend nach dieser Fratze. Das Wort klang immer noch durch die Stille des Confinements. Sascha quetschte ein „Ja ja!“ heraus. Unser CollieMann war zufrieden und ging seiner Wege. Sascha war erlöst. Ich stand hinter dem Fenster und musste so lachen. Fratze habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört. Und ich werde es in diesem Zusammenhang wohl auch nie wieder hören außer von Collie Mann. Louises Mutter hätte sich sicher für den Ausdruck interessiert. Er hätte sicher Einzug in ihr WörterBuch gehalten.

Also passt auf euch auf heute am mardi, dem da Nom menda un mache kenn schisse mit de Chose, die affichiert sin! Hallen eich dran.

Tag 41 der Ausgangssperre

Ihr kennt sie sicher, die ungewöhnlichen Begegnungen. Ein paar Häuser oberhalb von uns wohnt Monsieur Mueller. Er ist ein alter Mann- ich schätze ihn um die 80- und wohnt allein in einem kleinen Haus. Er schaute stets sehr mürrisch vor sich hin, grüßte kaum, sah mich im Vorbeigehen einfach nur an und ging weiter. Monsieur Mueller beobachtete mich aber auch immer aus seinem geöffneten Fenster, wenn ich mit dem Hund draußen war.

Er erinnert mich an meinen deutschen Großvater. Der war Bergmann und schaute immer ganz düster drein. Er hatte das Herz wohl am rechten Fleck, aber das hat man ihm nie angesehen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass er im Gesicht immer schwarze Linien hatte, von der langen Arbeit unter Tage. Und wenn ich Monsieur Mueller sehe, dann denke ich oft an Großvater Walter. Zu Hause habe ich Fotos sortiert – was soll man sonst machen im Confinement- und dabei ist mir ein Foto in die Hand gefallen, auf dem Walter einmal lacht- Ottweiler Sommer 1980- meine Cousine Sabine, Opa und ich.

Ich weiß nicht was mich geritten hat. Aber als ich irgendwann im vorigen Jahr mit dem Hund draußen war, da kam Monsieur Mueller gerade aus der Tür. Wir stießen fast zusammen. Er schaute auf Bragi und fragte mich, wie der Hund denn hieße. Ich war so verdattert, dass ich ihm nur antworten konnte: „Nein, er heißt Bragi!“. Dann fragte mich Monsieur Mueller unverhofft, ob Bragi beißen würde. Und ich weiß nicht, warum ich es gesagt habe, aber ich antwortete ihm: „Nur alte Männer, die böse drein schauen!“. Ich hielt die Luft an, aber das war der Wendepunkt in unserer Beziehung. Zum ersten Mal sah ich Monsieur Mueller Lachen. Er beugte sich zu Bragi herunter und streichelte ihn. Er wünschte mir einen schönen Tag, hob den Hut und ging die Straße runter. Ich stand da- total perplex und überrascht.

Meine Großmutter sagte immer: „Man täuscht sich in nichts mehr als in den Menschen!“. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich meine Meinung zu vielen Leuten schonmal ändern musste. Bei Monsieur Mueller war es auf jeden Fall eine positive Änderung. Ich weiß nicht, ob wir das sind, oder ob das eine typisch deutsche Verhaltensweise ist, zuerst mal kritisch jedem gegenüber zu sein. Frankreich hat uns da erzogen- dort wo wir kritisch waren, trafen wir oft offene freundliche Menschen. Genauso gab es aber auch umgekehrte Fälle- Menschen, denen wir gegenüber offen waren und die sich dann nicht als unsere Freunde entpuppten. Zu unserem Glück waren es nur wenige, bei denen sich die Wege wieder getrennt haben. Wenn man so im Confinement sitzt und darüber nachdenkt, dann freut man sich sehr über diejenigen, die es wirklich gut mit uns meinen, ehrlich zu uns sind und mit denen zusammen wir so gerne unsere Zeit verbringen. Es sind die einfachen Leute, die uns in unserem Quartier begegnen, die uns Freundlichkeit entgegenbringen und Freundschaft.

Durch das Fenster sehe ich Julies Auto, einen kleinen Peugeot deux-cent-six, vor ihrer Tür stehen. Vor ein paar Wochen war mein Auto kaputt. Ohne zu zögern drückte sie mir die Schlüssel ihres Autos in die Hand. Ich konnte es kaum fassen, sie vertraut mir ihr Auto an. Es war der erste Neuwagen ihres Lebens, sie brachte es nicht fertig ihn jemals zu verkaufen. Obwohl sie mittlerweile einen neuen Peugeot fährt, ist der 206 noch angemeldet bis die CT abläuft. Aber das spielt keine Rolle. Sie hat mir einen großen Freundschaftsdienst erwiesen, ohne von mir jemals danach gefragt worden zu sein. Das ist französisch, das ist unkompliziert, das ist Freundschaft. Wir denken an euch da draußen, an unsere Freunde- egal auf welcher Seite der Grenze. Bleibt gesund! Wir wünschen euch eine schöne Woche!

Tag 40 der Ausgangssperre

So viel Wert Franzosen auf Essen, Einrichtung, Klamotten und Geselligkeit legen, so ungewöhnlich ist ihr Verhältnis auch zum Auto. Beim Auto ist es so: jede Menge PS , klein und frech muss es sein und möglichst ein ganzes Leben lang halten. Ganz ehrlich, in der Beziehung passen wir wirklich gut hierher. Unsere Autos müssen uns von A nach B bringen, die Hunde befördern können und ansonsten einfach ruhig vor der Tür stehen. Wir haben das Glück, dass in unserer Straße das Prinzip der Gegenseitigkeit herrscht und deshalb unsere Autos immer wieder den Weg in die Garage unseres Nachbarn finden. Raphael ist ein wirklich guter Automechaniker und wenn er umgekehrt was zu basteln hat, dann hilft ihm Sascha.

Bei einem unserer Nachbarn bekommt der Begriff „Autoschieber“ wieder seine ursprüngliche Bedeutung. Er schiebt tatsächlich jeden Morgen und das seit etwa vier Monaten- sein Auto an. Nicht, dass jemand das Auto anschiebt und einer sitzt drin- nein, er ist von der flinken Sorte: Monsieur Martelle schiebt den leeren Peugeot 407 bei geöffneter Fahrertür durch unsere Straße bis zum kleinen Platz, an dem die abschüssigste Straße des Quartiers beginnt. Ist das Auto dann im Rollen springt er durch die geöffnete Fahrertür in das silberne Auto , lässt den zweiten Gang kommen und siehe da- das Auto springt an. Noch eine Runde um den Block und er fährt zu Arbeit. Wie oft hat ihm Raphael (er wohnt direkt neben ihm) schon Hilfe angeboten- er möchte keine. Manchmal ist jemand auf der Straße und sieht, dass er alleine das Auto schiebt. Klar hilft man dann. So wird die Anschieberei manchmal zur morgendlichen Gruppenveranstaltung, die Bragi und Klara von unserem Balkon aus verwundert beobachten.

Ich hatte mal mit 19 eine lustige Begegnung auf dem Autobahn Rastplatz in Waldmohr. Damals war eine Freundin mit mir unterwegs und wir haben einen VW Bulli, der eigentlich ein „Eismännchen“ war, angeschoben. Ich saß damals im Bulli- der der Eisverkäufer und meine Freundin schoben an, ich ließ jetzt den zweiten Gang kommen und dann sprang dieser Bulli auch wieder an. Die Belohnung war ein gigantisches Vanilleeis. Ich muss immer daran denken, wenn ich Monsieur Martelle und sein Auto sehe.

In unserer Straße ist jeder total Auto verrückt. Es gibt bis auf uns niemanden, der nicht mindestens drei Autos besitzt. Also KFZ-Steuer gibt es in Frankreich nicht und die Versicherung ist auch relativ günstig, außerdem braucht gefühlt jeder Franzose einen Lieferwagen. Wir haben uns da angepasst mit unserem alten Berlingo und unserem kleinen Ka. Der Berlingo stammt aus Deutschland, aber der Ka war schon immer ein kleines aggressives französisches Auto mit Vollausstattung von 2004. Sascha muss sich immer hineinfalten. Er wurde vorher von einer 83-jährigen Französin gefahren, die nach dem letzten Unfall beschlossen hatte, dass nun endlich Schluss sein müsste mit der Autofahrerei. Beim Verkauf war es ihr besonders wichtig zu sagen, dass der Ka sehr gut rennt.90 PS, von einer Französin eingefahren, der geht ab wie Schmidts Katz. Wirklich begehrt ist aber unser Berlingo. Zwei Straßen weiter wohnt ein Nachbar, der mir schon bestimmt fünf mal angeboten hat das Auto zu kaufen. Aber wir geben unseren Berlingo nicht her beziehungsweise nicht freiwillig. Vor ein paar Wochen begab es sich, dass zwei zwielichtige Gestalten den Berlingo stehlen wollten. Wir konnten das nach lauter Bellerei von Bragi verhindern. Als wir das unseren Nachbarn erzählten, kam heraus, dass die zwei Autodiebe zuvor bei Monsieur Martelle am Werk waren- aber das Anschieben war ihnen wohl zu viel.

Passt gut auf euch auf! Genießt den schönen Sonntag und bleibt gesund!