Woche 3 der Dekonfinementierung

So lange nun das Deconfinement dauert, so sehr haben wir uns daran gewöhnt. Wir schätzen es in vielen Momenten, die Augenblicke in denen wir es verwünschen sind weniger geworden. Einer dieser Augenblicke war der Geburtstag meines Vaters in Deutschland. Er ist nun schon etwas älter – um genau zu sein, hat er mit der Bundesrepublik Geburtstag am 23. Mai und wurde 71. Es war uns nicht möglich zu ihm zu fahren und diesen Tag mit ihm zu feiern. Etwas traurig haben wir ihm per Videophonie gratuliert. Im Gespräch haben dann alle eingesehen, dass es auch bei offener Grenze nicht in Ordnung gewesen wäre, wenn wir aus der roten Zone nach Deutschland gefahren wären. Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich das Virus unwissender Weise nach Deutschland geschleppt und jemanden angesteckt hätte. Undenkbar, die Folgen. So warten wir weiter bis am 15. Juni wahrscheinlich die Grenzen wieder offen sein werden und nutzen dann die Gelegenheit zu einem Besuch in Kübelberg.
Hier bei uns auf dem Blauberg ist halbwegs Normalität eingezogen. Morgens um 6 rast einer der Nachbarn aus der anderen Straße mit seinem Motorrad durch unsere kleine Straße, hält kurz am Place des Fleurs, um dann wieder bis zur Ecole de Blauberg zu beschleunigen. Monsieur Jean, der Klavierspieler, hat Sascha schon darauf angesprochen, dass wieder ein gewisser Lärmpegel erreicht wird. Schade, in der noch weniger befahrenen Rue des Jacinthes wurden „Hubbel“ auf die Straße montiert, um den Verkehr zu bremsen. Hier in unserer Straße ist zwar weniger Verkehr, aber die wenigen Autos rasen ob der graden Straße oft mit hoher Geschwindigkeit vorbei. Und gerade das ist sehr gefährlich, weil der Schulweg hier verläuft und man die Kinder zwischen den parkenden Autos manchmal nur schwer ausmachen kann. Aber noch ist es bis auf den morgendlichen überlauten Raser relativ ruhig.
Das man auch große, erwachsene Männer übersehen kann, zeigte eine beunruhigende Nachricht von meiner Kusine aus Ottweiler. Ihr Mann wurde angefahren, während er in einem Feuerwehreinsatz war. Er ist noch mit einem blauen Auge davon gekommen, wurde am Sprunggelenk operiert und befindet sich auf dem Weg der Besserung. An dieser Stelle nochmal die besten Wünsche vom Blauberg.
Sascha hatte diese Woche eher Schönheitsprobleme und war in FriseurNot. Normalerweise geht er zum deutschen Barbier, aber was ist in diesen Zeiten schon normal? Einen triftigen Grund zum Grenzübertritt gibt eine schlechte Frisur nicht her, also blieb er in Saargemünd und ließ sich hier die Haare schneiden. Er wurde natürlich schnell als Deutscher ausgemacht und die nette Friseurin und die anderen im Salon fragten ihn direkt nach „den Deutschen da drüben“. Mal wieder schlug ihm völliges Unverständnis über die Grenzsituation entgegen und zum gefühlten hundertsten Mal musste er die Lage rechtfertigen. Natürlich war es ihm wichtig zu erklären, dass wir das auch nicht gut finden und wir als Deutsche hier mit den Franzosen im selben Boot sitzen. Einhellig war die Meinung, dass die deutschen Läden nach der Grenzöffnung sicher noch eine zeitlang von weniger Umsatz getroffen sein werden, weil sich viele Franzosen sehr zurückgestoßen und misachtet fühlen- die Hinwendung zu französischen Geschäften wird zumindest die erste Zeit nach der Grenzöffnung- wann sie auch immer komme- weitergehen. Zum Schluss waren alle zufrieden- Sascha am meisten, da er mit einer guten Frisur und einem super Bartschnitt den Salon verließ. Also, wenn ihr in Sarreguemines mal nen guten Barbier sucht, dann seid ihr bei MEN’S BARBER in der Rue Nationale sehr gut aufgehoben.

Warum also in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt- das ist momentan ganz unser Motto und trifft nicht nur in der Wahl des Friseurs zu.
Unsere Ruchequiditoui.fr hat diese Woche wieder ausgeliefert und wir waren wieder am Start. Höchstens 50 km sind die Biohöfe von Sarreguemines entfernt und wir staunen immer wieder darüber, was die Region Kulinarisches zu bieten hat. Diesesmal gab’s zu einem großen Biohähnchen, Würstchen und vielem mehr noch frische Erdbeeren und leckere Kirschen. Die Erdbeeren sind schon verputzt- das Hähnchen kommt heute auf den Grill. Wir sind richtig entschleunigt und genießen die Zeit soweit es geht.

Ab 2. Juni werden wir eine „grüne Region“ sein, das Dekonfinement geht in die nächste Phase und wir bekommen viele Freiheiten zurück. Aber darüber hört ihr nächste Woche in meinem Bericht aus dem Dekonfinement, aus Sarreguemines von unserem Blauberg.
Sascha und ich wünschen euch ein schönes Pfingstwochenende! Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Tag 53 der Ausgangssperre

Seit der Verkündung des Deconfinements ab Montag, hat sich die Atmosphäre hier auf unserem Berg etwas verändert. Sie ist in allgemeines Warten umgeschlagen- Vorbereitung für das Stück alte neue Freiheit werden getroffen- Autos werden geputzt, mehr Leute sind auf der Straße zu sehen. Es ist schon ein klein wenig betriebsamer- selbst gestern am Feiertag.

Als ich aus meiner Haustür trat, stand da schon wieder eines von Erics Schätzchen- ein 1968er Matra 530. Bevor ich hier wohnte, kannte ich diese AutoMarke überhaupt nicht, dann hat Eric mir erklärt, dass das Unternehmen irgendwann in den 70ern mit der Marke Simca fusionierte. Die wiederum kenne ich- das erste Auto meines Großvaters in den 60ern war ein französischer Simca. Da stand er nun dieser Matra und weckte durch ein besonderes Detail die Erinnerung an meine Kindheit- die gelben Scheinwerfer. Könnt ihr euch noch erinnern, als man abends oder nachts auf der Straße erkennen konnte, ob sich da ein Franzose oder ein Deutscher nähert? Natürlich hatte der Franzose es dann immer eiliger, fuhr immer etwas schneller als ein Deutscher. In der ersten Zeit hier mussten wir einige Dinge in Sachen Autofahren lernen- vor allem die größte verkehrstechnische Errungenschaft- den französischen Kreisverkehr. Die Regeln sind etwas anders: Regel Nummer 1- Verkehr ist in Frankreich Krieg- wer stehen bleibt, verliert. WIe oft verzweifelten arme Saargeminner, wenn wir wieder vor ihnen in den Kreisel einfuhren, wie oft schimpften andere französische Autofahrer, wenn ich mich nicht traute im Kreisel auf die Innenspur zu fahren. Am lustigsten finde ich heute noch die Zebrastreifenregelung. Fährt man in Überherrn über die deutsch-französische Grenze, stehen da große Schilder, dass man in Deutschland am Zebrastreifen anhalten muss. Ich hielt und halte immer noch an, wenn da jemand am Zebrastreifen steht. Hinter mir waren schon mehrfach Hupkonzerte zu hören. Ein sehr netter Gendarm hat mir mal erklärt, dass die ZebrastreifenRegelung in Frankreich so aussieht: Der erste Streifen befindet sich – anders als in Deutschland- auf dem Trottoir. Der Fußgänger tippt mit seinem Fuß- für den Autofahrer sichtbar (?!?!) auf diesen ersten Streifen und aktiviert ihn quasi dadurch. Dann muss man anhalten. Ich hab noch nie jemanden mit einem Fuß auf den Zebrastreifen tippen sehen- deshalb gilt bei mir die Regelung: Steht da jemand – dann anhalten. Beobachtet habe ich allerdings, dass die meisten Fußgänger auf das Nummernschild des ankommenden Autos schauen und bei einem deutschen eher früher losgehen und bei einem französischen Plaque erst mal abwarten. Steht man dann und lässt den Fußgänger über die Straße gehen, dann bedankt er sich freundlich durch ein kurzes Nicken oder einen Wink- das ist Usus.

Selbst mein Vater- der alte erfahrene pensionierte LKW- Fahrer, gibt seinen Schlüssel gerne an mich weiter, wenn er hier her kommt und wir noch was einkaufen gehen. Er hat mich vor ein paar Jahren- ich hatte gerade gelernt, dass im französischen Kreisel eine „Links- vor—rechts-Vorfahrtsregelung“ gilt- geadelt, als er, während er sich an der Handschlaufe über der Seitentür festhielt- zu mir sagte: „Du fährst schon wie ein Franzose!“ Ich fahre immer noch sehr deutsch, halte mich weitgehend an die Geschwindigkeitsbegrenzungen- denn in einem unterscheiden sich Frankreich und Deutschland noch: in den hohen Bußgeldern hier bei uns.

Also fahrt vorsichtig, wenn ihr wieder rüber dürft und bleibt gesund

Tag 45 der Ausgangssperre

Warum unser Quartier Blauberg heißt? Trotz langer Recherchen kann ich euch das nicht sagen. Der Name stammt wahrscheinlich aus der Zeit um 1870, als Sarreguemines noch Saargemünd hieß. Wir wohnen in einem Haus, das in etwa aus der gleichen Zeit stammt. Es ist alt und schön, voller Geschichte und Geschichten. Fast alle Häuser hier auf dem Berg tragen ihr Erbauungsjahr im Setzstein über der Eingangstür, sie sind alt, ehrwürdig und sehr sympathisch.- ganz deutsch- französisch. Manchen Häusern sieht man an, aus welcher Phase sie stammen- zwischen 1870-1918 deutsch oder 1918-1940 französisch, bis zum Ende des Krieges 1945 deutsch und dann wieder französisch.

Als wir nach Sarreguemines zogen, waren wir voller Zuversicht, hatten aber auch Angst vor Ressentiments gegenüber uns deutschen Neuankömmlingen. Ganz ehrlich- viele Leute hatten uns vor den sturen Lothringern und ihrer Deutschenfeindlichkeit gewarnt. Wir wurden von deutschen Bekannten als Steuerflüchtlinge beschimpft, unser Umzug sehr kritisch beäugt. An so manchem Tag im Sommer 2008 hatte ich morgens Angst, dass über Nacht ein Ei an unsere Fassade geworfen worden war. Nachdem der Einzug fertig war, nahm ich mir den Mut und mein bestes Französisch und sprach meine Nachbarin an, die gerade im Garten arbeitete. Sie war klein, ihr silbernes Haar trug sie zum Dutt. Ich stellte mich vor. Sie lächelte milde, als ich sie fragte, ob sie denn auch deutsch spreche. Sie antwortete mir , sie spreche immer deutsch. Außerdem würde sie auch nur deutsches Fernsehen schauen, weil bei den Franzosen immer Quatsch zu sehen wäre. Sie fragte mich, woher wir kommen, dass das Haus so schön wäre und sie sich über nette Nachbarschaft freute.
Wir sahen uns an den folgenden Tagen immer öfter und (zu dem Zeitpunkt rauchte ich noch) genossen unsere Zigaretten beim gemeinsamen Abendplausch. Sie sprach vom Aspirateur, den sie nicht mehr so gut führen konnte und wie froh sie war, dass ihr Enkel bei ihr lebte. Pierre war etwa in unserem Alter und kümmerte sich rührend um seine Großmutter. Eines Abends, ich saß auf unserer Treppe und Madame König saß nur etwa 4 Meter von mir auf ihrer kleinen Terrasse vor ihrer Haustür, da begann sie zu erzählen- von früher. Sie erzählte, dass sie nach dem Krieg- etwa 1946/47 mit ihrer Mutter in Saarbrücken zum Einkaufen war. Der Winter war hart und die „Königskinder“ brauchten warme Mäntel. Als sie die schwer bewachte Grenze zwischen Sarreguemines und Hanweiler passierten, wurden sie von französischen Grenzern angehalten und zwei Stunden warten gelassen, danach befragt, was sie denn genau gekauft hätten. Immer wieder stellte der französische Grenzer die Frage nach dem Warum… Warum sie in Saarbrücken und nicht in Frankreich eingekauft hätten. Frau Königs Mutter kam in große Bedrängnis- nach Jahren deutscher Besatzung war ihr Französisch schlecht und Frau König selbst hatte bis zum Ende des Krieges- sie war 8 Jahre alt- nur deutsch gelernt und gesprochen- die Repressalien waren hart. Schließlich durften sie gehen- mit dem Hinweis, dass sie jetzt Franzosen seien und dass sie in Zukunft in Frankreich einkaufen sollten. Frau König schmunzelte. Was der Zöllner bei der Durchsuchung übersehen hatte, war ein Buch in einer Seitentasche ihrer Mutter. Stolz stand sie auf, legte ihre Zigarette in den Aschenbecher verschwand kurz hinter ihrer Haustür. Nur eine Minute später war sie wieder da- ein zerfleddertes Buch in der Hand- die Struwwelliese. Das ist das Buch! Kennst du das? Ich habe es immer noch, als Erinnerung an meine Mutter und die schweren Zeiten nach dem Krieg mit all den Grenzen und Kontrollen, damit wir in unseren guten Zeiten nicht vergessen, wie es früher einmal hier war. Was wir Lothringer, wir Saargemünder erdulden mussten- von beiden Seiten. Das darf man nicht vergessen! Frau König hatte Tränen in den Augen. Sie nahm ihre Zigarette, die schon fast abgebrannt war und verabschiedete sich in die Nacht.

Frau König lebt nicht mehr, aber wenn ich die Struwwelliese in meinem Bücherregal stehen sehe, muss ich an sie denken. Heute mehr denn je- mitten im Confinement. Bleibt gesund und genießt den Maifeiertag!

Tag 44 der Ausgangssperre

🇨🇵 🇩🇪 Bei schönem Wetter fällt es mir besonders schwer bei der täglichen Hunderunde den 1 km Radius um unser Zuhause einzuhalten, darum ist nicht nur die Natur froh um den Regen da draußen. In unserem 1 KilometerBewegungsradius liegt, zwischen der Rue des Myosotis und der Rue de la Montagne das alte Hospital von Sarreguemines. Es thront über der Stadt mit all den Türmchen und Verzierungen wie ein verwunschenes Schloss, das längst in einen DornröschenSchlaf gefallen ist. Eines der schönsten Gebäude von Saargemünd.
Als wir hierher zogen, war es gerade „außer Betrieb“ gesetzt worden. Überall standen Kartons mit medizinischem Gerät, riesige Umzugswagen wurden gepackt, um die medizinische Ausrüstung zum neuen Krankenhaus Robert Pax zu bringen. Nach fast 140 Jahren hatte das alte Gebäude seinen Dienst erfüllt. Zunächst wurde es still um den beeindruckenden Jugendstilbau. Doch dann fassten die Eigentümer den Entschluss, das alte Krankenhaus weiter zu nutzen- zuerst fand eine Schulkantine ihren Platz darin, dann ein Service der Stadtverwaltung, der Hubschrauberlandeplatz wurde in Baugrundstücke umfunktioniert bis dann die Entscheidung fiel Wohneinheiten zu schaffen. Ich frage mich immer, wenn ich mit dem Hund dort vorbeigehe, wie es sich darin leben lässt. Hinter diesen dicken Mauern hat sich viel Leben ereignet, sind aber auch viele dramatische Sachen passiert- 1918 grassierte hier in Saargemünd die letzte Pandemie- die spanische Grippe. Der deutsche Schriftsteller Alfred Döblin war zu der Zeit hier Militärarzt. Das Krankenhaus war damals im Zentrum des Geschehens. Ich weiß nicht, ob ich darin Leben könnte- wahrscheinlich würde ich jede Nacht wach liegen.
Vor ein paar Jahren wollten wir mal „anders“ Silvester feiern. Wir waren wie so viele andere Saargeminner in der Neujahrsnacht zur alten Schlossruine über der Stadt gefahren, weil man von dort einen schönen Ausblick über Saargemünd hat. Kamera und Sekt in der Tasche, hatten wir frühzeitig einen guten Platz ergattert- vorne an der Mauer- schön deutsch- schon um 23.30 Uhr. Doch während wir warteten, zog der Nebel im Saartal herauf und nix war mehr mit unserer schönen Aussicht auf die Stadt mit dem tollen Feuerwerk. Wir warteten und warteten, doch die Sicht wurde immer schlechter, der Nebel immer dichter. Um 23.55 Uhr saßen wir wieder im Auto und wollten schnell nachhause, um dort gemeinsam auf das neue Jahr anzustoßen. Ich fuhr wie ein Henker, um rechtzeitig zuhause zu sein, aber dann kamen die 0 Uhr Nachrichten im Radio. Ich stoppte, wir wünschten uns noch im Auto ein frohes neues Jahr- da klopfte es an unser Autofenster. Ich habe mich noch nie so erschrocken. Da standen Julie und Erik, die Beiden wollten nur schnell von einer Party in der Stadt nachhause- sie hatten ihre Feuerwerkskörper zu hause vergessen. Sie hatten sich dabei aber -genauso wie wir- in der Zeit verschätzt und waren nun wie wir am alten, verlassenen Hospital gestrandet. Wir stiegen aus, wünschten uns ein „Bonne Année!“, ließen den Wagen stehen und schlenderten gemeinsam nachhause. Unterwegs trafen wir fast alle unsere Nachbarn auf der Straße, wir stießen zusammen an, verteilten unzählige Bises, die besonderen französischen Umarmungsküsse, und hatten eine der schönsten SilvesterStraßenParties meines Lebens.

Das Auto wollte ich am Neujahrstag abholen. Da stand gerade die Police bei meinem kleinen Flitzer vor dem alten Hospital und ich sah, dass ich im Halteverbot geparkt hatte. Mist, ein PV von 25€. Ich sprach die Polizisten an, wünschte ein Bonne annee und erklärte die Situation. Sie lachten und einer von ihnen nahm den PV von meiner Windschutzscheibe. Er meinte, das wären dann ja besondere Umstände gewesen und daher zu entschuldigen. Er lächelt bis heute, wenn er mich aus dem PoliceAuto heraus sieht- wie gestern wieder, mit Klara und Bragi- am alten Hospital.


Also passt gut auf wo ihr parkt 🙂 Bleibt gesund!

Tag 41 der Ausgangssperre

Ihr kennt sie sicher, die ungewöhnlichen Begegnungen. Ein paar Häuser oberhalb von uns wohnt Monsieur Mueller. Er ist ein alter Mann- ich schätze ihn um die 80- und wohnt allein in einem kleinen Haus. Er schaute stets sehr mürrisch vor sich hin, grüßte kaum, sah mich im Vorbeigehen einfach nur an und ging weiter. Monsieur Mueller beobachtete mich aber auch immer aus seinem geöffneten Fenster, wenn ich mit dem Hund draußen war.

Er erinnert mich an meinen deutschen Großvater. Der war Bergmann und schaute immer ganz düster drein. Er hatte das Herz wohl am rechten Fleck, aber das hat man ihm nie angesehen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass er im Gesicht immer schwarze Linien hatte, von der langen Arbeit unter Tage. Und wenn ich Monsieur Mueller sehe, dann denke ich oft an Großvater Walter. Zu Hause habe ich Fotos sortiert – was soll man sonst machen im Confinement- und dabei ist mir ein Foto in die Hand gefallen, auf dem Walter einmal lacht- Ottweiler Sommer 1980- meine Cousine Sabine, Opa und ich.

Ich weiß nicht was mich geritten hat. Aber als ich irgendwann im vorigen Jahr mit dem Hund draußen war, da kam Monsieur Mueller gerade aus der Tür. Wir stießen fast zusammen. Er schaute auf Bragi und fragte mich, wie der Hund denn hieße. Ich war so verdattert, dass ich ihm nur antworten konnte: „Nein, er heißt Bragi!“. Dann fragte mich Monsieur Mueller unverhofft, ob Bragi beißen würde. Und ich weiß nicht, warum ich es gesagt habe, aber ich antwortete ihm: „Nur alte Männer, die böse drein schauen!“. Ich hielt die Luft an, aber das war der Wendepunkt in unserer Beziehung. Zum ersten Mal sah ich Monsieur Mueller Lachen. Er beugte sich zu Bragi herunter und streichelte ihn. Er wünschte mir einen schönen Tag, hob den Hut und ging die Straße runter. Ich stand da- total perplex und überrascht.

Meine Großmutter sagte immer: „Man täuscht sich in nichts mehr als in den Menschen!“. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich meine Meinung zu vielen Leuten schonmal ändern musste. Bei Monsieur Mueller war es auf jeden Fall eine positive Änderung. Ich weiß nicht, ob wir das sind, oder ob das eine typisch deutsche Verhaltensweise ist, zuerst mal kritisch jedem gegenüber zu sein. Frankreich hat uns da erzogen- dort wo wir kritisch waren, trafen wir oft offene freundliche Menschen. Genauso gab es aber auch umgekehrte Fälle- Menschen, denen wir gegenüber offen waren und die sich dann nicht als unsere Freunde entpuppten. Zu unserem Glück waren es nur wenige, bei denen sich die Wege wieder getrennt haben. Wenn man so im Confinement sitzt und darüber nachdenkt, dann freut man sich sehr über diejenigen, die es wirklich gut mit uns meinen, ehrlich zu uns sind und mit denen zusammen wir so gerne unsere Zeit verbringen. Es sind die einfachen Leute, die uns in unserem Quartier begegnen, die uns Freundlichkeit entgegenbringen und Freundschaft.

Durch das Fenster sehe ich Julies Auto, einen kleinen Peugeot deux-cent-six, vor ihrer Tür stehen. Vor ein paar Wochen war mein Auto kaputt. Ohne zu zögern drückte sie mir die Schlüssel ihres Autos in die Hand. Ich konnte es kaum fassen, sie vertraut mir ihr Auto an. Es war der erste Neuwagen ihres Lebens, sie brachte es nicht fertig ihn jemals zu verkaufen. Obwohl sie mittlerweile einen neuen Peugeot fährt, ist der 206 noch angemeldet bis die CT abläuft. Aber das spielt keine Rolle. Sie hat mir einen großen Freundschaftsdienst erwiesen, ohne von mir jemals danach gefragt worden zu sein. Das ist französisch, das ist unkompliziert, das ist Freundschaft. Wir denken an euch da draußen, an unsere Freunde- egal auf welcher Seite der Grenze. Bleibt gesund! Wir wünschen euch eine schöne Woche!

Tag 30 der Ausgangssperre

🇫🇷🇩🇪Gestern ging am Bahnhof von Sarreguemines Ungewöhnliches vor. Normalerweise betritt man den Gare de Sarreguemines, um in einen Zug zu nehmen oder in die Saarbahn einzusteigen und dann nach Saarbrücken, Richtung Metz oder Richtung Strasbourg zu fahren. Gestern wurde der Bahnhof ab 17 Uhr umfunktioniert. Auf dem Bahnsteig, auf dem sonst Passagiere auf ihre Züge warten, hatte die Bauerngenossenschaft „La Ruche qui dit oui“ ihre Waren aufgebaut. Bereits am Vorabend wurden per Email Abholnummern an die OnlineBesteller verschickt und ein AbholZeitfenster genannt. 80 Besteller gab es anscheinend- ich war die Nummer 6 und ich durfte zwischen 17.45 und 18 Uhr zur Verteilstelle kommen. Diese Initiative und die Verteilung in Sarreguemines ist eine direkte Reaktion auf das Confinement. Und was soll ich sagen: Es klappte prima! Als ich dran war, nannte ich meine Nummer und schon landete das Wurst- und Fleischpaket in meinem Einkaufskorb, in meinem Panier. Ein paar Schritte weiter wurde frische Milch ausgegeben und nochmal ein paar Schritte weiter wartete das Obst und Gemüse darauf von den Kunden mitgenommen zu werden. An jeder Station ein netter Bauer oder eine nette Bäuerin, die die leckeren Sachen in Eigenproduktion herstellt. Und was soll ich sagen- ich bekam endlich Eier- und jetzt sogar die guten, die von glücklichen Hühnern sozusagen direkt in den grauen Eierkarton gelegt wurden. Wenn man über eine Woche nach Eiern sucht, sehen sie wirklich golden aus. 😉 Und was erinnerte an das Confinement? Die Polizei, die mit prüfendem Blick, ganz langsam an der Schlange der Wartenden vorbeifuhr. Aber wir standen alle in gebührendem Abstand, viele trugen Masken. Alles gut.

Während der Verteilung von „La Ruche qui dit oui“ fuhr einer der letzten Nahverkehrszüge der französischen SNCF ein. Auf seinem Display stand „Terminus du Train“ – Ich las die Worte immer noch ungläubig. Und da war er wieder, der Gedanke an die geschlossene Grenze, mitten in Europa, „Endstation Saargemünd“. Das entspricht so gar nicht dem Charakter von Sarreguemines- das passt nicht zu unserer kleinen, vitalen Stadt hier an der deutsch-französischen Grenze. Sie hat diese Bezeichnung nicht verdient- mit ihren wunderbaren Initiativen, den tollen Quartiers und ihren herzlichen Saargemündern. Bis zum 11. Mai ist es noch lang, aber all unsere Hoffnung liegt darin, dass es dann langsam besser werden wird
Und wenn die Zeit des Confinements vorbei ist, dann müsst ihr euch unsere Stadt mal anschauen- ihr werdet von ihrem Charme begeistert sein!🇫🇷

Bleibt gesund!